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Analyse
Die neue Kapitalismuskritik der Kirchen

Düsseldorf. Papst Franziskus' drastische Schelte einer entmenschlichten Wirtschaftsweise, die töte, belebt eine alte innerkirchliche Debatte über Christliche Soziallehre als Mittelweg zwischen Profitmaximierung und Sozialismus. Von Lothar Schröder

Papst Franziskus bringe die Schuhputzer-Perspektive in die Kirche, sagte Hamburgs Erzbischof Werner Thissen. Er zielte auf das Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" vom 24. November 2013. Darin geißelt Franziskus drastisch wie kein Papst zuvor die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Diese töte und fördere eine Wegwerfkultur, in der die Ausgeschlossenen nicht nur Ausgebeutete seien, sondern Müll und Abfall.

Für viele markiert "Evangelii Gaudium" die Renaissance der Kapitalismuskritik der Römischen Weltkirche und die Wiederbelebung der mehr als 100 Jahre alten, eine Zeit lang verschütteten Katholischen Soziallehre. Anlässlich einer Tagung "Religion und Politik" der Universität Münster meinte der Rechtswissenschaftler Matthias Casper, der Papst versetze der antikapitalistischen Debatte einen neuen Schub. Franziskus kritisiere zwar nicht die Marktwirtschaft an sich, schon gar nicht die Soziale Marktwirtschaft, wohl aber verurteile er Gewinnmaximierung um jeden Preis. Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach erinnerte an die Kapitalismuskritik von Joseph Kardinal Höffner und Oswald von Nell-Breuning. Für Höffner sei der Eigennutz als einzige Grundregel der Wirtschaft durch das Versagen des ökonomischen Liberalismus brüchig geworden. Der Kardinal trat für eine Vermögensbildung breiter Schichten sowie ein uneingeschränktes wirtschaftliches Mitbestimmungsrecht der Belegschaften ein.

Jesuit Nell-Breunings Befund aus dem vergangenen Jahrhundert liest sich, als blicke er weit voraus in unsere Zeit: Im modernen Finanzkapitalismus drohe die Gefahr, dass sich das Erwerbsstreben zum Selbstzweck aufwerfe sowie maßlos auswachse.

Die Sozialisten sollten sich jedoch nicht zu früh freuen: Einen Bundesgenossen haben sie in der Kirche nicht, denn so hellsichtig sind Höffner, Nell-Breuning, die Verfasser der großen päpstlichen Sozialenzykliken seit 1891 und auch der Papst aus Südamerika: dass sie zwar kapitalistische Profitmaximierung als inhuman und gemeinwohlgefährdend kritisieren, aber ebenso die unmenschlichen, verheerenden Resultate sozialistischer Misswirtschaft.

Ob in "Rerum Novarum" (1891) von Leo XIII, "Laborem Exercens" (1981) und "Centesimus Annus" (1991) von Johannes Paul II. oder "Caritas in Veritate" (2009) von Benedikt XVI. – immer ging es um den Vorrang des arbeitenden Menschen vor den Interessen des Kapitals. Die Kirchenführer bejahen eine Kreativität begünstigende, dem Gemeinwohl verpflichtete freie Wirtschaftsordnung mit Unternehmertum und Privateigentum. Zu einem Kapitalismus jedoch, in dem die wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung im Dienst der vollen menschlichen Freiheit eingebunden ist, sagt die Papst-Kirche nicht erst seit Franziskus nein.

Da kann die evangelische Kirche noch so viele wirtschafts- und sozialethische Papiere verfassen, den Max Weber wird sie nicht mehr los. Der Soziologe hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts behauptet, dass erst der Protestantismus den Kapitalismus zur vollen Entfaltung gebracht hat. Als Gründe führte er nicht nur das strenge protestantische Arbeitsethos an. So hatte er auch beobachtet, dass in jenen deutschen Landstrichen, denen es wirtschaftlich überdurchschnittlich gut ging, die Bevölkerung mehrheitlich protestantisch war.

Ein Fluch? Wirtschaftssoziologischer Humbug? Oder doch eine gewagte These mit einem Quentchen Wahrheit? Jedenfalls ist das Geld ein Thema, das die Kirche nicht ausspart und dem sie eine auch theologische Dimension abgewinnen kann. Darauf hat der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hingewiesen: Denn "Vergebung" ist ursprünglich der Schuldenerlass und "Erlösung" der Freikauf aus Schuldknechtschaft. Solches Nachdenken verdunkelt nicht die Botschaft einer christlichen Volkskirche, die sich auf der Seite der Armen, Bedürftigen sieht. "Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes", predigte Jesus, und: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt", wie es im Matthäus-Evangelium heißt.

Fragen der Wirtschaft sind darum vor allem Fragen nach einem verantwortlichen Unternehmertum. Nach den Worten von Michael Inacker – er ist Vorsitzender der internationalen Luther-Stiftung – hat die Soziale Marktwirtschaft nicht nur protestantische Wurzeln; vielmehr könne freies Wirtschaften auch zur Grundlage moralischen Handelns werden. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) formulierte im Kirchenkampf gegen die Nazis den Gedanken, dass die Freiheit, auch die der Märkte, die beste Möglichkeit sei, Totalitarismen entgegenzuwirken. Dennoch werde über protestantische Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft innerhalb der Kirche fast verschämt geredet.

Unzweifelhaft ist, welche Partei die Kirche bei kapitalistischen Auswüchsen ergreift. Doch bleibt die Frage, ob ein calvinistischer Geist nach wie vor das wirtschaftsethische Denken der evangelischen Kirche durchweht. Die These von Max Weber ist zwar populär geblieben, doch belegt wurde sie nicht. Vielmehr wurden zwei andere Faktoren für die wirtschaftliche Blüte insbesondere in evangelisch geprägten Gebieten ausgemacht. Da ist zum einen ein größerer Bildungsstand der Protestanten, was mit Luthers Aufforderung, die Bibel auf Deutsch zu lesen, fast Tradition hat. Zudem dürften sich die seit Jahrhunderten verankerte Staatsgläubigkeit und Staatsnähe der protestantischen Kirche auch günstig auf den wirtschaftlichen Erfolg ausgewirkt haben. So bleibt Max Webers These ein Stachel, der den Impuls aussendet, wirtschaftsethische Fragen zu prüfen und neu zu stellen.

Quelle: RP
 
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