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Analyse
Die Marke Che Guevara

Bogota. Apple hat seinen Apfel, Mercedes Benz den Stern. Für den Sozialismus ist das Gesicht von Che Guevara von unschätzbarem Wert. Heute vor 50 Jahren starb der wohl berühmteste Guerillero der Welt. Von Tobias Käufer

Das überlebensgroße Gesicht von Che Guevara überblickt heute den Platz der Revolution in der kubanischen Hauptstadt Havanna. So riesig, dass es alles andere optisch erdrückt. Der große Bruder der kubanischen Revolution schaut und wacht über das Volk, das er einst mithalf von der brutalen Batista-Diktatur zu befreien. Es scheint, als ob Che alles sieht, hört und über allen Dingen steht. Für die, die nicht glauben, dass der Sozialismus der einzig richtige Weg für Kuba ist, hat dieses gigantische Porträt auch eine furchteinflößende Wirkung.

Nicht Revolutionsführer Fidel Castro ist das Gesicht des weltweiten Sozialismus, sondern Che Guevara. Ein paar Autominuten entfernt, im Museum der Revolution, gibt es Che-Kühlschrankmagneten zu kaufen. Kuba braucht Devisen, und was liegt da näher als das wohl berühmteste Foto Lateinamerikas in ein Souvenir zu verwandeln. Es gibt Che-Guevara-Fotos, -Bücher, -T-Shirts, -Anstecker und -Geldbörsen. Che verkauft sich glänzend, er ist das Label des Sozialismus und eine echte Geldmaschine.

Apple hat seinen Apfel, Mercedes Benz den Stern. Für den Sozialismus ist es das Gesicht von Che - weil es den kubanischen Machthabern und sozialistischen Anhängern in der ganzen Welt gelungen ist, sein Leben trotz der Menschenrechtsverbrechen, an denen der gebürtige Argentinier beteiligt war, zu glorifizieren. So ist das nun mal in der Geschichte: Ihre Interpretation übernehmen die Sieger.

Denn Che Guevara steht auch für den brutalen und menschenverachtenden Teil der kubanischen Revolution. An mehr als 200 prozesslosen Hinrichtungen soll er beteiligt gewesen sein, Überlebende berichteten von Folter in Gefängnissen, an denen Che nicht nur teilgenommen, sondern diese auch sichtlich genossen haben soll. Er spielte sich als Anwalt, Richter und Henker zugleich auf. Mit dem Sieg kam der Rausch der Macht, und es fielen alle Hemmungen. "Dies ist eine Revolution. Und ein Revolutionär muss eine kalte Tötungsmaschine werden, angetrieben von purem Hass", soll er seine Urteile gerechtfertigt haben.

Aus Kuba ist dazu keine Aufklärung zu erwarten. Ebenso zur bis heute nicht ganz geklärten Rolle Fidel Castros, der seinen ehemaligen Mitstreiter verraten haben soll. Nach ein paar Jahren Alltag hatte sich das Klima zwischen Castro und dem populären Che vergiftet. Che verließ Kuba schließlich nach einem Streit mit dem Castro-Clan und versuchte sich im Kongo und in Bolivien erneut als Guerilla-Kämpfer. Am 9. Oktober 1967 um 13.10 Uhr ereilte Che jenes Schicksal, das er nach dem Sieg der Revolution vielen mutmaßlichen Gegnern zuwies. Er wurde von Mario Terán, einem Feldwebel der bolivianischen Armee, auf Weisung des bolivianischen Präsidenten René Barrientos Ortuño auf Druck der USA ohne Gerichtsverhandlung exekutiert.

Von da an wurde Che zum Mythos. In Havanna wird sein Andenken verehrt, wie es Katholiken mit Heiligen tun. Und der Rest der Welt vermarktet Che. Inzwischen gibt es Che-Bars, -Kulturzentren, -Restaurants und -Internetportale. Für alle, die unter den Repressionen der kubanischen Revolutionäre gelitten haben, ein Schlag ins Gesicht.

Doch es gibt auch den Che, der verehrt wird, weil er sich gegen brutale Machthaber erhob und auf die Seite der Armen stellte. Jenen Che, den die Kleinbauern verehrten, weil er sich für sie einsetzte. Der Erfolg der kubanischen Revolution ist nur deshalb erklärbar, weil sie getragen wurde von einer geknechteten und gedemütigten Landbevölkerung. Ihnen gab Che Würde und Hoffnung zurück. Bis heute genießt er in jenen kubanischen Bevölkerungsschichten großes Ansehen, die nach der Befreiung von der Batista-Diktatur aus ihren sklavenähnlichen Lebensbedingungen befreit wurden. Die Landbevölkerung bildet bis heute das Rückgrat der Kommunistischen Partei, der einzig zugelassenen auf Kuba.

Der Mythos Che ist begründet in dem einen, unverwechselbaren Foto. Jenem Bild, das Guevara mit wehenden Haaren und entschlossenem Blick zeigt. Geschossen hat es Alberto Korda am 5. März 1960 während einer Rede Fidel Castros in Havanna. Einige Jahre später hat der irische Grafiker Jim Fitzpatrick es als Schwarz-Weiß-Rot-Motiv verfremdet. So fand es sich zunächst auf Postern und Fahnen und wurde später zum Logo der Studentenbewegung der 1968er, ein Symbol des Protests.

"Was dann folgte, ist ein geradezu musterhaftes Beispiel der Diffusions- und Adoptionstheorie", sagt Dieter Tscheulin von der Universität Freiburg, der den Aufstieg Ches zur Medienikone untersuchte. Nach dieser werden neue Ideen oder Produkte von einer Minderheit aufgegriffen, den "Innovatoren". Anschließend erfolge eine Übernahme des Kaufverhaltens durch "Imitatoren". "Je mehr Personen ein Verhalten übernommen haben, desto stärker wird der Übernahmedruck auf die, die das noch nicht getan haben", erklärt Tscheulin.

Che Guevaras Konterfei findet sich millionenfach auf Kleidung und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens. "Oft werden sie ohne Kenntnis der Hintergründe als chic empfunden und auch von Leuten gekauft, die mit Che Guevaras revolutionären Ideen wenig verbinden", sagt Tscheulin. Guevaras Porträt rangiere unter den zehn meistverkauften T-Shirt-Motiven. "Unbeantwortet bleibt die Frage, ob sich Che Guevara über den Popularitätsgrad freuen würde - oder ob er unglücklich wäre, dass der Hype um Produkte mit seinem Bild nicht seinem Anspruch genüge: den ,Neuen Menschen' weniger mit materiellen Anreizen als mit Moral, Selbstdisziplin und gegebenenfalls auch mit gewaltsamen Mitteln zu schaffen", sagt Tscheulin.

Quelle: RP
 
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