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Analyse
Ein Jahr Dieselgate - wenig gelernt

Wolfsburg/Washington. Am 20. September 2015 musste Europas größter Autokonzern Manipulationen an Dieselmotoren einräumen - der Skandal kann 35 Milliarden Euro kosten. Die Mitarbeiter sorgen sich um ihre Jobs, der Konzern taktiert. Von Reinhard Kowalewsky

Der Hinweis auf wahrscheinlichen Betrug wurde für umgerechnet nur 62.000 Euro erbracht - das kostete Volkswagen bereits bisher 13,1 Milliarden Euro. Und am Ende könnte die Abgas-Affäre Europas größten Autokonzern sogar 35 Milliarden Euro oder mehr kosten. So sieht die Bilanz von Dieselgate aus, nachdem VW am 20. September 2015 zugeben musste, bei der Software für Dieselautos getrickst zu haben.

Dabei fing alles harmlos an. Fast zufällig untersuchten im Jahr 2013 Forscher der West Virginia University im Osten der USA, ob die Abgaswerte von Dieselwagen in den streng regulierten USA weniger zwischen Test- und Straßenbetrieb abweichen als in den USA.

Auftraggeber war die Umweltschutzorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT). "Wir dachten, die Fahrzeuge seien sauber", sagte John German vom ICCT. Doch als der umgerechnet 62.000 Euro teure Test extreme Auffälligkeiten bei VW-Fahrzeugen enthüllte, übergab man den Sachverhalt den Behörden. Und dann wurde detailliert nachgewiesen, dass VW-Motoren die Abgase im Testbetrieb viel stärker reinigen als im Normalbetrieb: niedrige Abgaswerte für den Test, spritziges Fahren für unterwegs. Das war das Resultat. Nur ein Softwaretrick war als Ursache denkbar.

Neustart Ins Jahr Zwei nach Beginn der Affäre startet VW als teilweise neuer Konzern: Schon am 23. September musste Vorstandschef Martin Winterkorn zurücktreten - der frühere Porsche-Chef Matthias Müller reißt das Ruder teilweise herum: 2025 soll jeder vierte Wagen des Weltkonzerns mit einem Elektromotor vom Band rollen, lautet das neue Ziel - undenkbar unter Winterkorn. Ein radikales Sparprogramm wurde angekündigt. Aber Müller macht auch riesige Fehler: In den USA provozierte er die Behörden mit arrogantem Auftreten, der Konzern spricht noch immer beschönigend von einer "Abgasthematik" - echte Reue sieht anders aus, die Führungstruppe wurde nur minimal ausgetauscht.

Entschädigung Dabei haben in der Affäre um weltweit elf Millionen manipulierte Dieselautos die Aufräumarbeiten erst begonnen. 13,1 Milliarden Euro kostet ein erster Vergleich für 480.000 Diesel mit Zwei-Liter-Motoren in den USA. Aber noch ist unklar, wie dort die Käufer von Drei-Liter-Autos entschädigt werden. Gestern reichten auch Hessen und Baden-Württemberg nach Bayern Klage ein, weil VW-Aktienpakete an Wert verloren hatten - insgesamt könnten sich Klagen von Anlegern auf zehn Milliarden Euro summieren, meldet die "Süddeutsche Zeitung" pünktlich zum Jubiläum von Dieselgate.

Und VW muss noch regeln, wie die Millionen Geschädigten im Heimatmarkt und in Europa einen Ausgleich erhalten. In Deutschland urteilen bisher viele Gerichte, dass die Manipulationen keine Pflicht zur Kaufpreis-Erstattung bedeuten - die Kunden im Heimatmarkt sollen also mit Nachbesserungen zufrieden sein.

Doch es gibt auch andere Urteile. Hintergrund ist etwa die Frage, ob die Fälschungs-Software ein so großer Mangel ist, dass Kunden vom Kauf zurücktreten können. Am Mittwoch entschied noch das Krefelder Landgericht, dass ein Audi-Händler zwei verkaufte Dieselautos zurücknehmen muss und den Kunden den Kaufpreis abzüglich der bisherigen Nutzung erstatten muss, weil Nachbesserungen eines Betrugskonzerns unglaubwürdig seien.

Ähnlich argumentiert Klaus Müller, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen: "Europäische Kunden dürfen nicht zu Kunden zweiter Klasse werden. VW muss ihnen endlich mit einem fairen Entschädigungsangebot entgegenkommen", sagt er. Dafür müsse VW eine "rechtsverbindliche Garantie" für die Fahrzeuge ausstellen, die auch langfristige Auswirkungen einschließe, wie etwa möglichen Wertverlust des Fahrzeugs. Er beklagt, dass die Bundesregierung wenig Druck auf VW ausübt - aber die hat mehr das Wohl eines der größten Arbeitgeber Deutschlands im Sinn.

Strafrecht Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig laufen Verfahren gegen 30 mutmaßlich Beteiligte der Affäre -bei 21 wegen der Software-Manipulation. Gegen sechs wird im Zusammenhang mit falschen CO2- und Verbrauchsangaben ermittelt.

Die Ermittler gehen daneben dem Verdacht nach, Ex-Konzernchef Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess hätten die Finanzwelt zu spät über den Skandal ins Bild gesetzt.

Bisher gibt es keinen Hinweis, dass Winterkorn von den Softwaretricks wusste, aber die Affäre könnte doch für ihn teuer werden: Wegen Verletzung der Aufsichtspflicht müssten ihm eigentlich Schadenersatzklagen seines Ex-Arbeitgebers drohen, wenn VW ein normales Unternehmen wäre. Tatsächlich spielen in Wolfsburg aber alte Seilschaften und die Politik noch immer eine riesige Rolle.

In den USA führte der Druck der Ermittler dazu, dass ein VW-Ingenieur sich des Abgas-Betrugs schuldig bekannte und womöglich auspackt. US-Medienberichten zufolge wird auch bei den strafrechtlichen Ermittlungen über einen Vergleich verhandelt - wer andere belastet, kommt besser weg.

Belegschaft Der Zwölf-Marken-Konzern mit 600.000 Beschäftigten steckt weiterhin in der schwersten Krise seiner Geschichte. Nur rund 18 Milliarden Euro hat VW für Entschädigungen zurückgelegt. Wenn weitere Zahlungen hinzukommen, schreibt das Unternehmen noch mehrere Jahre rote Zahlen.

Hinzu kommt, dass die Wende viele Jobs kosten wird: Das Motorenwerk in Salzgitter mit 7000 Mitarbeitern gilt als verzichtbar. 5000 Stellen fallen dieses und nächstes Jahr sowieso weg, erwarten Analysten. Und nachdem VW seinen Erfolg früher stark auf die Dieselmotoren aufbaute, schwächt diese Abhängigkeit nun. Vor einem Jahr waren in Deutschland 48 Prozent der Neuwagen Diesel, jetzt sind es 47 Prozent - Tendenz sinkend. Denn die Diskussion über zu hohe Stickstoffdioxidwerte in Städten wie auch Düsseldorf bringt den Diesel weiter in Verruf. "Das schädigt VW überdurchschnittlich", so Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Quelle: RP
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