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Interview Nikolaus Schneider
"Ehe – das sind Mann und Frau"

Düsseldorf. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland tagt ab Sonntag in Düsseldorf. Der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider kündigt Ergänzungen zum umstrittenen Familienpapier an und erklärt, warum er vom Begriff der "Homo-Ehe" nichts hält.

Es gibt scharfe Kritik am EKD-Familienpapier, das unter anderem mehr Akzeptanz für Patchworkfamilien und homosexuelle Partnerschaften fordert. Hat Sie das überrascht?

Schneider Zum Teil ja. Es gab ja auch verletzende Töne und persönliche Angriffe. Eine sachlichere Auseinandersetzung hätte ich für angemessener gehalten.

Hat es Sie auch enttäuscht, wie wenig Unterstützung kirchenintern kam?

Schneider Sie kam ja – es hat durchaus kircheninterne Unterstützung von vielen Seiten gegeben.

Welche Änderungen wird es am Familienpapier noch geben?

Schneider Es ist ja ein sozialpolitisches Papier. Wir wollen allerdings die theologische Debatte um das Eheverständnis ergänzend noch einmal neu aufnehmen. Das könnte in eine neue Veröffentlichung münden.

Dazu gehört wohl auch eine fundiertere theologische Position. Hat die EKD ein theologisches Defizit?

Schneider Sicher nicht. Die evangelische Kirche hat viele kompetente Theologen. Es geht darum, die Vielfalt theologischer Aspekte zusammenzudenken und die Pluralität von Positionen in unserer Kirche beieinanderzuhalten.

Die Bibel verurteilt Homosexualität.

Schneider Deswegen müssen wir klarmachen, warum wir in diesem Fall mit der Bibel gegen die Bibel argumentieren und diese Verurteilung heute bewusst nicht mehr teilen.

Warum tut sich selbst die evangelische Kirche schwer damit, sich von wörtlicher Interpretation bestimmter Bibelstellen zu verabschieden?

Schneider Damit tun sich meines Erachtens nicht mehr sehr viele Gruppierungen schwer. Aber es gibt Kreise, die die Bibel wortwörtlich auslegen – mit denen müssen wir uns auseinandersetzen, sie respektieren, aber auch kritisieren.

Hat die Ehe einen höheren Wert als homosexuelle Partnerschaften?

Schneider Der Wert von Partnerschaften ist wesentlich daran zu messen, inwiefern Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Vertrauen in ihnen gelebt werden – das gilt für die Ehe und für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften. Tun sie dies, sind Ehe und Lebenspartnerschaften gleichermaßen wertzuschätzen und zu fördern.

Aber das Ganze Ehe zu nennen, behagt Ihnen nicht?

Schneider Ich bin skeptisch, ob es sinnvoll ist, den Ehebegriff auszuweiten. Warum sollte man Ungleiches gleich benennen? Ich kann doch Verschiedenes gleichermaßen respektieren, ohne es gleich bezeichnen zu müssen. Bei "Ehe" wird mitgedacht, dass es eine Beziehung zwischen Mann und Frau ist, aus der Kinder hervorgehen können. Es ist sinnvoll, diesen Unterschied begrifflich festzuhalten, ohne dass dies als eine Abwertung des Anderen verstanden werden sollte.

Sollten homosexuelle Paare das volle Adoptionsrecht bekommen?

Schneider Ich bin da zurückhaltend. Es gibt noch zu wenig ausgewertete Erfahrungen, was dem Kindeswohl dient.

Sie wollen hier in Düsseldorf ein Gesetz verabschieden, das den Sonderweg der Kirchen im Arbeitsrecht absichern soll, der unter anderem ein Streikverbot vorsieht. Welche Chancen hat der "Dritte Weg" langfristig?

Schneider Wenn es uns gelingt, den Dritten Weg überzeugend zu leben und rechtlich zu ordnen, hat er gute Chancen.

Gelingt es Ihnen?

Schneider Wir sind jetzt in der Phase, in der sich das entscheidet.

Sie haben außer dem Rauswurf kein Mittel zum Beispiel gegen diakonische Werke, die sich nicht an die Absprachen des Dritten Wegs halten.

Schneider Gemeinsam mit der Diakonie Deutschland haben wir ein gestuftes Verfahren von Beratung, Ermahnung, Abmahnung bis hin zum Ausschluss von Einrichtungen aus der Diakonie entwickelt. Zum Ausschluss von Einrichtungen ist es auch gekommen, zum Glück in nur sehr wenigen Fällen.

Hinter der Arbeitsrechtsdebatte steht die Frage nach den Sonderrechten der Kirchen. Ist es Zeit, das Verhältnis von Staat und Kirchen neu zu regeln?

Schneider Das Verhältnis ist in Deutschland gut geregelt – zum Wohle aller. Ich sehe allerdings einen Punkt, den man vielleicht auch mit einer großen Koalition vernünftig besprechen kann: die Frage der Staatsleistungen als Ersatz für die Enteignungen der Kirchen im 19. Jahrhundert.

Weil sich die Staatsleistungen, ein dreistelliger Millionenbetrag pro Jahr, nicht mehr rechtfertigen lassen?

Schneider Die Staatsleistungen sind rechtens. Aber in unserer Verfassung steht der Auftrag, sie abzulösen. Wir sind dazu bereit, aber die Initiative muss von der Bundesregierung ausgehen.

Ist Ihnen die Forderung nach einer armen Kirche sympathisch?

Schneider Ja, ich halte sie in unserer Situation aber für kurzschlüssig. Denn wir brauchen Geld, um die vielfältigen Aufgaben wahrzunehmen, wie es bei uns im Dienst für die Mitglieder und zum Wohle der Allgemeinheit geschieht.

Wie sehr hat die Limburger Affäre der evangelischen Kirche geschadet?

Schneider Offenbar werden auch Austritte aus der evangelischen Kirche mit den Vorfällen in Limburg begründet. Das tut weh. Deswegen hoffen wir, dass die Vorgänge möglichst schnell geklärt werden.

Wäre nicht in solchen Krisen eine stärkere Abgrenzung Ihrerseits von der katholischen Kirche nötig?

Schneider Unter Geschwistern gehört es sich nicht, Schwächen des anderen auszunutzen und zu versuchen, von seiner Krise zu profitieren. Allerdings ist es mir schon wichtig, deutlich zu machen, dass die Finanzverwaltung in der evangelischen Kirche transparent ist. Unsere Haushalte werden von Gremien beschlossen, so dass nicht eine Person allein übers Geld verfügen kann, und alle unsere Haushalte sind öffentlich und einsehbar.

SARAH BIERE UND FRANK VOLLMER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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