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Bad
Die Rückkehr des Kaisers

Bad. Politisch haben Monarchisten in Österreich keine Bedeutung. Trotzdem: Einmal im Jahr feiert das Kaiserreich pompös seine Wiederauferstehung. Von Rudolf Gruber

Ischl In jedem August lässt sich in Bad Ischl eine Zeitreise machen. Dann lädt die Stadt zum "Kaiserbummel" und hat einen 2,5 Kilometer langen roten Teppich für Bewohner und Gäste ausgerollt. Bilder von Franz Joseph I. und Elisabeth (Sisi) sind allgegenwärtig. Doch Bilder, die das Kaiserpaar gemeinsam zeigen, gibt es anscheinend nicht: Die Ischler wollen Franz Joseph offenbar nur als den guten, alten Kaiser sehen, Sisi hingegen nur als ewigjunge Kaiserin. Die berühmte Konditorei Zauner, ehedem k.u.k. (kaiserlich und königlicher) Hoflieferant, gratuliert Franz Joseph zum 186. Geburtstag mit einer riesigen Torte, darauf das Kaiserwappen aus Zuckerguss. Im "k.u.k. Hofbeisl" wird selbstredend der Kaiserschmarren serviert. Der Wirt Marcus Hofbauer ist ein Dorfkaiser, den alle kennen. Hofbauer und ein paar Gefährten waren vor rund 30 Jahren auf die Idee gekommen, des Kaisers Geburtstag wie zuzeiten der Monarchie alljährlich zu feiern.

Franz Joseph verbrachte in Ischl 63 Sommer seiner 68 Regentenjahre (1848-1916). In dem kleinen Städtchen im Salzkammergut frönte er seiner Jagdleidenschaft, wann immer es die Amtsgeschäfte erlaubten. Die Kaiservilla, die Sommerresidenz, wurde neben der Wiener Hofburg zum zweiten Machtzentrum der Donaumonarchie. Von seinem geliebten Ischl lockte den Monarchen kein noch so dringender Anlass weg: Selbst die Kriegserklärung gegen Serbien, die nach dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo den Ersten Weltkrieg auslöste, unterzeichnete er am 28. Juli 1914 in in Ischl.

Ranghöchster Gastgeber der jährlichen Geburtstagsparty ist Markus Salvator Habsburg-Lothringen, der 70-jährige Urenkel des alten Kaisers und heutige Besitzer der Kaiservilla. Auftakt ist stets die Kaisermesse in der Ischler Stadtpfarrkirche, wo einstmals der Komponist Anton Bruckner an der Orgel saß. Höhepunkt ist das Defilee der Traditionsverbände und k.u.k. Regimenter aus Österreich und den ehemaligen Kronländern. Allerdings bestehen die "Regimenter" aus kleinen Gruppen und überwiegend älteren Herren; bei manchen platzt die Leibesfülle buchstäblich aus der Uniform. Erzherzog Markus, der keinerlei kaiserliche Würde ausstrahlt und eher einem Buchhalter ähnelt, schreitet die um den Parkbrunnen vor der Kaiservilla aufgestellten Verbände im eiligen Schritt ab und nimmt die Huldigungen der Kaiserdragoner, Feldjäger, Deutschmeister, Tiroler Schützen und ungarischen Husaren, die alle vor ihm ihre Fahnen und Säbel senken, mit schludrigen Gesten entgegen, als entledige er sich einer lästigen Pflicht. Als die Ischler Bürgermusik die alte Haydn-Hymne ("Gott erhalte, Gott beschütze / Unseren Kaiser, unser Land!") intonierte, herrschte ehrfürchtige Stille, als sähe der alte Kaiser der Zeremonie zu.

Politisch haben Monarchisten in Österreich keinerlei Bedeutung. Aber das Habsburger Erbe und die Erinnerung an den populärsten Kaiser werden in über 100 Verbänden und Vereinen wach gehalten.

Manfred Weickinger, 60, mimt einen Oberst der kaiserlichen Kavallerie und ist Kommandant des Traditionsvereins 4. Dragonerregiment im oberösterreichischen Wels; neben ihm steht Harald Eggenberger, 46, in der Uniform eines Wachtmeisters. Der Verein war bereits 1919, ein Jahr nach dem Niedergang der Monarchie, gegründet worden. "Damals hat man sich gesagt, das kann nicht das Ende sein", erzählt Weickinger, der seit 1986 zum Geburtstag des Kaisers die Uniform - einen ordenbeladenen blauen Rock und rote Hosen - anzieht. Die Welser "Viererdragoner" zählen 25 Mitglieder. Die Frage, ob er Monarchist sei, überrascht Oberst Weickinger nicht, geistesgegenwärtig kommt die Antwort: "Ich bin Traditionalist." Die Monarchie sei eben Teil der Geschichte Österreichs, "die ich nicht leugnen will". Der jüngere Kamerad Eggenberger schätzt an der Traditionspflege, "dass man viel herumkommt in der Welt". Einladungen kommen vorwiegend aus ehemaligen Kronländern, aber zum Beispiel auch aus Russland.

Im Café Ramsauer, dem einstigen Ischler Stammlokal berühmter Musiker - Johann Strauss, Johannes Brahms, Franz Lehár und andere trafen sich hier regelmäßig - hat der deutsche Kaiser mit seinem Hofstaat eine Pause eingelegt. Erhard Brandes und seine Frau Sylvia aus der Lüneburger Heide kamen nach Ischl als Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Auguste, im Schlepptau 23 Mitglieder des Traditionsvereins. "Wir machen das, damit sich die Leute mit der eigenen Geschichte befassen, und wir haben Spaß daran", sagt Brandes, von Zivilberuf Landwirt. Wie andere gekrönte Häupter Europas war auch Wilhelm I. mehrmals bei Franz Joseph in Ischl zu Gast, 1884 zum letzten Mal.

Wer aber meint, Bad Ischl sei ein Nest ewiggestriger Monarchisten, irrt. Den Ruf verdankt das Salzstädtchen (14.000 Einwohner) vor allem den süßen "Sissi-Filmen" der 5056 Jahre mit Karlheinz Böhm und Romy Schneider. Doch kann Ischl auf eine stolze Industrievergangenheit (Salzabbau) verweisen, die ein selbstbewusstes Bürgertum und eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft hervorgebracht hat. So überrascht es nicht, dass die ehemalige Sommerfrische des Kaisers meist rot regiert wird. "So monarchiefeindlich sind wir auch wieder nicht", beschwichtigt Hannes Heide, "ich war der erste sozialdemokratische Bürgermeister, der die jährliche Kaisermesse besucht."

So steht Heide beim Festakt neben dem Urenkel Franz Josephs, auch der Ischler Tourismuschef Roman Herzog befindet sich mit krachledernem Beinkleid im erlauchten Kreis. Wenn der Tourismus heute 30 Prozent des Handels umsetzt, dann haben die Ischler das dem Kaiser zu verdanken. "Ohne ihn hätten wir heute diese ganze Infrastruktur nicht", räumt Herzog ein. Franz Joseph ließ einstmals eine direkte Bahnverbindung von Wien in sein geliebtes Ischl bauen, Adelige, berühmte Künstler, Maler, Musiker, Schriftsteller, Wissenschaftler und jede Menge Adabeis folgten ihm in Scharen und verwandelten das kleine Voralpennest in einen mondänen Kurort. "Wir werben natürlich mit dem Kaiser, aber auch mit etwas Augenzwinkern", meint Herzog, bemüht, den Monarchierummel herunterzuspielen.

Die Schattenseiten seiner Regentschaft spielen an Kaisers Geburtstag keine Rolle. Kein Wort fällt über Franz Josephs verhängnisvolle Kriegspolitik, die den Untergang der Monarchie herbeigeführt hat. Derlei historische Fakten sind allenfalls Thema der aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum aus Anlass seines 100. Todestages in diesem Jahr.

Quelle: RP
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