Palästinenser-Unruhen erinnern an die Intifada: "Die Schlacht um Jerusalem hat begonnen"
zuletzt aktualisiert: 30.09.2000 - 18:58Jerusalem (AP). Die Unruhen der Palästinenser erinnern an die Intifada, den 1987 begonnenen siebenjährigen Aufstand in den von Israel besetzten Gebieten. Tausende Palästinenser bewerfen israelische Polizisten und Soldaten mit Steinen. Diese schießen mit Gummigeschossen und scharfer Munition zurück. Seit dem Ausbruch der Gewalt am Donnerstag sind in Jerusalem, dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland mindestens 15 Palästinenser getötet und mehr als 500 weitere Personen verletzt worden.
"Die Schlacht um Jerusalem hat begonnen", sagt der palästinensische Aktivist Bassem Naim. Auslöser der Unruhen war der Besuch des konservativen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg, wo sich zwei der heiligsten Stätten des Islams befinden, die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom. Nach dem Besuch Scharons brach die Gewalt zunächst in Jerusalem aus und griff dann auf den Gaza-Streifen und das Westjordanland über.
"Wir werden sie lehren, unseren heiligen Ort nicht zu berühren", sagt Chalil Natasch, der in Hebron im Westjordanland Steine gegen die israelischen Sicherheitskräfte schleuderte. Mit einem schwarzen Tuch zeigt er seine Trauer für die Getöteten. "Wir werden die Erde unter den Israelis verbrennen, damit sie den heiligen Ort nicht mehr betreten", droht er.
Der Führer der palästinensischen Organisation El Fatah im Westjordanland, Marwan Barghuti, fürchtet, dass die Ausschreitungen in den kommenden Tagen weiter zunehmen. "Wie sich die Israelis jetzt in den palästinensischen Gebieten verhalten und dass sie kein Bedauern über ihr Vorgehen zeigen, fördert die Konfrontation", glaubt er. Dass die Gewalt weiter eskalieren könnte, zeigt auch die Aussage eines 25-jährigen Palästinensers im Westjordanland, der seinen Namen nicht nennen will und ein M-16 Sturmgewehr in der Hand hält: "Die Israelis müssen verstehen, dass auch wir Palästinenser schießen und töten können."
Viele Israelis machen dagegen allein die Palästinenser für die Unruhen verantwortlich. "Trotz des Friedensprozesses wollen sie alles zerstören", sagt der 21-jährige Buchhalter Meiraw Buchbut aus Netanja. "Es wird keinen Frieden geben, sondern nur Krieg."
Fortführung der Friedensgespräche gefährdet
Die politischen Führungen beider Seiten schieben sich ebenfalls gegenseitig die Verantwortung für das Blutvergießen zu. Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak rief den palästinensischen Präsidenten auf, die Ruhe wieder herzustellen. Israel habe bisher "größtmögliche Zurückhaltung" gezeigt, werde aber alles Erforderliche tun, um seine Bürger zu schützen. Der palästinensische Unterhändler Nabil Schaath wirft den israelischen Sicherheitskräften dagegen vorsätzlichen Mord vor.
Der Streit um die Souveränität über den arabischen Ostteil von Jerusalem, in dem der Tempelberg liegt, hat zuvor bereits die Nahost-Friedensgespräche ins Stocken gebracht. Arafat fordert die Rückgabe des 1967 von Israel besetzten Ostjerusalem, das er zur Hauptstadt des künftigen Staates Palästina machen will. Israel lehnt dagegen eine Teilung der Stadt ab. Baraks Sicherheitsberater Danni Jatom sieht mittlerweile die Fortführung der Verhandlungen insgesamt gefährdet: "Ich hoffe sehr, dass der Friedensprozess nicht in Gefahr ist, aber sicher bin ich mir nicht."
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