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Bogotá
Endlich Frieden in Kolumbien

Bogotá. Mit der Unterzeichnung des historischen Friedensvertrages findet der Krieg nach 40 Jahren endlich sein Ende. Von Tobias Käufer

Die vier Buchstaben, die ganz Kolumbien elektrisieren, sind omnipräsent. In riesigen Lettern prangen sie als "Si" oder "No" über der mächtigen Autopista Norte in der Hauptstadt Bogotá oder als kleines handgemaltes Graffito auf den am Straßenrand lagernden Zementrohren in der Provinz Caquetá. Kaum ein Dorf oder eine Straße, die nicht in Beschlag genommen worden sind von den Befürwortern oder den Gegnern des historischen Friedensvertrages zwischen der linksgerichteten Farc-Guerilla und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos.

"Natürlich kämpfe ich für das Ja", sagt Wahlkämpfer Fernando Rodriguez (62). "Ich will, dass meine Enkel endlich in einem Land ohne Krieg aufwachsen." Für das "Si" legen sich viele kolumbianische Weltstars ins Zeug: Rad-Profi Nairo Quintana zum Beispiel, der gerade erst die Spanien-Rundfahrt gewann, Bildhauer Fernando Botero, der am Wochenende dem Präsidenten eine Skulptur in Form einer weißen Friedenstaube übergab. Oder auch die Sängerin Shakira, die in den sozialen Netzwerken mit eigenen Fotos um Zustimmung für den Vertrag wirbt. Stimmen die Umfragen, dann wird am kommenden Sonntag das Ja-Lager einen Sieg davontragen. Spannend wird vor allem sein, mit welchem Vorsprung. Ein knapper Sieg wäre kein gutes Omen. Und es gibt warnende Stimmen, die vor allzu großem Optimismus warnen.

Denn es gibt auch die Nein-Sager. Ihr prominentester Vertreter ist der ehemalige Präsident Álvaro Uribe (2002 bis 2010). Kaum ein Politiker wird von der Farc so gehasst wie der rechtskonservative Hardliner, von dem viele in Kolumbien sagen, er sei der beste Präsident gewesen, den das Land jemals gehabt habe. Und zugleich der schlechteste Ex-Präsident. Denn Uribes Politik der militärischen Stärke hat die Farc erst an den Verhandlungstisch gezwungen. Allerdings zum Preis schwerer Menschenrechtsverletzungen. Sein Verteidigungsminister damals hieß Juan Manuel Santos, der heutige Präsident. Inzwischen sind die beiden zerstritten. Uribe, heute Senator, denkt gar nicht daran, die Rolle des zurückhaltenden Ex-Staatsmannes zu spielen, und fährt stattdessen einen skurrilen Kurs der Fundamentalopposition gegen den Frieden. Er macht seinen Landsleuten Angst vor einem Kolumbien, in dem nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Uribe sieht den linken Castro-Chavismus auf dem Vormarsch, und nicht wenige Kolumbianer glauben seiner düsteren Prognose von einem Ausverkauf des Landes an die Kommunisten. Vor allem die politische Amnestie, die im Friedensvertrag eingebaut ist, ist für viele Kolumbianer schwer zu verkraften. Die Farc hat nicht die meisten der 250.000 Toten und sechs Millionen Binnenflüchtlinge zu verantworten, aber ihr Anteil daran ist beträchtlich. Und die Furcht vor den mordenden Guerilleros hat sich tief in die kolumbianische Seele eingefressen. So sehr, dass die Gegner des Friedensvertrages eine breite Basis in der Bevölkerung haben.

"Ich halte die Volksabstimmung für genau den richtigen Weg", sagt der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel unserer Redaktion. "Man kann nicht den Frieden einfach so institutionell anordnen. Das ist auch keine Angelegenheit der Farc und des Staates. Das muss auch aus der Gesellschaft kommen. Und deswegen ist ein Ja so wichtig."

Trotzdem haben Präsident Juan Manuel Santos und Farc-Kommandant Rodrigo Londoño Echeverri alias "Timochenko" das Papier gestern unterschrieben, obwohl um die Formalien bis zuletzt gerungen worden war. Das Museum Naval in Cartagena war der Schauplatz dieses historischen Ereignisses, zu dem mehr als ein Dutzend Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt erwartet worden waren.

Für die Farc-Kommandospitze war die Reise nach Cartagena ein einschneidendes Erlebnis. Denn jahrzehntelang versteckten sich die Guerilla-Bosse im Dschungel, um dem Bombenhagel der Armee oder den Attacken der gefürchteten rechtsgerichteten Paramilitärs zu entgehen. Nun erlebten sie ihr politisches Coming-out. Es ging hinaus auf die große Bühne der Weltpolitik, aber diesmal nicht im weit entfernten und geschützten Kuba, wo vier Jahre verhandelt wurde. Diesmal ging es nach Cartagena. Diesmal war der Kontakt mit der kolumbianischen Bevölkerung nicht mehr zu vermeiden. Es war der erste richtige öffentliche Auftritt der Farc-Bosse in Kolumbien seit Jahrzehnten.

Quelle: RP
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