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Ankara
Die Türkei redet die Morde an den Armeniern bis heute klein

Ankara. Am Donnerstag will der Bundestag die Massaker im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnen. Ankara erzürnt das Thema regelmäßig. Von Gerd Höhler

Die Ereignisse liegen ein Jahrhundert zurück - und entwickeln immer noch Sprengkraft. Am Donnerstag will der Bundestag über eine Resolution abstimmen, in der die Verfolgungen der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord bewertet werden. Türkische Verbände protestieren, ein Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan warnt vor einer "politischen Ausbeutung" des Themas. Sein Regierungschef Binali Yildirim sagte, die Resolution enthalte "ungerechte und grundlose" Anschuldigungen. Die politische Brisanz ist enorm.

Bis zu 1,5 Millionen Armenier fielen in den Jahren 1915 bis 1917 im Osmanenreich systematischen Vertreibungen und Massakern zum Opfer. Sie wurden ermordet, verhungerten und verdursteten auf den Todesmärschen in die Wüsten Syriens und Mesopotamiens. Die Osmanen sahen in den christlichen Armeniern innere Feinde - wegen ihres Strebens nach Autonomie und vor allem wegen ihrer Nähe zum "Erzfeind" Russland, dem Gegner der Osmanen im Ersten Weltkrieg. Die Verfolgungen sind gut dokumentiert, nicht zuletzt von Diplomaten des verbündeten Deutschen Kaiserreichs. Berlin wusste von den Massakern der türkischen "Waffenbrüder", deckte und billigte sie.

Die Türkei hadert bis heute mit diesem dunklen Kapitel. Man versucht, die Tragödie auszublenden und kleinzureden: Nicht 1,5 Millionen Armenier seien umgekommen, sondern allenfalls 200.000, und zwar nicht durch Verfolgungen, sondern "infolge von Krankheiten und Kriegswirren", so die offizielle Lesart. Zwar schlug Erdogan 2015 die Einsetzung einer türkisch-armenischen Historikerkommission vor. Doch damit wolle er vor allem das Thema aus der politischen Diskussion heraushalten und eine Anerkennung des Völkermords abblocken, meinen viele Beobachter.

Der Bundestag wäre nicht das erste Parlament, das die Verfolgungen als Völkermord wertet. Schon 1987 machte das Europaparlament diesen Schritt. 2011 kam es zu Turbulenzen, als die Nationalversammlung in Paris die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellte. 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Armenier-Verfolgungen als "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert". Erdogan warnte ihn davor, "diesen Unsinn" zu wiederholen. Und als Bundespräsident Joachim Gauck vom "Völkermord" an den Armeniern sprach, reagierte Ankara scharf: Man werde die Äußerungen "nicht vergessen und nicht verzeihen".

Derzeit sind die Beziehungen wegen der Kontroversen um die Visafreiheit und den EU-Flüchtlingspakt ohnehin gespannt. Auch Erdogans Konfrontationskurs gegenüber den Kurden und die Verfolgung von Regierungskritikern belasten das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara. Stimmt der Bundestag für die Resolution, wonach es aussieht, würde das den Graben zunächst weiter vertiefen. Der türkische Botschafter in Berlin würde möglicherweise für einige Zeit "zur Berichterstattung" nach Ankara zurückgerufen. Dass die Türkei als Reaktion das Flüchtlingsabkommen aufkündigt, erwarten EU-Diplomaten in Ankara aber nicht, auch wenn Erdogan immer wieder damit droht. Denn dann müsste er nicht nur das politische Prestigeprojekt Visafreiheit und die versprochenen EU-Hilfsgelder von sechs Milliarden Euro abschreiben. Er würde damit sein Land auch außenpolitisch isolieren.

Quelle: RP
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