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Bangui
Eine Schule für den Frieden

Bangui. 2013 brach in Zentralafrika ein Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen aus; die Lage bleibt prekär. Aber ein Projekt macht Hoffnung. Von Philipp Hedemann

Hand in Hand gehen Yarada und Movnira über den Schulhof. Die beiden sind beste Freundinnen. Dabei sollten sie sich hassen, sich gegenseitig den Tod wünschen. Das haben die Kämpfer christlicher und muslimischer Milizen den Mädchen einzureden versucht. Denn Yarada ist Christin, Movnira Muslima. Während des Bürgerkriegs in der Zentralafrikanischen Republik töteten und vergewaltigten Christen Muslime und Muslime Christen, doch die Freundschaft der Mädchen war stärker als der Hass der Fanatiker. Jetzt sollen sie eine wichtige Rolle bei der Versöhnung im zweitärmsten Land der Welt spielen.

Nachdem im März 2013 Rebellen den Präsidenten gestürzt hatten, brach in der ehemaligen französischen Kolonie ein Bürgerkrieg zwischen den muslimischen Séléka- und den christlichen Anti-Balaka-Milizen aus. Dabei ging es zunächst weniger um Religion, sondern vielmehr darum, dass der muslimische, noch ärmere Norden bei der Verteilung der Reichtümer des Landes - Gold, Diamanten, Holz - seit Jahrzehnten vom christlichen Süden übergangen worden war.

Tausende wurden getötet, rund ein Viertel der Einwohner musste fliehen. 10.000 Kinder kämpften nach Schätzungen im Bürgerkrieg. Viele von ihnen sind nie zur Schule gegangen. Beide Konfliktparteien setzten Vergewaltigungen systematisch als Kriegswaffe ein. Um den Gräueln ein Ende zu setzen, entsandte Frankreich ab Dezember 2013 über 1600 Soldaten, seit September 2014 soll eine UN-Blauhelm-Truppe den brüchigen Frieden sichern. Derzeit gehören der Mission fast 13.000 Soldaten, Polizisten und zivile Mitarbeiter an.

"Es waren ganz viele Männer. Sie kamen in unser Haus und schnitten meinem Vater mit einer Machete die Kehle durch. Ich habe alles gesehen und gehört", erzählt Movnira. Während sie stockend spricht, nestelt sie mit einer Hand nervös an ihrem Kopftuch, mit der anderen greift sie nach Yaradas Hand.

Die Männer, die ihren Vater töteten, waren Kämpfer der christlichen Anti-Balaka. Nachdem die Bande ihren Vater ermordet hatte, floh Movnira mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den benachbarten Tschad. Erst vor drei Monaten kehrte sie zurück. Als sie nach fast zwei Jahren Yarada wiedersah, erfuhr sie, dass auch ihre beste Freundin im Krieg Familienmitglieder verloren hatte. Die muslimischen Séléka hatten zwei ihrer Cousins getötet.

Die 13-jährige Yarada und die 14-jährige Movnira trösten sich nicht nur gegenseitig, sie lernen auch gemeinsam. In der Schule sitzen sie nebeneinander. "Ich bin so froh, dass der Unterricht wieder angefangen hat. Während des Krieges hat sich niemand hierher getraut. Aber viele Schüler fehlen noch. Manche sind geflohen, andere gibt es gar nicht mehr", sagt Yarada.

Die Koudoukou-Schule in der Hauptstadt Bangui war vor dem Krieg eine der wichtigsten und größten Bildungseinrichtungen des Landes. Über 4000 muslimische und christliche Jungen und Mädchen besuchten die Schule, die mitten im am heftigsten umkämpften Stadtteil PK 5 liegt. Noch immer werden hier regelmäßig Christen und Muslime von Fanatikern der jeweils anderen Religion gelyncht.

"Viele unserer 800 Schüler sind traumatisiert. Deshalb ist es nicht leicht, den Krieg im Unterricht zu thematisieren. Aber um die Kinder zu religiöser Toleranz zu erziehen, ist genau dies notwendig", sagt der muslimische Direktor Soumaine Doukan, der im Krieg selbst drei Brüder und sein Haus verlor.

Doch damit die Schule zu einem Ort der Versöhnung werden konnte, musste sie zunächst wieder aufgebaut werden. Granaten und Kalaschnikow-Kugeln hatten Dächer, Fenster und Mauern durchsiebt, Plünderer hatten fast das gesamte Mobiliar gestohlen oder zerstört. "Weil die Schule direkt auf der Frontlinie zwischen Muslimen und Christen lag, hat sich keine Hilfsorganisation rangetraut", erzählt Welthungerhilfe-Projektleiter Dirk Raateland. Während französische Soldaten und UN-Blauhelme sich nur in kugelsicheren Westen und schwerbewaffnet aufs Gelände trauten, teilte der meist mit einem traditionellen afrikanischen Hemd bekleidete Entwicklungshelfer christliche und muslimische Arbeitsgruppen ein, die die Schule gegen Bezahlung wieder aufbauten. "Wir haben klar gesagt, dass die Arbeiten sofort eingestellt werden, wenn jemand Waffen mitbringt oder es zu Konflikten zwischen den Religionsgruppen kommt", sagt Raateland. Zwischen den Bauarbeitern blieb es friedlich; am Ende bildeten sich sogar Freundschaften.

Dennoch wurde das Projekt erst nach 14 Monaten abgeschlossen. Ursprünglich waren nur drei Monate eingeplant. "Kämpfe in der Nachbarschaft zwangen uns immer wieder, die Arbeiten zu unterbrechen. Doch seit der Papst Ende letzten Jahres in einer Moschee in unmittelbarer Nähe der Schule Muslime und Christen zur Versöhnung aufrief, ist es endlich auch hier meist relativ friedlich", sagt Raateland.

Bildung, Versöhnung, medizinische Versorgung, Ernährung - Hilfsorganisationen übernehmen viele Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen. Aus gutem Grund: "Leider ist die Regierung einfach noch nicht in der Lage, sich ausreichend um die humanitären Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. Deshalb ist es derzeit notwendig, dass die internationale Gemeinschaft hilft", sagt Peter Eduard Weinstabel, Leiter des Verbindungsbüros der Deutschen Botschaft in Bangui.

Auch wenn über der Schule, in der Kinder und Jugendliche bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden, ein Hubschrauber der französischen Armee kreist und Blauhelmsoldaten regelmäßig vor der Schule patrouillieren, scheint der erst vor wenigen Monaten zu Ende gegangene Bürgerkrieg in der großen Pause weit weg zu sein. Auf dem Schulhof spielen christliche und muslimische Schüler in gemischten Teams Fußball. Yarada und Movnira sind nicht die einzigen Kinder, die unterschiedlichen Religionen angehören und Hand in Hand über die weite Grasfläche gehen.

"Die Kinder leben viel mehr im Jetzt und Hier. Wenn sie über die Religionsgrenzen hinweg Freundschaften schließen, können sie auch uns Erwachsenen helfen, unsere schreckliche Vergangenheit endlich hinter uns zu lassen", sagt Schulleiter Doukan. Yarada und Movnira sind dabei zwei seiner vielen Botschafterinnen und Botschafter. "Wir besuchen uns auch nach der Schule", erzählt Movnira: "So sehen unsere Eltern, dass Christen und Muslime eigentlich gleich sind und miteinander befreundet sein können."

Quelle: RP
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