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Eine Kindheit in Sklaverei

Neu. In Indien verschwinden jedes Jahr 100.000 Minderjährige. Viele enden als Sklaven in Haushalten, Bordellen oder als Bettler. Von Christine Möllhoff

Delhi Am Tag musste sie 14 bis 16 Stunden im Haushalt schuften und in der Nacht ihrem "Arbeitgeber" zu Willen sein. Mausami war noch ein halbes Kind, als ihre Eltern sie in die Metropole Delhi schickten. Zu arm, um für sie zu sorgen, glaubten sie, dass Beste zu tun. Ein Agent hatte ihnen versprochen, ihr einen guten Job zu verschaffen. Stattdessen verkaufte er das Mädchen als Haushaltssklavin. Als eine Hilfsorganisation Mausami schließlich mit Hilfe der Polizei befreite, war die 16-Jährige im dritten Monat schwanger.

Auch Imtiyaz' Eltern hofften auf einen bessere Zukunft für ihren Sohn. Ein wohlhabender Mann aus der Metropole Delhi hatte ihnen zugesichert, die Schule für den Jungen zu bezahlen, wenn er ihm dafür "ein paar Stunden" zur Hand gehe. Stattdessen musste Imtiyaz 16 Stunden in einer von Delhis Hinterhof-Fabriken schuften. Zu essen bekam er nur Chapati, das indische Fladenbrot, oder alten Reis. "Wenn ich einen Fehler gemacht habe, hat mich mein Arbeitgeber geschlagen. Wenn ich sagte, dass ich zu meinen Eltern zurück will, hat er mich auch geschlagen", erzählt Imtiyaz später seinen Rettern.

Moderne Sklaverei hat viele Gesichter. Gemeinsam ist den Opfern, dass sie nicht fliehen können und wie Vieh gehandelt werden. Mindestens 45,8 Millionen Menschen arbeiten laut einer aktuellen Studie der australischen Stiftung "Walk Free" weltweit in sklavenähnlichen Verhältnissen. Allein ein Drittel davon leben in Indien. Dort werden 18,3 Millionen Menschen in solcher Abhängigkeit gehalten, dass die Studie von moderner Sklaverei spricht. Das sind 1,4 Prozent der indischen Bevölkerung. Nur Nordkorea (4,4 Prozent), Usbekistan (3,9 Prozent) und Kambodscha (1,6 Prozent) liegen noch vor Indien.

Hinter den Zahlen verbergen sich Geschichten wie die von Mausami und Imtiyaz. Vor allem Kinder und Frauen aus armen Verhältnissen werden leicht Opfer der Menschenhändler. Jedes Jahr verschwinden 100.000 Kinder, die meisten Mädchen. Einige müssen in Haushalten schuften oder werden als Bräute verkauft. Andere als Kinderarbeiter in Fabriken gesteckt. Wieder andere von Mafiabanden zum Betteln auf die Straße geschickt. "Oft werden die Kinder verstümmelt, weil behinderte Kinder mehr Geld bekommen. Die Banden erhöhen ihre Gewinne, wenn sie dem Kind die Augen herausschneiden oder Körperteile amputieren", berichtet der Menschenrechtsaktivist Kundan Srivastava. Mädchen werden an Bordelle verkauft und wie Tiere in Käfige oder fensterlose Verschläge gesperrt, damit sie nicht fliehen. Einige sind nicht älter als neun. Menschenhändler machen sich systematisch an junge Mädchen aus armen Familien heran. Manchmal locken sie mit guten Jobs. Manchmal spielen sie die große Liebe vor, bis die Mädchen mit ihnen davonlaufen. Andere verschleppen die Mädchen gewaltsam.

So geschah es Maya aus Uttar Pradesh. Sie wurde erst von einer Gruppe Männer vergewaltigt und dann an eine "Madam" in Varanasi verhökert, die sie mit heißen Eisenstangen traktierte, bis sie gefügig war. Erst zwei Jahre später konnte sie schließlich mit Hilfe eines Freiers fliehen.

Rameshs Kindheit endete, als er acht Jahre war. Wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater musste er in einer kleinen Ziegelbrennerei in Bihar arbeiten. Seine Familie lebte seit Generationen in Schuldknechtschaft. Drei Jahre lang schleppte der Junge Steine. Erst als die Fabrik dicht machte und er als Teejunge arbeitete, konnte er davonlaufen.

"Schuldknechtschaft ist weltweit die häufigste Form moderner Sklaverei", schreibt die Wissenschaftlerin Sarah Knight. Ganze Familien, meist aus den ärmsten Schichten, verpfänden ihre Arbeitskraft, um einen Kredit, etwa für Nahrung oder medizinische Hilfe, aufzunehmen. Doch die Zinsen sind so hoch, dass sie kaum Chancen haben, den Kredit je abzuzahlen. Obwohl Schuldknechtschaft seit 1976 in Indien verboten ist, ist sie bis heute laut Experten verbreitet.

Die meisten Schuld-Sklaven finden sich in der Landwirtschaft, aber auch in Ziegel-, Textil- und Feuerwerksfabriken, in Steinbrüchen und auf Teeplantagen. Opfer sind vor allem die sogenannten Dalits, die sich aus ehemaligen Unberührbaren und Eingeborenen-Stämmen rekrutieren. Nur die wenigsten dieser Unglücklichen entkommen der Schuldenspirale. Oft werden die Schulden über Generationen weiter vererbt. "In einigen Dörfern gibt es Familien, die seit über 200 Jahren in Schuldknechtschaft gefangen sind", schreibt Knight.

Quelle: RP
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