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Berlin
Ein Querdenker geht

Berlin. Er gehört zu Deutschlands beliebtesten Politikern, mit der eigenen Partei fremdelte Wolfgang Bosbach (CDU) aber immer mehr. Von Eva Quadbeck

Auch wer Wolfgang Bosbach nur als Politiker kennt, kann sich gut vorstellen, wie er damals in den 70er Jahren als Leiter eines Supermarkts auftrat: fleißig, für jeden Kunden ein herzliches Wort oder einen Scherz parat, exakt bei der Kassenabrechnung.

Seinen Frohsinn und seine Unbestechlichkeit bewahrte er sich auch in den mehr als 20 Jahren im Bundestag. Jetzt gibt er aber doch auf und will 2017 aus dem Bundestag ausscheiden. Es seien politische und persönliche Gründe, erklärte der CDU-Politiker, der so viele Etiketten mit sich herumträgt. Er gilt als Euro-Rebell und letztes konservatives Aushängeschild der CDU, als Talkshow-König, Querdenker und Abweichler.

Seitdem er sich in der Euro-Krise konsequent gegen die Politik der Bundesregierung gestellt hatte, dachte er mehrfach ans Aufhören. Auch in der Flüchtlingskrise stand der 64-Jährige, der als Innenpolitiker stets ein klares Konzept von "Law and Order" vertrat, in Opposition zur Politik der Kanzlerin. So legte er im Sommer 2015 den Vorsitz des Innenausschusses des Bundestags nieder. Unserer Redaktion sagte er damals: "Ich will nicht immer die Kuh sein, die quer im Stall steht."

Ein solcher Satz ist typisch Bosbach: Er spricht Klartext, verwendet eingängige Sprachbilder und sagt seine Meinung ohne Umschweife. Diese Art der Kommunikation, die er auch bei seinen vielen Talkshow-Auftritten pflegte, machte ihn als einfachen Bundestagsabgeordneten zu einem der beliebtesten Politiker im Land und zum heiß begehrten Gast in TV-Gesprächsrunden.

Die härtesten Auseinandersetzungen hatte Bosbach auf dem Höhepunkt der Euro-Krise. Damals dachte er erstmals laut übers Aufhören nach. Im Spätsommer 2011 kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem damaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU). Die nordrhein-westfälische CDU-Landesgruppe traf sich in der Berliner Repräsentanz des Landes, um über den Euro-Rettungsschirm EFSF zu beraten. Bei der Frage, wer gegen den Rettungsschirm stimmen werde, meldete sich auch der damals noch neue Abgeordnete Carsten Linnemann, der heute der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU vorsitzt. Pofalla, der zwei Plätze von Linnemann entfernt saß, fragte, ob dieser in der Nacht noch Nachhilfe benötige. Bosbach sprang dem jüngeren Kollegen zur Seite und kritisierte Pofallas drohenden Tonfall, dies sei nicht die "feine englische Art". Kurz darauf war die Sitzung der CDU-Parlamentarier beendet. Pofalla und Bosbach trafen beim Herausgehen aufeinander. Pofalla raunzte Bosbach an: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Dann eilte Pofalla weiter, drehte sich noch einmal um und setzte nach: "Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt." Bosbach wiederum, der von dieser Verbalattacke überrascht war, ging Pofalla hinterher und verteidigte sich.

Der Streit, den viele Abgeordnete mithörten, hatte sich mittlerweile auf die Straße verlagert, wo die Dienstlimousinen warteten: "Ronald, guck bitte mal ins Grundgesetz, das ist für mich eine Gewissensfrage", argumentierte Bosbach. Pofalla wurde noch einmal ausfällig, bevor er in den Wagen stieg: "Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe", sagte er. Der damalige Kanzleramtsminister und heutiges Vorstandsmitglied der Bahn AG entschuldigte sich anschließend bei Bosbach für seinen Wutausbruch. Bosbach nahm die Entschuldigung an.

Es ist aber nicht nur die Entfremdung von seiner CDU, die Bosbach zum Aufhören bewegt. Auch seine schweren Erkrankungen, der Prostata-Krebs und seine Herzschwäche, mit denen er immer sehr offen umgegangen ist, dürften eine Rolle spielen. Mit den Krankheiten verfuhr er ähnlich wie mit politischen Widrigkeiten: unbeirrt weitermachen. Doch nun ist er an einem Punkt, an dem er eben dies nicht mehr kann und will.

Viele Bürger werden ihn vermissen. Er glänzte nicht nur in Talkshows, sondern auch in Unterhaltungssendungen. Legendär bleibt sein Auftritt 2014 in der Quiz-Sendung "Wer wird Millionär?" Damals kämpfte er mit einer Frage zur DDR-Kult-Waschmaschine und versuchte, Kanzlerin Merkel als Joker anzurufen. Sie ging nicht ran. Das mag Zufall gewesen sein. Aber es ist auch typisch für ihr Verhältnis. Merkel und Bosbach haben keinen guten Draht zueinander. 2005 wäre er gerne Innenminister geworden. Merkel aber ging auf Nummer sicher und bevorzugte Wolfgang Schäuble. Schon damals deutete sich an, dass Bosbach in der Ära Merkel ein Mann für die zweite Reihe bleiben würde.

Vom Schlage Bosbach gibt es nicht mehr allzu viele Leute in der Politik. Carsten Linnemann (CDU), sein Streitgenosse bei der Euro-Rettung, bedauert daher Bosbachs Entscheidung. Linnemann sagte: "Er ist ein Glücksfall für die Politik, deshalb ist es bitter, dass er uns verlorengeht."

Quelle: RP
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