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Tripolis
Drei Jahre nach Gaddafi versinkt Libyen im Chaos

Tripolis. Das erste Treffen des neuen libyschen Parlaments ist von einer Welle der Gewalt überschattet worden. Allein in der Hauptstadt Tripolis kamen am Wochenende nach Regierungsangaben bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen um die Kontrolle des Flughafens mindestens 22 Menschen ums Leben. Im ostlibyschen Bengasi beherrschen radikal-islamische Gruppen weite Teile der Stadt. Zu ihnen gehört die Terrorgruppe Ansar al Scharia. Die Kämpfe gelten als eine der schlimmsten Krisen im Land seit dem Sturz des langjährigen Diktators Muammar al Gaddafi vor drei Jahren.

Trotz der dramatischen Sicherheitslage soll das neu gewählte Parlament heute offiziell die Arbeit aufnehmen. Bereits am Samstag versammelten sich mehr als 150 Abgeordnete - wegen der Kämpfe jedoch nicht in Tripolis, sondern in Tobruk, nahe der ägyptischen Grenze. Weil aber etliche Parlamentarier fehlten, wurde das Treffen zur Vorbereitungssitzung erklärt, wie der "Libya Herald" berichtete. So blieben unter anderem Abgeordnete aus der Stadt Misrata der Sitzung fern. Damit protestierten sie gegen die Entscheidung, in Tobruk zu tagen.

Viele Libyer verbinden mit dem neuen Abgeordnetenhaus die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und mehr Stabilität im Land. Bei der Wahl Ende Juni waren nur unabhängige Kandidaten und keine Parteilisten erlaubt, um Machtkämpfe einzuschränken. Deshalb wird sich erst nach der Bildung von Fraktionen genau zeigen, welche politische Strömung wie stark vertreten ist.

Bei den Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Milizen in Tripolis und Bengasi starben in der vergangenen Woche insgesamt rund 200 Menschen. Die Kämpfe in Tripolis waren vor drei Wochen ausgebrochen, als islamistische Milizen aus Misrata den Flughafen angriffen. Dieser steht unter Kontrolle von Bewaffneten aus der Stadt Al Sintan. Nach Raketenbeschuss geriet ein Öllager nahe dem Flughafen in Brand. Bereits Anfang der Woche schlugen zwei Raketen in einem riesigen Benzinlager ein und entfachten einen Großbrand. Am Wochenende demonstrierten nach Angaben lokaler Medien Tausende Bürger Bengasis gegen die Herrschaft der Extremisten.

Wegen der schweren Kämpfe sind bereits Tausende Libyer ins benachbarte Tunesien geflohen. Auch die meisten Diplomaten und im Land lebenden Ausländer haben Libyen verlassen. Großbritannien hat mittlerweile ein Kriegsschiff entsandt, um Ausländer zu evakuieren. Die "HMS Enterprise" sei auf dem Weg nach Tripolis, berichtete die BBC. Die Botschaft Großbritanniens in Libyen war am Freitag vorübergehend geschlossen worden.

(dpa)
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