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Westirak
Die Schlacht um Anbar

Heet. Heftige Kämpfe um die westirakische Provinz haben eine neue Flüchtlingswelle ausgelöst. An einer Brücke über den Euphrat staut sich der Strom der Menschen. Deutsche Ingenieure helfen bei der Versorgung mit Trinkwasser. Von Birgit Svensson

Wenn man von Bagdad Richtung Westen nach Ramadi fahren möchte, muss man zunächst in den Süden. Denn nur wenige Kilometer westlich der irakischen Hauptstadt beginnt das "Kalifat", der sogenannte Islamische Staat (IS). Zwar liegt Ramadi nur gut 100 Kilometer von Bagdad entfernt, aber die Straße dorthin ist für Menschen, die nicht in die Fänge der Dschihadisten geraten wollen, unpassierbar. Der sichere Weg führt über Mahmudija, vorbei an Bagdads Industriegebiet im Süden der Hauptstadt.

Nazahr Ghazi ist früh aufgestanden. "Wenn man nicht rechtzeitig aus Bagdad wegkommt, steht man endlos im Stau", sagt der Iraker, der seit fünf Jahren für eine deutsche Hilfsorganisation mit Sitz in Bagdad arbeitet und sich um seine Landsleute in der Provinz Anbar kümmert. Ghazi ist auf dem Weg zur Bzebis-Brücke über den Euphrat, wo im vergangenen Jahr Tausende von Flüchtlingen aus Ramadi strandeten, nachdem der IS die Provinzhauptstadt ganz unter seine Kontrolle gebracht hatte.

Danach versuchte die irakische Armee mithilfe amerikanischer Luftangriffe acht Monate lang, die Stadt zurückzuerobern - unter schweren Verlusten und mit gewaltigen Zerstörungen. Erst jetzt kehren die Bewohner allmählich zurück. Wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) angibt, sind seit Anfang März 71.000 von ehemals 280.000 Einwohnern nach Ramadi zurückgekehrt. Doch die Lage an der Bzebis-Brücke entspannt sich deshalb nicht. Im Gegenteil: Schon rollt die nächste Flüchtlingswelle aus Anbar auf Bagdad und den Süd-Irak zu.

Von den insgesamt 3,4 Millionen Binnenflüchtlingen im Land kommen die meisten (43 Prozent) von dort. Allein im März verließen weitere 50.000 Menschen in der Provinz ihr Zuhause, vor allem in der Region um Heet, das westlich von Ramadi liegt. Dort toben die heftigsten Kämpfe zwischen der IS-Miliz und den Regierungstruppen. Die Soldaten der irakischen Armee kommen nur langsam voran.

Nazahr Ghazi stammt aus Heet. Den Familienstammsitz des 27-jährigen Maschinenbauingenieurs hat der IS vor einem Jahr zu seinem Hauptquartier gemacht. Vor wenigen Tagen hat Nazahr erfahren, dass das Haus befreit worden sein soll, doch die Meldungen überschlagen sich. Es sei wie ein Pingpong-Spiel, was dort derzeit geschieht, sagt der Mann aus Anbar. Zwar seien große Teile von Heet inzwischen befreit, aber es gäbe immer noch Stützpunkte des IS. Das Gebiet ist sehr zerklüftet, landwirtschaftlich geprägt und entsprechend unübersichtlich. Die Lage sei noch nicht stabil. An zwei Orten sind die Kämpfer des IS im Irak derzeit mit Großoffensiven der irakischen Armee, diverser Milizen und der internationalen Anti-Terror-Koalition konfrontiert: in der Provinz Anbar um Ramadi und in Salah ad Din um Samarra und Tikrit.

Nach fast zwei Stunden Fahrt erreichen wir die Bzebis-Brücke. Sie liegt auf der Grenze zwischen der Provinz Anbar und dem Gouvernement Bagdad. Nur wer einen Passagierschein für die Hauptstadt hat oder einen Sponsor aufweisen kann, darf sie überqueren. In die andere Richtung benötigt man ebenfalls eine Genehmigung, um hinein nach Anbar zu kommen. Manche Flüchtlinge meinen sarkastisch, es sei schwieriger von Anbar nach Bagdad zu kommen, als vom Irak nach Europa.

Nazhar verhandelt mit dem Offizier der irakischen Armee, der an der Brücke Dienst tut. Fotos der Ponton-Brücke seien strikt verboten, faucht dieser. Sie sei ein militärisches Objekt. Erst als der Mitarbeiter von "RIRP" (Rebuild Iraq Recruitment Program) beweist, dass seine Organisation für die Flüchtlinge auf der anderen Seite einwandfreies Trinkwasser ausgibt und damit Seuchen und Krankheiten verhindert, dürfen wir über die Brücke. M;an kann sehen, dass eine zweite, stabilere schon im Bau ist.

Die Uno ist besorgt über die Situation in Anbar. "Tausende Menschen, die monatelang in Heet eingeschlossen waren, versuchen nun in Sicherheit zu kommen", sagt Lise Grande, Koordinatorin für die humanitäre Hilfe bei den Vereinten Nationen. "Wir haben aber noch keinen kompletten Zugang zu den Menschen und haben Angst um ihre Sicherheit." Viele der Familien suchten jetzt Schutz in den ohnehin schon überfüllten Camps und provisorischen Siedlungen in und um Ameriat al Falluja, Habbanija und an der Bzebiz-Brücke.

Das "weiße Lager" sieht man schon von weitem. "Es war das erste Camp hier mit weißen Zelten", erklärt Nazhar Ghazi den Namen, "das erste Lager überhaupt an der Bzebiz-Brücke. Ein Jahr ist es her, als die erste Fluchtwelle aus Ramadi hierher schwappte. Ghazi und seine Organisation bauten das Camp auf, 1500 Menschen leben hier. "Wir sind so dankbar über das saubere Trinkwasser", sagt eine Frau, nimmt ihren Plastikeimer und stellt sich in die Schlange vor dem riesigen Wasserbehälter. "Am Anfang brachten LKW das Wasser", erzählen die anderen Wartenden in der Schlange, "das war oft verschmutzt". Wer es trank, bekam Durchfall.

Innerhalb von sechs Monaten haben Nazhar und seine Kollegen zehn Trinkwasseraufbereitungsanlagen installiert - drei in Habbanija, sechs in der Umgebung von Ameriat al Falluja und eine im weißen Camp an der Bzebis-Brücke. Sie bohrten nach Wasser, errichteten Brunnenhäuschen, installierten die Anlagen. 500.000 Euro gab die Bundesregierung dafür aus. "Jede Anlage arbeitet zurzeit unter Volllast", informiert Ingenieur Ghazi, "zehn Stunden täglich". 20.500 Liter Trinkwasser würden auf diese Weise pro Tag ausgegeben. Ursprünglich sollte jeder im Lager 20 Liter zugeteilt bekommen. "Das klappt aber nicht", gibt Ghazi zu, "denn es kommen mehr Flüchtlinge als wir kalkuliert haben". Zwar würden im Camp täglich Wassercoupons ausgegeben für zwei Rationen täglich, aber die Insassen werden immer zahlreicher. Außerdem wolle man auch die vorbeiziehenden Flüchtlinge mit Trinkwasser versorgen.

"Wenn nur alles so gut wäre wie das Wasser", klagt ein junger Mann an der Bzebis-Brücke und kritisiert die übrige Versorgung im Camp. Die Essensrationen seien zu spärlich und würden ungleich verteilt, die Zelte zu klein für so viele Menschen. Ob er daran denke, bald nach Ramadi zurückzugehen? "Damit ich dann abermals fliehen muss?", fragt er skeptisch. "Der Kampf gegen den IS ist noch lange nicht vorbei."

Quelle: RP
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