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Washington
Die Tragödie der Hillary Clinton

Washington. Es ist auf jeden Fall die bitterste Stunde ihres politischen Lebens. Vielleicht auch ihres gesamten Lebens. Noch viel, viel bitterer als die Stunde der Niederlage an jenem Junitag des Jahres 2008, als sie das Vorwahlduell gegen den Senkrechtstarter Barack Obama verloren hatte. Damals schon sprach sie von der gläsernen Decke, die Frauen noch immer den Zugang ins höchste Staatsamt versperre, die aber nun schon Millionen Risse habe und demnächst zerspringen werde.

Diesmal war sie noch näher dran, ihre Ernüchterung muss umso größer sein. Doch Hillary Clinton, der man bisweilen nachsagt, sie sei eine Eiserne Lady, trägt es mit Würde. Nach anderthalb Jahren Wahlkampfmarathon, der wohl auch Jüngere an den Rand der Erschöpfung getrieben hätte, ist sie die personifizierte Selbstbeherrschung: "Ich hoffe, er wird ein erfolgreicher Präsident für alle Amerikaner", sagte Clinton am Tag nach der Wahl in vorbildlicher demokratischer Manier, als sie in New York zu ihrem Team spricht. Die Nation sei tiefer gespalten, als man gedacht habe, das habe die lange, erbitterte Wahlschlacht deutlich gemacht. "Donald Trump wird unser Präsident. Wir schulden ihm Unvoreingenommenheit und die Chance zu führen", schiebt sie hinterher.

Sie spricht vom friedlichen Übergang der Macht, wie er in den Vereinigten Staaten Tradition habe. Keine Rede ist davon, dass sie das Wahlergebnis anzweifeln will.

So, wie es Trump an ihrer Stelle wohl getan hätte. Wie so oft schon in ihrem Leben bewies Clinton in der Stunde einer schweren Niederlage Größe.

Eine der größten Demütigungen ihres Lebens fügte Hillary Clinton ausgerechnet ihr Ehemann Bill zu. Als in aller Weltöffentlichkeit die Einzelheiten einer Affäre des damaligen US-Präsidentin mit der Praktikantin Monica Lewinsky bekannt werden, legt sie fast übermenschliche Selbstdisziplin an den Tag. In dieser Zeit muss es wohl gewesen sein, dass sie sich schwor, eines Tages selbst als Präsidentin in das Weiße Haus zu ziehen.

Wie hart diese Niederlage sie getroffen haben muss, ist kaum zu ermessen. In der Nacht aber, als das Rennen bereits so gut wie gelaufen war, schien es für eine Weile, als wollte ihre Mannschaft nicht recht wahrhaben, was da gerade passiert war. Als sitze der Schock einfach zu tief. Als sich bereits deutlich abzeichnete, dass der Sieger Trump heißen würde, trat Clintons Wahlkampfmanager John Podesta vor Tausende Hillary-Fans im New Yorker Javits Center, einer Kongresshalle, die man bewusst wegen ihrer riesigen, symbolischen Glasdecke ausgesucht hatte, um eine Art Aufschub zu verkünden. Heute Nacht gebe es nichts mehr zu sagen, die Leute sollten nach Hause gehen, "sie ist noch nicht am Ende", sagte Podesta über die Kandidatin. Um 2.03 Uhr Ortszeit war das. Eine halbe Stunde später griff Clinton zum Telefon, um Trump zu gratulieren. Doch zu einer "Concession Speech", in der Verlierer ihre Niederlage in aller Öffentlichkeit eingestehen, schien sie in dem Moment noch nicht bereit oder fähig zu sein. Die folgte erst Stunden später.

Woran es nun genau lag, dass Clinton die Mehrheit nicht von sich überzeugen konnte, werden wohl die Analysen der nächsten Tage zeigen. Welche Rolle dabei die bizarre Intervention des FBI-Direktors James Comey spielte, wird aber wohl kaum zu klären sein. Comey hatte auf der Zielgeraden des Wahlkampfes angekündigt, es gelte, weitere E-Mails aus der Ära der Außenministerin Clinton zu prüfen. Wenig später erwies sich, dass die Sache nicht gar so gravierend war. Auch dies hat die tragische Figur dieser dramatischen Nacht nicht zum Thema gemacht, ob sich daran noch etwas ändert, wird sich in den nächsten Tagen erweisen. Irgendwann, sagt sie, irgendwann werde eine Madame President kommen und die gläserne Decke zertrümmern. "Und hoffentlich wird das früher sein, als wir im Augenblick glauben mögen."

Dann presst sie tapfer die Lippen zusammen, zwingt sich zu einem Lächeln. Und fügt noch einen Satz hinzu. Eine Botschaft, an der Hillary Clinton sehr liegt: "An all die kleinen Mädchen, die dies hier verfolgen, zweifelt nie daran, dass ihr wertvoll seid und stark und jede Chance und Gelegenheit in der Welt verdient, eure Träume zu verfolgen und zu verwirklichen."

(FH/RP)
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