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Analyse
Die Macht der Babyboomer

Düsseldorf. Die wichtigsten Posten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur halten die 50- bis 65-Jährigen. In dieser Altersgruppe verbinden sich offenbar Dynamik und Erfahrung am besten. Die Generation 1964 ist dort angekommen. Von Martin Kessler

Der brillante deutsche Bevölkerungswissenschaftler und Nazi-Gegner August Lösch hat in den 30er Jahren eine bemerkenswerte Theorie über Altersjahrgänge aufgestellt. Danach sind zu wahrhaft revolutionären Änderungen nur die Angehörigen von Eliten bereit, die zwischen 30 und 45 Jahre alt sind. Als Beispiele nannte Lösch die französischen Revolutionäre Maximilien de Robespierre und Georges Danton, den Russen Leo Trotzki oder auf seine verquere und mörderische Weise Adolf Hitler. Wladimir Iljitsch Lenin, der bedeutendste Umwälzer des 20. Jahrhunderts war bei Beginn der Oktoberrevolution nur unwesentlich älter. Und Mao Zedong zählte bei seinem berühmten Langen Marsch gerade einmal 41 Jahre. Auch die Grünen gelangten erstmalig in Ministerämter, als sie die 50 noch nicht überschritten hatten. Und die friedlichen Revolutionäre der deutschen Einheit, die einflussreiche Posten im wiedervereinigten Deutschland übernahmen, waren ebenfalls jünger als 50. Der unbedingte Wille zur Veränderung, die radikale Abkehr vom Alten ist ein Privileg der jüngeren Erwachsenen.

In weniger turbulenten Zeiten ist allerdings das 50. Lebensjahr oft die Schwelle, an der die meisten Erfolgreichen auf dem Zenit ihres Könnens und ihres Einflusses stehen. Das war früher so, aber erst recht in Zeiten, in denen diese Gruppe immer zahlreicher wird. Tatsächlich haben die Jahrgänge der 50- bis 60-Jährigen die größte Macht in unserer Gesellschaft, egal ob in der Politik, der Wirtschaft, der Kultur oder auch der Wissenschaft. So sind im 16-köpfigen Bundeskabinett gerade einmal vier Ressortchefs jünger als 50 Jahre, bei den 16 Ministerpräsidenten der Bundesländer ist es kein einziger.

Nicht anders sieht es in Wirtschaft und Wissenschaft aus. Von den 31 Vorstandsvorsitzenden der wichtigen Dax-Konzerne sind nur drei jünger als 50 Jahre. Und die stehen wie Ulf Schneider (48, Fresenius), Matthias Zachert (46, Lanxess) und Jim Hagemann Snabe (48, SAP) kurz davor. Schaut man in die großen Kulturinstitutionen, die wichtigsten Sender und Medienkonzerne, die Wissenschaftsorganisationen, so ergibt sich überall das gleiche Bild. Vornehmlich bestimmen die 50- bis 60-Jährigen das Bild, meist männlich dominiert, inzwischen auch mit starken weiblichen Farbtupfern.

Die Etablierten haben nun adäquaten Nachwuchs bekommen. Mit dem Jahrgang 1964 treten in diesem Jahr mehr als 1,3 Millionen 50-jährige Männer und Frauen in die magische Altersgruppe ein, die in unserer Wohlstandsgesellschaft die Fäden zieht. 17,3 Millionen Menschen in Deutschland sind zwischen 50 und 65 Jahre alt, so viel wie noch nie. Weil die Babyboomer der späten 50er und frühen 60er Jahre die Reihen der mächtigsten Altersgruppe weiter kräftig auffüllen, steigt die Besetzung der einflussreichsten Jahrgänge an. Erst am Ende dieses Jahrzehnts wird die Zahl der Menschen in dieser Altersgruppe wieder zurückgehen.

Der geburtenstärkste Jahrgang wird dann schon 56 Jahre alt und die letzten Ausläufer der Babyboomer bis etwa 1968 werden ebenfalls die 50er-Grenze überschritten haben. So gewinnt mit den Babyboomern die ohnehin einflussreiche Altersgruppe der über 50-Jährigen weiter an Macht. Dies um so mehr, als die jungen Jahrgänge immer schwächer besetzt sind. Sie werden es in Zukunft schwer haben, sich gegen die Inhaber der Schalthebel der Macht durchzusetzen. Der Publizist und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher meint sogar, der Einfluss der Jungen sei so marginal wie noch nie. "Über Jahre hinaus werden sie nicht in die einflussreichen Positionen kommen. Einzelne, die es schaffen, werden unter großem Anpassungsdruck stehen."

Schon jetzt besetzen die Babyboomer nicht nur die wichtigsten gesellschaftlichen Posten, sondern bestimmen auch die wirtschaftlichen Kennzahlen. So kauft die Generation mit den Geburtsjahren 1950 bis 1965 rund 80 Prozent aller deutschen Neuwagen. Die Hälfte des Tourismus-Umsatzes entfällt auf sie. Markenhersteller wie Henkel oder Beiersdorf, Modelabels oder Einrichtungshäuser richten ihr Sortiment ganz an den Bedürfnissen dieser kaufstarken Gruppe aus. Immerhin gehen die 50- bis 65-Jährigen nach Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung jedes Jahr für rund 500 Milliarden Euro einkaufen. Damit verfügen sie über die Hälfte der gesamten deutschen Kaufkraft.

Sie stehen also nicht nur an der Spitze der Produktion einschließlich der Sinnproduktion, sondern sind zugleich die wichtigsten Konsumenten. Mögen die jungen Leute Musik- oder Internet-Moden bestimmen, so prägen die Babyboomer die Alltagskultur. Und die Jüngeren werden lange keine Chance haben, ihrem Zeitalter einen vergleichbaren Stempel aufzusetzen.

Natürlich hat jede Generation ihre herausragenden Vertreter, vorangegangene wie nachfolgende. Aber die Generation der Babyboomer besticht durch ihre schiere Masse. Und in Massengesellschaften bestimmt die Mehrheit, wer regiert, was hergestellt und konsumiert wird. Das ist die Macht der Babyboomer. Die Eliten der Babyboomer können daraus einen weiteren wichtigen Vorteil ziehen. Denn meistens verstehen sich die Altersgleichen am besten. Sie haben einen ähnlichen Erfahrungshintergrund, sind mit den gleichen Mythen großgeworden und mussten vergleichbare Hindernisse überwinden.

Wohlgemerkt, es sind die Babyboomer insgesamt, die über so viel Macht verfügen wie kaum eine Generation vor ihnen. Die einzelnen Vertreter des Jahrgangs 1964 sind gar nicht so mächtig. Unter den Politikern ragt allenfalls Ilse Aigner (CSU) hervor, die Wirtschaftsministerin Bayerns, die sich gerade anschickt, die erste Landesmutter des Freistaats zu werden. Neben ihr verfügt nur Michael Vassiliadis, der Chef der mächtigen Gewerkschaft IG Bergbau, über vergleichbaren Einfluss. Und auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann dürfte zu den 100 mächtigsten Personen in Deutschland gerechnet werden. Drei von 100 – das ist keine gewaltige Ausbeute für den geburtenstärksten Jahrgang der Bundesrepublik. Von den wichtigsten Wirtschaftslenkern der Republik gehört keiner zum Jahrgang 1964, auch in den Vorständen ist das Rekordjahr eher spärlich vertreten. Die Henkel-Managerin Kathrin Menges bildet die Ausnahme. Die baden-württembergische SPD-Politikerin Ute Vogt, die einst antrat, um dort Ministerpräsidentin zu werden, hat ihren Zenit überschritten.

Besser sieht es bei den übrigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus. Die Schauspieler Ben Becker, Jan Josef Liefers und Martina Gedeck, der Komiker Hape Kerkeling, die Entertainer Johannes B. Kerner und Linda de Mol sowie die Sport-Legenden Jürgen Klinsmann, Jens Weißflog, Michael Gross und Heike Henkel zählen zu den Besten ihres Fachs. Geprägt haben sie ihr Metier in früheren Jahren. Sie genießen jetzt als 50-Jährige ihren Ruhm und sind wie Becker, Gedeck oder Kerkeling noch immer gefragt.

Bei den Babyboomern haben sich die jüngsten Ankömmlinge im Kreis der Arrivierten und Reichen noch nicht durchgesetzt. Die nur leicht schwächeren Jahrgänge werden nachrücken und um die gleichen Plätze konkurrieren. Da bleibt der Jahrgang 1964 nur einer. Aber er kann immer für sich beanspruchen, der zahlenstärkste zu sein.

Quelle: RP
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