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Gesundheitsministerin Schmidt: Völlig undenkbar: Empörung über vorgeschlagene Altersgrenze für Behandlungen

zuletzt aktualisiert: 02.06.2003 - 18:24

Berlin (rpo). In der ARD-Sendung "Report" vom Montag haben Wissenschaftler gefordert, bestimmte medizinische Leistungen bei Kassenpatienten ab einem bestimmten Alter aus Kostengründen nicht mehr durchzuführen. Das hat einen Sturm der Empörung ausgelöst.

"Dies sind unverantwortliche Gedankenspiele, die mit mir nicht zu machen sind", betonte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in der "Passauer Neuen Presse" (Dienstagausgabe). Ähnlich äußerten sich einhellig Union, Grüne und die Ärzteschaft.

Hintergrund sind Forderungen von Wissenschaftlern in der ARD-Sendung "Report" vom Montag, wonach aufwendige und teure Behandlungen wie Dialyse oder Operationen bei Herz- oder Krebserkrankungen ab einem bestimmten Alter bei Kassenpatienten aus Kostengründen nicht mehr geleistet werden sollen. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Friedrich Breyer brachte nach "Report"-Angaben die Altersgrenze 75 ins Gespräch.

CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer bezeichnete den Vorschlag in der "Passauer Neuen Presse" als verrückt. Es dürfe in Deutschland niemals so weit kommen, dass man wegen des Alters nicht mehr am medizinischen Fortschritt teilhaben kann. Grünen-Menschenrechtsexpertin Christa Nickels nannte den Vorschlag in der Münchner "Abendzeitung" "skandalös".

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe verurteilte die Überlegungen scharf. "Die Einführung von Altersgrenzen für medizinische Behandlung erinnert an Euthanasie unter anderen Vorzeichen." Hoppe verwahrte sich gegen den "Ökonomisierungswahn des Gesundheitswesens".

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung betonte, Breyers Vorschläge seien "unethisch, widersprechen dem Geist der solidarischen Krankenversicherung und dem Selbstverständnis der deutschen Ärzteschaft." Der Wissenschaftler setze voraus, dass man zwischen wertem und unwertem Leben unterscheide. SPD und Grüne dürften die Vorschläge keinesfalls aufgreifen.

Der Vorsitzende des Marburger Bunds, Frank-Ulrich Montgomery, erklärte, die Vorschläge seien an Menschenverachtung kaum zu überbieten. "Wir Ärztinnen und Ärzte werden nicht zulassen, dass Mitmenschen früher sterben, nur weil sie älter sind."

Der Bayreuther Wissenschaftler Eckhard Nagel, Mitglied des Nationalen Ethikrats, sagte dem Berliner "Tagesspiegel", jede Altersgrenze wäre willkürlich. "Es gibt kein Alter, ab dem das zu rechtfertigen wäre", sagte Nagel. Er bezweifelte, dass mit einer Altersgrenze nennenswerte Einsparungen in der gesetzlichen Krankenversicherung zu erzielen wären.

Der Präsident des Sozialverbands VdK, Walter Hirrlinger, meinte, bei dem Vorschlag wollten Professoren Gott spielen. "Sollen jetzt alle über 75-Jährigen zum Tode verurteilt werden?"


 
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