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London
Ein Muslim regiert London

London. Sadiq Khan poliert für Labour die Bilanz der Kommunal- und Regionalwahlen auf. Von Jochen Wittmann

Es gibt eine politische Regel in Großbritannien, die besagt, dass eine Regierungspartei ein Jahr nach Amtsantritt damit rechnen muss, an den Urnen abgestraft zu werden. Diesmal nicht: Die Konservativen dürfen mit dem Ausgang der Kommunalwahlen in England und den Regionalwahlen in Schottland durchaus zufrieden sein. Labour als größte Oppositionspartei dagegen sammelte kaum Proteststimmen. Das größte Debakel erlitten die Sozialisten in Schottland. Dort konnten die schottischen Nationalisten von der SNP den dritten Wahlsieg in Folge feiern. Labour landete auf dem dritten Platz - wie zuletzt 1910.

Zu den Kommunalwahlen in England könnte man auf den ersten Blick sagen: Es hat sich nicht viel verändert. Doch das Bild ist für Labour dramatisch, denn ein Jahr nach der Unterhauswahl hätte die Partei unter dem bisher glücklosen Oppositionsführer Jeremy Corbyn besser abschneiden müssen. Einige Beobachter sprechen von der größten Schlappe seit Jahrzehnten.

Einen Lichtblick allerdings gab es für Labour: London. Hier gewann Sadiq Khan die Bürgermeisterwahl, und seine Biografie könnte kaum besser zur Hauptstadt passen. Khan ist der Sohn eines pakistanischen Busfahrers und einer Näherin. Die zehnköpfige Familie hauste in einer Sozialwohnung in Südlondon, wo Khan sein Zimmer mit zwei Brüdern teilte. Nach dem Jura-Studium arbeitete er als Menschenrechtsanwalt, bevor er in die Politik ging. Khan stieg schnell auf und diente in der letzten Labour-Regierung als Staatsminister für Verkehr - der erste Muslim in Großbritannien, der es bis ins Kabinett geschafft hatte.

Jetzt dürfte er der erste Muslim sein, der London regiert - nach Auszählung der Erststimmen lag Khan neun Prozentpunkte vor dem Konkurrenten Zac Goldsmith; ein Sieg galt daher als ausgemacht. Goldsmith ist in vielerlei Hinsicht das Gegenmodell: Milliardärssohn, privilegiert, konservativ, weiß. Er führte eine Schmutzkampagne gegen Khan, in der der Muslim in die Nähe islamistischer Extremisten gerückt wurde, weil er als Anwalt Zeitgenossen wie den Islamisten und Judenhasser Louis Farrakhan verteidigt hatte. Khan dürfte nun Corbyn die Rolle als Gesicht der britischen Opposition streitig machen.

Quelle: RP
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