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Düsseldorf
Diese drei wollen Präses werden
Düsseldorf. Nächste Woche wählt die rheinische Landeskirche einen Nachfolger für Nikolaus Schneider – oder eine Nachfolgerin. Von Frank Vollmer

Drucksache sieben ist hellgrün und hat nur neun Seiten Text – doch dieses dünne Heftchen sorgt für mächtig Spannung, wenn morgen die Synode der rheinischen Landeskirche in Bad Neuenahr zusammenkommt. Drucksache sieben enthält die Wahlvorschläge des Nominierungsausschusses an die Kirchenparlamentarier. Position eins heißt "Präses" – gesucht ist ein Nachfolger für Nikolaus Schneider (65), der in Ruhestand geht. Zwei Frauen und ein Mann stehen zur Wahl für das Spitzenamt; am Donnerstag wird entschieden. Aus dem Trio könnte noch ein Quartett werden, denn die Synode kann selbst Vorschläge machen. Das gilt jedoch als unwahrscheinlich. Ein Überblick über das Bewerberfeld.

PETRA BOSSE-HUBER

Seit 2010, seit Nikolaus Schneider auch der Evangelischen Kirche in Deutschland vorsteht, ist Vizepräses Petra Bosse-Huber, geboren 1959 in Velbert, mehr als nur Schneiders Stellvertreterin im Landeskirchenamt. Die vergangenen Jahre haben ihr reichlich Gelegenheit geboten, ein eigenes Profil zu entwickeln, sich als kirchliche Allrounderin und damit als Nachfolgekandidatin zu präsentieren. Sie studierte Theologie und Germanistik, war lange Pfarrerin in Wuppertal, ist seit 2001 Leiterin der Abteilung "Theologie und Diakonie" und seit 2003 rheinische Vizepräses. Verheiratet, drei erwachsene Töchter.

Stärken Die Vizepräses ist als Kollegin beliebt, sie gilt als profilierte Theologin und warmherzige Vertreterin der Amtskirche. Bosse-Huber scheint den Satz verinnerlicht zu haben, ein Lächeln sei die charmanteste Art, anderen die Zähne zu zeigen: Konflikte mit schwierigen Partnern (etwa machtbewussten Männern) löst sie nicht durch Basta-Rhetorik, sondern mit unentwegter, fast unerbittlicher Freundlichkeit.

Schwächen Anders als Schneider, der in der Öffentlichkeit vor allem mit Sozialpolitischem verbunden wurde, lässt sich Bosse-Huber nicht ohne Weiteres ein Leitthema zuordnen. Schneiders auf Anhieb zu spürende pastoral-präsidiale Leutseligkeit geht der eher zurückhaltenden Bosse-Huber (noch?) ab. Schließlich: Mit der alten Kirchenleitung, zu der auch Bosse-Huber gehört, sind die Synodalen derzeit nicht besonders zufrieden.

Chancen Mit Manfred Rekowski klar die Favoritin. Als Vizepräses ist Bosse-Huber die geborene Nachfolgekandidatin. Es ist ihre zweite Bewerbung um das Spitzenamt – vor zehn Jahren unterlag sie knapp gegen Schneider. Nur das Argument, Bosse-Huber sei jetzt "dran", dürfte die Synode aber nicht überzeugen.

MANFRED REKOWSKI

Der zweite Wuppertaler Kandidat. Rekowski wurde 1958 in Moythienen (Masuren) geboren. Der studierte Theologe machte steile Karriere: Er wurde 1986 Pfarrer in Wuppertal und 1993 in Barmen jüngster rheinischer Superintendent. Rekowski könnte man den inoffiziellen Fusionsbeauftragten der Landeskirche nennen – sowohl seine Wuppertaler Gemeinde als auch sein Kirchenkreis schlossen sich mit Nachbarn zusammen. Seit 2011 ist Rekowski Chef der Personalabteilung im Kirchenamt. Verheiratet, eine Tochter, ein Sohn, beide erwachsen.

Stärken Rekowski eilt durch seine Vita der Ruf eines fähigen Kirchenmanagers voraus, besonders angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen und sinkender Finanzkraft. Obwohl öffentlich meist zurückhaltend, tritt er intern, wie Kollegen versichern, durchaus zielstrebig auf. Zudem versteht er es, seine Zuhörer mit hintergründigem Humor auf seine Seite zu ziehen. Zwar ist auch er Teil der alten Kirchenleitung, als Hauptamtlicher aber erst seit 2011 – eher ein "Neuer" also.

Schwächen "Der Präses muss nicht nur Manager sein", sagt einer, der Rekowski gut kennt. Soll heißen: Rekowski war zwar jahrelang Pfarrer, aber in theologischen Dingen gilt er als weniger profiliert als Bosse-Huber. Zudem ist er innerhalb und außerhalb der Kirche unbekannter als Bosse-Huber. Seine Wahl zum Präses wäre deshalb das größere Wagnis. Und Rekowski ist ein Mann – das wäre vor zwei Jahren noch ein fast unüberwindliches Hindernis gewesen. Inzwischen aber leitet eine Frau die westfälische Kirche, und auch Hamburg hat wieder eine Bischöfin. Möglich also, dass das "Manko Mann" nicht mehr so schwer wiegt.

Chancen Neben Bosse-Huber der zweite Favorit. Wenn das Frauen-Argument nicht mehr zieht oder sich die beiden Mitbewerberinnen gegenseitig blockieren, könnte das am Ende Rekowski nützen.

ELLEN UEBERSCHÄR

Ihre Nominierung war eine Überraschung. Ueberschär, 1967 in Ost-Berlin geboren, ist die einzige Externe der Kandidaten – sie kommt aus der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Weil die DDR die engagierte Christin nicht Medizin studieren ließ, wählte sie Theologie. Sie arbeitete an der Uni Marburg und an den Akademien Berlin und Loccum (Niedersachsen). Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Verheiratet, eine Tochter.

Stärken Ueberschär ist ein intellektueller Kopf, der auch Zuspitzung nicht scheut. Als Generalsekretärin des Kirchentags hat sie zudem mit den Protestantentreffen in Köln, Bremen und Dresden sowie mit dem Ökumenischen Kirchentag in München gezeigt, dass sie auch Macher-Qualitäten hat. Ihren "Laden" habe sie im Griff, ist zu hören.

Schwächen Keine Erfahrung in der Gemeindearbeit. Eine Präses, die nie eine Gemeinde leitete? "Das macht eine rheinische Synode nicht", vermutet ein Mitglied der Kirchenleitung – im Rheinland, wo die untere Ebene das größte Selbstbewusstsein pflegt, gilt "Basiserfahrung" als wichtige Qualifikation auch für Spitzenämter.

Chancen Klare Außenseiterin – Ueberschärs Wahl wäre eine Sensation und eine schallende Ohrfeige für die Kirchenleitung.

Quelle: RP
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