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US-Gefängnis im Irak
Die Wiege des Terrors liegt in Camp Bucca

Basra. Das einst größte irakische Gefängnis unter US-Verwaltung wurde zur Kaderschmiede des IS - fast die komplette Führung saß hier ein. Von Birgit Svensson

Der Weg nach Bucca ist staubig. Eigentlich sind es bloß 94 Kilometer von Iraks zweitgrößter Stadt Basra bis dorthin. Doch kein Schild nennt den Namen des Lagers, das einmal das größte Gefängnis Iraks war. Man muss sich durchfragen. Plötzlich tauchen mitten in der Wüste grüne Felder am Straßenrand auf. Und dann ein Wachturm, Betonmauern und ein Schlagbaum. "Ja", sagt ein Wachmann, "hier ist Bucca." Hier saßen sie alle ein, die späteren Größen des islamistischen Terrors. Nahezu die gesamte künftige Führungsriege des Islamischen Staats (IS) war hier inhaftiert, einschließlich seines Chefs, Abu Bakr al Bagdadi. Damals nannte er sich Ibrahim al Badri. In Bucca wurden Allianzen geschmiedet, Pläne für das Kalifat entworfen.

Während in die ehemaligen Verwaltungsgebäude der US-Armee eine Logistikfirma aus Basra eingezogen ist, werden die Gefängniszellen jetzt von einer Marineeinheit der irakischen Armee genutzt. Alles ist noch so, wie die Amerikaner das Camp Ende 2009 verlassen haben. Nichts ist dem Erdboden gleichgemacht, wie es in Medienberichten hieß. Selbst die Ziegelei, in der die Gefangenen gearbeitet haben, steht noch. Davor ein großer Platz mit überdimensionierten Scheinwerfern, wo die Häftlinge ihren Freigang absolvierten. Dahinter dann die Baracken, die jeweils bis zu 200 Gefangene beherbergten. Kurz vor dem Haupttor steht eine Betonstele mit einer aufgemalten US-Fahne. Darunter ist auf Englisch und Arabisch geschrieben: "Ein Geschenk des amerikanischen Volkes an das irakische Volk."

Über 30.000 Insassen hat Bucca in den vier Jahren verzeichnet, in denen Marwan seinen Dienst für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hier versehen hat. Manche der Häftlinge blieben über Jahre, manche Monate, einige nur Wochen. Wie lange Al Bagdadi hier einsaß, kann nicht genau nachvollzogen werden. Es gibt Quellen, die behaupten, er sei nur vier Monate in Bucca gewesen, andere sprechen von Jahren. Möglich ist auch, dass der heutige IS-Chef mehrere Male inhaftiert wurde. Das erste Mal 2004, als sein Vorbild, der Jordanier Abu Musab al Sarkawi, die Terrorgruppe Al Kaida im Irak gründete. Und dann ein weiteres Mal 2006 nach dem Anschlag auf die goldene Kuppel in Samara, eine der wichtigsten Wallfahrtstätten der Schiiten. Möglich ist aber auch, dass Bagdadi diese Attacke aus dem Gefängnis organisierte. Der 45-jährige Topterrorist stammt aus Samarra.

Sie brüsteten sich mit ihren Morden

"Die meisten Verhaftungen gab es zwischen 2007 und 2008", weiß Rotkreuzmann Marwan, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Das IKRK hat sich zum Schweigen verpflichtet. Seine Mitarbeiter arbeiten stets inkognito. Marwan war zuständig für den Besuch der Gefangenen, kümmerte sich um die Familien, die oft von weit her anreisten, um die Häftlinge zu sehen. Zwei Jahre lang habe das IKRK mit den amerikanischen und britischen Besatzern verhandelt, bis es 2005 Zugang zum Lager bekam. Marwan wohnte fortan in einem der Verwaltungsgebäude, die jetzt durch die Logistikfirma genutzt werden.

"Die meisten Häftlinge kamen aus den sunnitischen Gebieten, die heute vom IS kontrolliert werden", erzählt Marwan. Aus Ramadi, Falludscha, den Provinzen Sallahuddin, Dijala und Ninewa. Der Widerstand gegen die Besatzer war anfangs vornehmlich sunnitischen Ursprungs. Fast täglich explodierten Sprengsätze, detonierten Autobomben, zündeten Selbstmordattentäter ihre Sprengstoffgürtel, um Amerikaner und Briten zu töten und alle, die mit ihnen zusammenarbeiteten. Bucca war der Knast der Aufständischen. Sie wetteiferten darum, wer die meisten Menschen getötet hatte. Bis 2007 seien hier fast nur Sunniten inhaftiert gewesen. Danach kamen auch Schiiten.

Und dann saßen sie alle in ihren hellgelben Haftanzügen vor den Baracken, von wo aus man die Schiffe im Ölhafen von Umm Kasr beobachten kann: die nahezu vollständige Führungsriege des heutigen IS sowie Mitglieder und Sympathisanten des sunnitischen Terrors von Al Kaida. Daneben Saddam Husseins ehemalige Geheimdienstoffiziere, der Ehemann seiner Tochter, sein früherer Innenminister. In Bucca wurden die Pläne für den Islamischen Staat ersonnen, die Struktur eines sunnitischen Kalifats entworfen, aber auch schiitische Milizen-Allianzen geschmiedet. "Hier wurden sie alle zu dem, was sie heute sind", sagt Marwan.

"Wir wollten Al-Bagdadi schon im Gefängnis umbringen"

In einer Seitenstraßen am Ufer des Schatt al Arab in Basra sitzt der ehemalige Bucca-Häftling Saad Abdullah al Fatlawi in seinem Büro und schnippt mit den schwarzen Perlen seiner Gebetskette. Hinter ihm hängt eine irakische, vor ihm eine iranische Fahne. Der Schiit Al Fatlawi verkauft hauptberuflich Reisen in den Iran. Im Nebenjob kämpft er aufseiten der Schiitenmiliz Hisbollah gegen den IS und seinen ehemaligen Haftkameraden Al Bagdadi, an der Front in Samarra, dort wo der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten vor zehn Jahren begann. Inzwischen hat er sich weit über die Grenzen Iraks ausgebreitet, tobt in Syrien, im Jemen, im Golfstaat Bahrain und auch im Libanon.

"Bucca war für mich ein Friedhof von Überlebenden", kommentiert Al Fatlawi seine Zeit als Gefangener im amerikanischen Wüstenlager. "Sie kamen eines Nachts mit Hubschraubern, traten die Tür meines Hauses ein, schoben mir eine Pistole in den Mund, fesselten meine Hände im Badezimmer und traten mir in die Knie", erzählt der 47-Jährige seine Verhaftung durch amerikanische Soldaten. "Sie hatten es gezielt auf mich abgesehen." Al Fatlawi fiel hin und brach sich das Handgelenk. Mit einer dunklen Plastikmaske über dem Kopf wurde er nach Bagdad geflogen, wo er eine Sonderbehandlung bekam: vorgetäuschte Erschießungen, Kälteschocks bis fast zum Erfrieren, dröhnende Musik, damit er nicht schlafen konnte. "Sie verdächtigten mich, der Geldbeschaffer der Hisbollah zu sein. Ich sollte Informationen preisgeben, Kameraden verraten, ein Geständnis unterschreiben." Danach kam er nach Bucca, wo Al Bagdadi und seine Truppe bereits einsaßen. Die Amerikaner musste Schiiten und Sunniten trennen, berichtet der Rotkreuz-Mann Marwan, "sonst hätten wir hier auch noch Bürgerkrieg gehabt".

In einem Bagdader Gefängnis sah Al Fatlawi im September 2009 den späteren IS-Chef Al Bagdadi wieder. Die Amerikaner bereiteten damals ihren Rückzug aus dem Irak vor und lösten die Gefängnisse auf. In regelmäßigen Abständen wurden jeweils 170 Gefangene von Bucca nach Bagdad verlegt. Irakische Politiker wie der damalige Vize-Präsident Tarek Al Hashimi kamen, um die Häftlinge zu inspizieren. Nur 250 von ihnen wurden schließlich der irakischen Regierung überstellt. Unter ihnen waren vor allem hochrangige Würdenträger des Saddam Regimes . Die anderen entließ man in die Freiheit.

Saad Abdullah al Fatlawi kehrte zunächst zu seiner Familie nach Basra zurück. Al Bagdadi gründete ein Jahr später die Organisation ISIS - Islamischer Staat im Irak und Syrien - eine IS-Vorläuferorganisation. Als Bagdadi und seine finsteren Gesellen im Juni 2014 weite Teile des Nordiraks eroberten und ihr Kalifat errichteten, war Al Fatlawi nicht überrascht. "Wir wollten ihn schon im Gefängnis umbringen." Aus Rache für den Anschlag in Samarra. Doch die Amerikaner hätten den sunnitischen Terroristen in Sicherheit vor den anderen Gefangenen gebracht und ihn so der Rache der Schiiten entzogen, behauptet Al Fatlawi. Als er aus aus dem Gefängnis entlassen wurde, sprachen alle über einen gewissen Abu Bakr al Bagdadi. "Als ich sein Foto sah, habe ich Ibrahim al Badri wiedererkannt."

Quelle: RP
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