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Analyse
Die radikalisierten Bürger

Berlin. Hass gegen Muslime, Juden, Roma, Schwule und Lesben: Leipziger Forscher stellen in der Bevölkerung viel Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen fest. Allerdings erntet die Studie für ihre Methoden auch Kritik. Von Jan Drebes und Birgit Marschall

Brandanschläge auf Asylbewerberheime, Aufmärsche islamfeindlicher Pegida-Anhänger, Rückenwind für zuwanderungskritische Parteien wie die AfD: Spätestens seit dem vergangenen Jahr, als mehr als eine Million Migranten nach Deutschland kamen, hat die Zahl der Anfeindungen gegen Flüchtlinge und Muslime stark zugenommen. Wie ausländerfeindlich oder nationalistisch ist die deutsche Bevölkerung wirklich eingestellt? Welche Haltung nimmt sie gegenüber rechtsextremen Weltbildern ein? Antworten auf diese Fragen wollen die Autoren der sogenannten Leipziger Mitte-Studie liefern, deren neueste Ausgabe sie gestern in Berlin präsentierten.

Ihre Ergebnisse sind mindestens beunruhigend, teils alarmierend: Demnach wünscht sich heute jeder zehnte Deutsche wieder einen Diktator an die Staatsspitze zurück. Jeder Zweite fühlt sich durch zu viele Muslime in Deutschland manchmal "wie ein Fremder im eigenen Land". Bei der letzten Umfrage vor zwei Jahren hatten etwa 40 Prozent der Befragten dieser Aussage zugestimmt. Heute sind wiederum mehr als 40 Prozent der Deutschen dafür, Muslimen die Zuwanderung zu untersagen. Vor sieben Jahren hatte nur jeder Fünfte ein solches Verbot gutgeheißen.

Laut der Studie, die seit 2002 alle zwei Jahre durchgeführt wird, müssen heute knapp 23 Prozent der Befragten im Osten als ausländerfeindlich gelten, im Westen sind es 19,8 Prozent, bundesweit etwas mehr als 20 Prozent. Größere Unterschiede zwischen Ost und West gibt es aber besonders bei den 14- bis 30-Jährigen. Im Osten sind 23,7 Prozent dieser Altersgruppe ausländerfeindlich, im Westen nur 13,7 Prozent.

Unter dem Strich bleibt dieses Ergebnis: Der Rechtsextremismus insgesamt hat in Deutschland über die Jahre zwar kaum zugenommen. Die Ablehnung gegenüber dem Islam, seinen Glaubensanhängern sowie Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma und Homosexuellen ist jedoch stark gestiegen. Und: "Es gibt zwar keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen, aber im Vergleich zur Studie vor zwei Jahren befürworten Gruppen, die rechtsextrem eingestellt sind, stärker Gewalt als Mittel der Interessensdurchsetzung", sagte der Leiter der Studie, Oliver Decker von der Universität Leipzig.

Sein Forscherteam, das mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung kooperiert, führte im Frühjahr 2016 mit 2420 Personen - davon 503 in Ostdeutschland - Interviews (sogenannte "Face-to-Face"-Methode). Die Befragten waren im Alter zwischen 14 und 93 Jahren. Die Studie gilt in der Wissenschaftsszene zwar als anerkannt, es gibt aber auch Kritik daran. So hält etwa der führende deutsche Extremismusforscher Eckhard Jesse manche der Fragen für suggestiv. Die Konrad-Adenauer-Stiftung kritisierte, dass durch die Konstruktion der Studie ein insgesamt zu hohes Rechtsextremismus-Potenzial errechnet werde. Dennoch: Die Analyse ist mit ihrer Langzeitperspektive ist einzigartig.

Ihren Anfang nahm sie 2001, als sich elf Experten der empirischen Sozialforschung zusammentaten. Sie kamen zu diesem Ergebnis: "Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen."

Daraus ergaben sich die sechs Komponenten oder "Dimensionen": Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Für jeden dieser Bereiche wurden dann drei Aussagen entwickelt, mit denen die Teilnehmer der Umfragen seit 2002 konfrontiert werden. Unter dem Punkt "Verharmlosung des Nationalsozialismus" können die Befragten etwa diese Aussage bejahen oder verneinen: "Ohne Judenvernichtung würde man Hitler als großen Staatsmann ansehen."

Aus den Ergebnissen lesen die Forscher ab, ob rechtsextremistische Einstellungen im Zeitverlauf häufiger oder seltener auftreten. Als rechtsextremistisch gilt dabei nur, wer viele Aussagen mit Ja beantwortet. "Ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild ergibt sich aus der Zusammensetzung verschiedener Einstellungen. Wenn man etwa nur Angst vor Überfremdung hat, ist man deswegen noch nicht gleich ein Rechtsextremist", sagt der Bonner Politikwissenschaftler Frank Decker. In der neuen Studie stellen die Forscher fest, dass der Anteil an Menschen mit diesem rechtsextremistischen Weltbild eher abgenommen hat: von 9,7 Prozent im Jahr 2002 auf nun 5,4.

Gleichwohl zeigten sich die Befragten gegenüber Minderheiten deutlich kritischer als früher. So stieg die Prozentzahl derjenigen, die glauben, dass Roma zur Kriminalität neigen, von 44,2 auf 58,5 Prozent. Knapp 60 Prozent glauben, dass die meisten Asylbewerber nicht wirklich befürchten, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden. Der Anteil derjenigen, die Homosexualität für unmoralisch halten, ist von 15,7 auf 24,8 Prozent gestiegen. 36,2 Prozent sind laut Studie dafür, dass Ehen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern nicht erlaubt sein sollten (2009: 29,4 Prozent).

"Mit der Sarrazin-Debatte 2010 ist der Rechtspopulismus salonfähig geworden. Vorher war das unter der Decke gehalten worden", sagt der Bonner Politologe Decker. Das Stimmungsbild habe auch viel mit dem Kurs konservativer Parteien zu tun. Die Union könne das seit Jahrzehnten konstante rechtsextreme Potenzial heute kaum mehr binden. Da sie in die Mitte gerückt sei, sei Platz für die AfD entstanden.

Quelle: RP
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