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Moskau
Die Liquidatoren von Tschernobyl fühlen sich mies behandelt

Moskau. 800.000 Männer wurden vor 30 Jahren eingesetzt, um die Reaktorruine zu sichern. Nun werden sie zum Opfer von Sparmaßnahmen. Von Klaus-Helge Donath

Paulina hat vor 15 Jahren ihren Mann verloren. Ein Tod auf Raten sei es gewesen, sagt die pensionierte Erzieherin. Jurij war Offizier und einer der ersten, die nach der Katastrophe von Tschernobyl als "Liquidator" am Reaktor eingesetzt wurde, um mit den Aufräum- und Sicherungsarbeiten zu beginnen. Danach hieß leben, auf den Tod zu warten. Erst Magen- dann Darmkrebs, zuletzt war auch die Leber angegriffen. Paulina klagt nicht. Ihr geht es gut, beteuert sie. Die Rente stimme, soziale Unterstützung und Vergünstigungen für die Witwen der Liquidatoren erleichterten das Auskommen. Auch für Jurijs Beerdigung musste sie damals nicht aufkommen, sagt sie.

Zwei Tage später meldet sich Paulina noch einmal. Sie ist aufgeregt und entschuldigt sich. Peinlich sei es ihr. Sie habe nicht die Wahrheit gesagt, meint die 66-jährige Rentnerin. Tatsächlich klagt sie seit zwei Jahren vor Gericht, weil die Vergünstigung für Tschernobyl-Opfer bei der Nebenkostenabrechnung der Wohnung nicht angerechnet wird. Schlimmer sei jedoch, dass das Gericht sie wie einen Störenfried behandle, der um Almosen bettele. Paulina ist verletzt, sie hat ihren Mann und das gemeinsame Leben mit ihm für das Überleben des Kollektivs geopfert. "Als Armeeangehörige gehorchen wir und stellen keine Fragen." Sie hatte Zweifel, ob sie über den Ärger reden dürfe. Ist das nicht auch irgendwie Verrat? haderte Paulina, die im Verband der Tschernobyl-Witwen mitarbeitet. Vielen ginge es wie ihr, sagt sie.

30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl sind es vor allem die Organisationen der Tschernobyl-Veteranen, die an den Fallout erinnern. In Moskau leben noch 17.000 Liquidatoren. Insgesamt müssen es 600.000 bis 800.000 aus der gesamten Sowjetunion gewesen sein, schätzt Alexei Nowitschkow vom Veteranenverband im Moskauer Südwesten.

Er macht auf ein eigentümliches Phänomen aufmerksam: Die Zahl der Veteranen mit Anspruch auf Hilfsleistungen wächst, je länger die Katastrophe zurückliegt. Oft sind es Staatsbedienstete, die im Nachhinein einen Weg finden, noch auf eine Liste zu gelangen. Die Zahl der Berechtigten stieg so auf 1,2 Millionen. "Wer mit einer Delegation mal drei Stunden in der Nähe des Reaktors war, macht sich zum Strahlenopfer", sagt Nowitschkow. Aber es seien auch Leute darunter, die nie in der verstrahlten Zone gewesen seien. Die unberechtigten Leistungsempfänger fallen besonders ins Gewicht, da sich die Unterstützung prozentual am Gehalt orientiert. Gewöhnlich sind die Bezüge der Beamten etwas üppiger.

Ganz anders ergeht es den einst jungen Militärs, sie gehen oft leer aus. 1986 waren sie junge Idealisten, die den Einsatz als Pflicht empfanden und es versäumten, rechtzeitig ihre Ansprüche anzumelden. Einen Nachweis zu erbringen, wird immer schwieriger. Zumal die Anforderungen seit Jahren hochgeschraubt werden. Ein Grund ist der gigantische Missbrauch. Gleichzeitig sollen jedoch auch die finanzeilen Leistungen eingeschränkt werden. Diese Auseinandersetzungen säen Zwist und schwächen die Verhandlungsposition der Liquidatoren, klagt Nowitschkow. Der Staat versuche gar, in die Gemeinschaft der Retter einen Keil zu treiben.

Die Position der Veteranen ist damit erheblich schwieriger geworden. Die Bereitschaft der Tschernobyl-Retter, für ihre Rechte zu kämpfen, hat deutlich nachgelassen. Angst geht um, Beschwerden oder Kritik könnten negative Folgen haben. Und sei es nur die Ablehnung eines Antrags.

Kein russisches Gesetz ist häufiger überarbeitet worden als die Lex Tschernobyl. Mehr als 2100 Mal seit seinem Inkrafttreten Anfang der 90er Jahre. Wladimir Sinelnikow, Vorsitzender des Moskauer Tschernobyl-Verbandes, hat daraus eine "Trauer-Liste" erstellen lassen. Sie enthält alle Sparmaßnahmen der letzten Jahre. Darunter fallen westliche Arzneimittel, die nicht mehr ausgegeben werden, nicht einmal bei schweren Krebsleiden. Offiziell ist die Verhängung westlicher Sanktionen daran schuld. Auch Paulina glaubt dieser Version. Darüber hinaus werden medizinische Daten so frisiert, dass Ansprüche entfallen. Oder Gesetzestexte führen kostspielige Leistungen nicht mehr auf, obwohl Ansprüche weiter bestehen und das Gesetz nicht geändert wurde. Aufgrund von Einschnitten im Gesundheitswesen sind viele Routineuntersuchungen nicht mehr kostenlos. Manch einer muss außer der Reihe nun Dienste eines Arztes privat in Anspruch nehmen.

Mit dem Spardrang veränderte sich auch die Haltung gegenüber den Liquidatoren, meint der Verbandsvorsitzende. Auch früher musste man warten, wenn man einen Antrag auf Hilfe stellte. Irgendwann gab es jedoch eine Antwort. "Heute stellen sich die Kommissionen taub und blind". Wladimir Sinelnikow musste mehr als zwei Jahre als Bittsteller drängen, bis die Stadtoberen ihn endlich anhörten. Geht man so mit Rettern um?

Wo sich der Staat in die Gedenkfeiern zum 30. Jahrestag einklinkte, war viel von Heldentum und Patriotismus die Rede. Doch diese Sakralisierung ist unaufrichtig, sie soll nicht nur individuelles Leid vergessen machen, sie entwertet es auch. Und sie soll verhindern, dass lästige Fragen gestellt werden.

Quelle: RP
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