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Analyse
Die vergessenen Klassenbesten

Berlin. Mit einer gemeinsamen Initiative wollen Bund und Länder besonders leistungsstarke Schüler intensiver fördern. Lehrerverbände begrüßen das Projekt zwar, glauben aber nicht an dessen nachhaltige Wirkung. Von Saskia Nothofer

Im Fokus bildungspolitischer Fördermaßnahmen standen in den vergangenen Jahren vor allem leistungsschwache Schüler. Beim Anblick der von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) seit dem Jahr 2000 veröffentlichten Pisa-Studien konzentrierte die Politik sich stets auf das untere, zu stärkende Drittel der Schüler, während die etwa 15 Prozent der Jugendlichen mit besonders guten Leistungen kaum Beachtung fanden. Dies soll eine gestern von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sowie der Kultusministerkonferenz vorgestellte Initiative von Bund und Ländern nun ändern. "Wir wollen Bildungsgerechtigkeit schaffen und die Leistungen der starken Schüler noch weiter verbessern. Jeder soll die gleichen Chancen haben", sagt Wanka.

Für das geplante Programm mit einer Laufzeit von zehn Jahren stellen Bund und Länder zu gleichen Teilen insgesamt 125 Millionen Euro zur Verfügung. In der ersten, auf fünf Jahre angesetzten Phase sollen 300 Pilotschulen Konzepte zur Förderung leistungsfähiger Schüler erarbeiten und ein Leitbild umsitzen, das sich auf Förderung durch die Schule konzentriert.. Unterstützt werden sie dabei von der Wissenschaft, die auch die Kompetenzen der Lehrer, etwa durch Fortbildungen, erweitern soll. In der zweiten Phase sollen die Schulen als Multiplikatoren dienen und ihre positiven Ergebnisse in die Breite tragen. Neben der Chancengerechtigkeit hat die Initiative auch einen ökonomischen Grund: "Als innovatives Hightech-Land können wir es uns nicht leisten, kluge Köpfe unentdeckt zu lassen", sagt die Bildungsministerin.

Die Auswahl der in der ersten Phase beteiligten Schulen ist Ländersache. Berücksichtigt werden sollen Schüler aller Schulformen von der ersten bis zur zehnten Klasse. "Es sollen so vor allem auch Potenziale bei Kindern aus bildungsfernen Familien entdeckt werden", sagt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bremer Senatorin für Kinder und Bildung, Claudia Bogedan (SPD): "Alle Kinder haben Stärken, auch wenn sie die noch nicht gezeigt haben oder sich ihrer noch nicht bewusst sind. Sie gilt es zu erkennen und entsprechend zu fördern."

Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands, teilt diese Meinung, erkennt aber auch Schwierigkeiten. "Es ist nicht einfach, begabte Kinder aus bildungsfernen Familien zu Leistung zu motivieren, da einige nie gelernt haben, dass dies etwas Erstrebenswertes ist." Eine spezielle Förderung sei also nur durch intensiven Einsatz der Lehrer möglich, was wiederum von deren zeitlichen Möglichkeiten abhänge.

An dieser Stelle sieht Meidinger das Problem der Initiative. Zwar begrüßt er den Vorstoß und betont, dass er sich schon lange für die Förderung leistungsstarker Schüler einsetze - doch die geplanten Mittel seien zu gering, um tatsächlich langfristige Fördermöglichkeiten an Schulen zu etablieren. Diese könnten von den Lehrern nämlich nicht neben dem Alltagsgeschehen realisiert werden. Man benötige Pädagogen, die sich schwerpunktmäßig mit der besonderen Förderung der Schüler beschäftigen und ihre Beobachtungen an andere Lehrer weitergeben. Wenn die besondere Förderung nicht zu einem dauerhaften Schulangebot werde, sondern nur das "Plus" einer Schule bleibe, komme es bei Problemen mit der Unterrichtsversorgung schnell zu Rückziehern. "Sind Lehrer krank oder herrscht Mangel, gibt es keine besondere Förderung mehr", sagt Meidinger.

Ähnlich sieht es auch Marlis Tepe, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW: "Das Projekt ist ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt sie. Den Schülern sei mehr geholfen, wenn die individuelle Förderung generell verstärkt würde. Die Pädagogin plädiert daher für kleinere Klassen, für mehr als einen Lehrer pro Klasse, um inklusiv zu unterrichten, sowie für innovative Klassenräume, die mehr Gestaltungsmöglichkeiten etwa für Projektarbeiten zulassen.

Ein Schwachpunkt der Initiative ist zudem die Beschränkung der Fächer, in denen leistungsfähige Schüler gestärkt werden sollen. Denn der Fokus liegt auf den Hauptfächern - also auf Fremdsprachen, Deutsch sowie den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Die künstlerisch-musischen sowie ethisch-religiösen Bereiche werden dagegen genauso wenig berücksichtigt wie der gesellschaftspolitisch-historische. "Doch gerade im staatsbürgerlichen Bereich wäre eine Förderung politisch besonders interessierter Schüler sehr sinnvoll", mahnt Meidinger.

Auch hochbegabte Kinder, die etwa zwei bis drei Prozent der Schülerschaft ausmachen, sollen von der Initiative profitieren. Hier geht es vor allem um die Schulung der Diagnosekompetenz von Lehrern. Denn gerade bei hochbegabten Schülern seien die Noten meist nicht aussagekräftig, sondern eher - etwa bei schlechten Zensuren - Ausdruck von Langeweile. "Noten sind eine Grenze, aber keine Obergrenze", sagte Bildungsministerin Wanka. Es gelte also, Lehrer so zu schulen, dass sie die besonderen Talente erkennen.

NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) begrüßt die Initiative ihrer Bundeskollegin: "Das ist Rückenwind für das Ziel der Landesregierung, ein sozial gerechtes und leistungsförderndes Schulsystem zu gestalten, in dem alle Kinder und Jugendlichen ihre Potenziale voll entfalten können." Eine gute individuelle Förderung komme allen Schülern zugute: den leistungsschwächeren, den leistungsstärkeren und auch denen im Leistungsmittelfeld. "Wir brauchen alle Talente. Deshalb ist es gut, dass wir zum Beispiel das Netzwerk Zukunftsschulen haben." In diesem Netzwerk arbeiteten rund 600 Schulen zusammen, die die individuelle Förderung als Leitkonzept in ihrem Schulalltag verankert haben.

Quelle: RP
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