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Zur US-Wahl
Die Verwundeten Staaten von Amerika

Zur US-Wahl: Die Verwundeten Staaten von Amerika
FOTO: Ferl
Amerika, du hast es besser /
Als unser Kontinent, das alte, /
Hast keine verfallene Schlösser /
Und keine Basalte. /
Dich stört nicht im Innern /
Zu lebendiger Zeit /
Unnützes Erinnern /
Und vergeblicher Streit.
Von Michael Bröcker

Johann Wolfgang von Goethe irrt. Amerika, du hast es nicht besser. Nicht mehr. Man möchte eher mit einer Ex-Bischöfin ausrufen: Nichts ist gut in den USA. Der enthemmte und erbittert geführte Präsidentschaftswahlkampf hat tiefe Wunden einer verzweifelten Nation offengelegt. In diesem Frühjahr gehörten "Auswandern" und "Kanada" zu den meistgesuchten Begriffen auf der amerikanischen Google-Seite. Die Weltmacht, die das Streben nach Glück in ihre Gründungsurkunde schreiben ließ, präsentiert sich als desillusioniertes Land. Soziale Konflikte, hasserfüllte Debatten, wirtschaftliche Stagnation. Der Graben, den die politischen Kontraste aufgerissen haben, ist so groß wie die San-Andreas-Spalte in Kalifornien. Statt über Hoffnung, Aufstieg und die Rolle Amerikas in der multipolaren Weltordnung zu diskutieren, bewarfen sich die Wahlkämpfer mit Schlamm. Der eine wollte die andere sogar in den Knast bringen.

Amerika, du hast es nicht besser. Der amerikanische Traum ist zum hohlen Versprechen degradiert worden. Die Mittelschicht schrumpft dramatisch. 2015 gehörte der mittlere Haushaltstyp (etwa eine vierköpfige Familie mit einem Haushaltseinkommen zwischen umgerechnet 30.000 und 90.000 Euro pro Jahr) erstmals nicht mehr zur Mehrheit im Land. 120 Millionen Erwachsene werden dieser Gruppe zugeordnet, 121,3 Millionen sortieren sich dagegen in den unteren oder oberen Klassen ein.

Die Ränder wachsen. Immer mehr Superreiche, immer mehr Bettelarme. Wer zehn Dollar Bargeld und keine Schulden hat, ist wohlhabender als ein Viertel der Amerikaner. Und während die Einkommen der breiten Masse seit 2000 stagnieren, wuchs die Zahl derjenigen, die mehr als 200.000 Dollar pro Jahr beziehen, von sechs auf 18 Millionen Amerikaner. Die Finanzkrise mag die Volkswirtschaft ins Mark getroffen und das Wachstum verlangsamt haben, doch die oberste Oberschicht bleibt unberührt. Die Party geht weiter.

Damit bröckelt aber die Statik der Gesellschaft. Vor allem die Afroamerikaner und die Latinos, überproportional in unteren Einkommensklassen vertreten, glauben nicht mehr an den Aufstieg. Zugleich strömen mehr illegale Zuwanderer ins Land. Sozialer Sprengstoff. Neue Heilsbringer werden gesucht und gefunden. Obskure Sekten verzeichnen Zuwächse, ebenso steigt die Zahl der Termine bei den Psychotherapeuten. Die Selbstmordrate ist in Amerika auf einem Allzeithoch. Und wo eigentlich der Keim für Wohlstand gelegt werden soll, beginnt das Dilemma: im College. Absolventen haben im Schnitt 34.000 Dollar Schulden - auch das ein Rekordwert.

Amerika, du hast es nicht besser. Der Frust der Abgehängten und Enttäuschten ist die Saat für den Aufstieg des Donald Trump. Es ist die Basis für einen Populisten, der im Wahlkampf Sündenböcke präsentiert (China! Handel! Die Clintons!) und "Washington" als Chiffre für die angeblich korrupte und machtversessene politische Elite ausgemacht hat. So waren die Clintons das ideale Feindbild. Sinnbild einer von Kungeleien verseuchten Polit-Dynastie. Beängstigend realistisch inszeniert in der TV-Serie "House of Cards".

Also: Trump wird bleiben. Auch wenn er nicht Präsident ist. Denn der Protest bleibt. Trump ist ja nur eine Spezies einer weltweit grassierenden Elitenphobie, einer Anti-Establishment-Bewegung, die Politiker wie Le Pen, Wilders und Petry auch in Europa nach oben spült.

Sicher, die Eliten tragen eine Mitschuld. Tunneldenken, politische Korrektheit, Arroganz gegen Andersdenkende. Dem Trumpismus sind ja nicht nur weiße, ältere Männer verfallen. Die alleinerziehende Mutter, die drei Jobs braucht, um ihre Kinder und die Nanny zu finanzieren. Die überschuldete Studentin. Der wegrationalisierte Fabrikarbeiter. Der Armutsrentner. Der Familienvater, der sich von Notenbankern und Immobilienmaklern das Eigenheim auf Pump aufschwatzen ließ und jetzt hoch verschuldet in die Sozialwohnung zieht. Der Veteran, der sich in sinnlosen Kriegen verheizen ließ, aber nach seiner Heimkehr die Behandlung beim Spezialisten nicht bezahlen kann. Das sind Probleme, die ähnlich auch in anderen Regierungszentralen der Welt anstehen.

Acht Jahre, nachdem Barack Obama "Hope" auf seine Plakate schreiben ließ, sind aus den Vereinigten Staaten die Verwundeten Staaten von Amerika geworden. Im Weißen Haus wird nun ein Psychiater und Sozialarbeiter, Therapeut und Motivator gebraucht. Ein mutiger Manager und besonnener Militärchef. Ein versierter Diplomat. Eine ordnende Kraft in einer Welt der Unordnung. Im Wahlkampf war eine solche Person leider nicht zu sehen.

Alles zum Wahlausgang in den USA unter www.rp-online.de

Quelle: RP
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