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Plemetin
Ein Dorf voller Kandidaten für die Flucht

Plemetin. Fast jeder Bewohner von Plemetin im Kosovo war schon einmal in Deutschland, in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Von Anke Schönlau

Noch ein Schritt, dann steht Avni* bis zu den Knöcheln in der braunen Suppe. Das Haus steht unter Wasser, Tierfäkalien mischen sich mit Spülmittelresten. Es riecht modrig und abgestanden, das Gespräch wird lieber an der frischen Luft fortgesetzt. Ein Schritt zurück, wieder raus aus der halb zerfallenen Baracke, durch deren Rückwand das Tageslicht dringt, eine Tür gibt es nicht. Hier hätte eine Familie einziehen sollen. Auch seine eigene Wohnung könne man nicht betreten, sagt Avni, "Ratten". Seit dem Sommer ist er zurück aus Düsseldorf. Zurück in Plemetin, einem kleinen Ort rund zehn Kilometer nordwestlich von Pristina, Hauptstadt des seit 2008 unabhängigen Kosovo. Wer in Plemetin aufwächst und lebt, hat kaum eine Chance - wer Roma ist, noch weniger.

Deswegen würde Avni am liebsten wieder weg aus Plemetin, zurück nach Deutschland. Dorthin, wo Avdi* lebt. Avni und Avdi - zwei Namen, die so ähnlich klingen, und zwei Leben, die zurzeit unterschiedlicher kaum sein könnten. Beide zählen sich zur Volksgruppe der Roma. Der eine, Avni, lebt wieder im Kosovo und kann die Wohnung nicht betreten, die ihm nach der Rückkehr aus Deutschland zugeteilt wurde. Der andere, Avdi, ist aus Plemetin geflohen und lebt seit drei Jahren in Deutschland, geduldet. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, doch die Kinder gehen zur Schule, haben schnell die Sprache gelernt. Der älteste Sohn hat mittlerweile einen Ausbildungsplatz, Vater Avdi einen Minijob. Mehr lässt die Duldung, die alle drei Monate verlängert wird, kaum zu. Das Härtefallverfahren läuft.

Eine Wohnung im niederrheinischen Willich. Avdi lässt es sich nicht nehmen, geradezu zeremoniell Cay zu kochen, starken schwarzen Tee. "Eigentlich soll er nicht mehr so viel davon trinken - der Bluthochdruck", sagt Sohn Kristijan** mit strengem Blick auf seinen Vater. Der sitzt auf der Couch vor einer goldgewebten Mustertapete und durchsucht alte Fotos. Vom Balkon aus geht der Blick kilometerweit ins Grüne. Eine ländliche Idylle, doch die Angst bleibt. Jeden Tag treiben Avdi Sorgen um: "Abends denke ich: Morgen früh kommt die Polizei, dann müssen wir gehen."

Vor drei Jahren packte Avdi seine Familie in einen Kleintransporter, ein Schlepper brachte die Familie nach Deutschland. Sie flohen vor der Armut, der Enge, der Ausgrenzung. In vielen Schulen gibt es eigene Klassen für Roma-Kinder, oft gehen sie nur unregelmäßig zum Unterricht. Weil sie mit Flaschensammeln die Familie unterstützen müssen oder in der Schule geschlagen werden - das jedenfalls berichten viele Roma-Eltern in der Flüchtlingshilfe, sei es aus Bosnien, Serbien oder Kosovo.

Die EU betrachtet Kosovo als "potenziellen Beitrittskandidaten", irgendwann. Doch noch immer sind die Fahrzeuge der Friedenstruppe Kfor im Alltag omnipräsent. Sie gehören zum Kosovo, seit die Nato nach dem Ende des Krieges 1999 mit dieser Mission die Sicherung des Friedens übernommen hat. Zusammenstöße zwischen albanisch-kosovarischer und serbischer Bevölkerung sind seltener, aber nicht unvorstellbar geworden. Die Roma stehen dazwischen. In ihrem Fortschrittsbericht 2014 stellt die EU-Kommission fest, dass die legislativen Voraussetzungen zur Integration von Minderheiten zwar gegeben seien, es aber an der Umsetzung mangele. Wer einer diskriminierten Minderheit angehört, hat keine Chance auf Aufstieg, wenn schon die Mehrheitsbevölkerung kaum Perspektiven hat. Die Angaben zur Arbeitslosigkeit im Kosovo schwanken zwischen 30 und 50 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt deutlich höher. Die Cafés in den staubigen Straßen sind immer voll. In diesen Cafés wird gewartet - auf den nächsten Job, auf ein anderes Leben, eine Möglichkeit zur Ausreise.

Roma-Kinder betteln in den Cafés. Permanent abgelehnt und weggestoßen, wirken viele der Mädchen und Jungen schon früh verhaltensauffällig. Gemeinsame Schulklassen mit diesen Kindern sind für viele kosovarische Eltern unvorstellbar. Keine Bildung, keine Jobs, kein Geld. Willkommen im Teufelskreis. So haben auch nur wenige Erwachsene einen formalen Schulabschluss oder eine Ausbildung, nicht jeder kann mehr als seinen Namen schreiben.

Zurück in Plemetin: Die Männer hier würden jeden Job annehmen, sagen sie, doch nur für einen Lohn, von dem sie ihre Familie ernähren könnten. Zwölf Stunden Feldarbeit für zehn Euro am Tag werde ihnen von einem Bauer angeboten. Das hätten sie schon ab und an mitgemacht, in der sengenden Hitze, aber eine Dauerlösung sei das nicht. Mit Metallsammeln kann man mehr Geld verdienen.

Avni und seine Nachbarn schicken ihre Kinder zur Schule, beteuern sie. Von Förderprogrammen und Wohltätigkeitsorganisationen gibt es ordentliche Kleidung für den Unterricht, doch nachmittags spielen die Kinder wieder zwischen Abfällen. Seit Monaten wird der Müll nicht mehr abgeholt. Seitdem stapelt sich der Dreck auf einer wilden Halde mitten im Ort, der Wind trägt das Plastik durch die Gegend, schwerere Teile rotten vor sich hin. Fliegen überall, eine Mutter muss ihr Neugeborenes mit Tüchern vor dem Ungeziefer schützen.

Um die fremden Gesichter aus Deutschland hat sich inzwischen eine kleine Menge geschart, jeder bittet in sein Haus. "Bitte Fotos machen!" In Deutschland soll man sehen, wie sie hier leben. Wer konnte, hat die kargen Wände mit Teppichen ausgekleidet, in einer Wohnung findet sich sogar ein alter Röhrenfernseher - unregelmäßig und selten gibt es Strom in der Siedlung. Betonwände, so dunkel, als befände man sich in einem Bunker, doch vor Kälte und Zugluft im Winter schützt hier nichts. Beim "Badezimmer" scheut eine Bewohnerin dann zunächst doch das Foto, zu groß die Scham: drei dunkle Löcher im Boden, keine Türen, keine Privatsphäre. Die Fliesen der jahrzehntealten Baracken sind gerissen, überall tropft es.

Die Familien von Plemetin haben alle ihre eigenen Fluchtgeschichten. Erzählen sie, kommen die Emotionen wieder hoch, es mischen sich Wut und Unverständnis mit Angst und Resignation. Dass sie nicht über die Straße gehen können, ohne dass man ihnen "dreckiger Zigeuner" hinterher brüllt. Dass ihre Kinder krank werden, dass es kaum fließendes Wasser gibt. Dass sie zu wenig Geld haben und im Kosovo alles teuer ist - Sozialhilfe oder Schwarzarbeit auf den Feldern reichten kaum zum Leben, und in beiden Fällen habe es mit Glück zu tun, ob die Beträge ausbezahlt würden. Ärger auch über das komplizierte deutsche Geflecht aus Vorgaben und Formeln, aus Föderalsystem und Förderung, das sie nicht verstehen, weil es ihnen niemand erklärt.

Drei Dinge, sagt einer der Nachbarn, will er loswerden. Erstens: "Im Kosovo gibt es keinen Platz für uns Roma. Ich rate jedem, nicht aus Deutschland zurückzukommen." Zweitens: "Ich wünsche mir, dass die Deutschen überwachen, wie die Behörden mit uns umgehen." Drittens: "Wenn ich die Möglichkeit habe, komme ich wieder nach Deutschland." Feststellung Nummer drei teilt fast jeder seiner Nachbarn.

Avni hat im Hochhaus eine Übergangslösung gefunden, um nicht in der rattenverseuchten Wohnung leben zu müssen. Solange sein eigener Vater in Deutschland auf das Asylverfahren wartet, kann er in dessen verlassener Wohnung leben. Kommt der zurück, wird auch Avni es vielleicht noch einmal ein Deutschland versuchen.

* Vollständige Namen der Autorin bekannt. ** Name geändert.

Quelle: RP
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