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Istanbul
Eine Kinderbraut für einen Armreif

Istanbul. Die Zahl der Männer, die in der Türkei die Notsituation von Flüchtlingen ausnutzen, steigt. Für ein bisschen Schmuck oder Geld verkaufen Familien ihre oftmals minderjährigen Töchter. Der Menschenhandel boomt. Von Thomas Seibert

Der Juwelier Ali Caliskan aus der türkischen Stadt Kilis an der Grenze zu Syrien hat neuerdings eine besondere Sorte Kunden. Es sind Männer aus Zentral-Anatolien oder von der türkischen Schwarzmeerküste, die nach Kilis kommen und bei ihm einen Ring, ein Paar Ohrstecker oder einen Armreif kaufen. "Dafür kriegen sie dann eine syrische Kinderbraut und nehmen sie mit", erzählte Caliskan der Zeitung "Hürriyet".

In Kilis leben inzwischen mehr Syrer als Türken, viele Familien dort sind so arm, dass sie sich kaum etwas zu Essen leisten können. Und deshalb werden immer mehr Mädchen im Kindesalter verkauft. Hasan Kara, Bürgermeister von Kilis, weiß um das Problem und bestätigte der Zeitung "Hürriyet" die Vorwürfe. Doch er ist machtlos dagegen, denn immer mehr Männer nehmen eine Syrerin zur Frau, ganz gleich, wie alt sie ist. Viele der Männer sind außerdem schon verheiratet. Filiz ist Ehefrau eines solchen Mannes, der sich eine zweite Frau kaufte. Eine Syrerin, 15 Jahre alt. Aus Angst und Scham will Filiz nur ihren Vornamen verraten. Mit ihrem Mann - dem Vater ihrer beiden Kinder - lebt sie in der Stadt. Seit kurzem teilt sie ihren Mann. Unfreiwillig. Dabei ist Polygamie in der Türkei verboten, wird aber häufig hingenommen. Wie von Filiz. Die wirtschaftliche Notlage vieler der rund 2,7 Millionen Flüchtlinge im Land macht es für Türken billiger, neben der offiziellen Ehefrau per islamischer Zeremonie noch eine junge Syrerin zu heiraten. Manchmal reiche schon ein goldener Ring als Brautgeld aus. Rechtlich haben diese sogenannten Imam-Ehen keinen Bestand, doch das hilft den betroffenen Frauen und Mädchen nicht. Immer wieder werden 15-Jährige Männern ausgeliefert, die 50 oder 60 oder noch älter sind.

In einem neuen Bericht, der kurz vor dem heutigen Weltfrauentag veröffentlicht wurde, schlägt die türkische Ärztevereinigung TTB Alarm. Syrische Mädchen "sind gezwungen oder werden gezwungen, als Zweit- oder Drittfrau zu heiraten", heißt es in der Analyse. Andere müssten sich prostituieren, um ihren Familien das Überleben zu sichern. Außerdem gebe es Hinweise darauf, dass syrische Frauen von Menschenhändlern als Sex-Sklaven verkauft würden.

Organisierter Menschenhandel sei oftmals auch Grundlage der Zwangsehen, meint die TTB. In den meisten Fällen, in denen türkische Männer eine syrische Zweitfrau suchten, würden Vermittler eingeschaltet, berichten die Experten. Vor allem bei der Suche nach Kinderbräuten. Auch das Brautgeld werde an die Vermittler gezahlt. Die syrischen Flüchtlingsfamilien sehen den Handel mit ihren Töchtern demnach zum einen als Einnahmequelle, zum anderen als Chance, zumindest ein Mitglied der Familie aus der unsicheren Existenz als Heimatlose zu befreien und in die - angebliche - Sicherheit einer türkischen Familie zu bringen. Da immer mehr Männer eine Zweitfrau haben, verlieren die Frauen gegenüber ihren Gatten jeden Einfluss. Filiz, die Hausfrau aus Kilis, berichtete in "Hürriyet", ihr Mann weise sie bei jedem Streit darauf hin, dass er ja noch eine weitere Frau habe. Wenn Filiz von ihrem Gatten verlassen würde, habe sie kein Einkommen mehr - sie sei völlig abhängig von ihrem Ehemann.

Nicht nur die Gewichte verschieben sich innerhalb vieler Ehen dramatisch, auch die Gewalt gegen Frauen in der Türkei nimmt immer weiter zu. Nach einer Zählung der Organisation "Wir Stoppen die Gewalt gegen Frauen" wurden im vergangenen Jahr 303 Frauen von ihren Männern, Lebenspartnern oder Ex-Gatten ermordet. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren.

Quelle: RP
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