| 07.25 Uhr

Athen
Endstation Griechenland

Athen. Weil sich andere EU-Länder abschotten, stranden die Flüchtlinge in der Ägäis. Von Gerd Höhler

Es ist jeden Morgen das gleiche Bild: Wenn die Autofähre "Nissos Rhodos", die von der Insel Lesbos kommt, gegen acht Uhr im Hafen von Piräus anlegt und sich die Rampe öffnet, strömen Hunderte Flüchtlinge von Bord. Die meisten fahren mit der Stadtbahn ins zehn Kilometer entfernte Athen, oder sie besteigen einen der Überlandbusse. Ihr Ziel ist die Grenze zu Mazedonien. Von dort wollen sie weiter nach Nord- und Westeuropa, vor allem nach Deutschland.

Über 850.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus der Türkeiauf die griechischen Ägäis-Inseln gekommen und über Piräus nach Norden gezogen. Jetzt, im Winter, ist der Strom etwas abgeebbt. Kamen im Sommer an manchen Tagen mehr als 5000 Flüchtlinge auf den Inseln an, sind es jetzt pro Tag etwa 1200 bis 1700. Aber Fachleute der Internationalen Organisation für Migration und der Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR erwarten für das Frühjahr, wenn die Stürme abflauen und die Temperaturen steigen, wieder mehr Flüchtlinge.

Spätestens dann könnte es für Griechenland kritisch werden. Denn immer mehr EU-Länder schotten sich ab. Ioannis Mouzalas, der für Migrations- und Flüchtlingsfragen zuständige Vizeminister, fürchtet einen Dominoeffekt: "Wenn die anderen Länder nacheinander ihre Grenzen schließen, würden Hunderttausende Flüchtlinge in Griechenland festsitzen."

Tausende Migranten aus anderen Ländern sind bereits in Griechenland gestrandet. Und ihre Zahl wächst ständig, denn es kommen immer mehr Menschen aus nordafrikanischen Ländern wie Marokko, Algerien und Tunesien über die Türkei nach Griechenland. Versuche, sie in ihre Heimatländer zurückzubringen, scheitern bisher an deren Weigerung, ihre Bürger zurückzunehmen. Auch die Türkei spielt bisher nicht mit.

In Athen räumt man auch eigene Versäumnisse ein. "Wir sind im Rückstand", gesteht Minister Mouzalas. Das gilt vor allem für die fünf "Hotspots" auf den Inseln, an denen die Ankömmlinge identifiziert und registriert werden sollen. Eigentlich sollten diese Zentren schon im Oktober in Betrieb gehen. Der Hotspot auf Lesbos funktioniert zwar inzwischen, aber die Einrichtungen auf Chios, Samos und Leros würden wohl erst in vier Wochen einsatzbereit sein, sagt EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos. Die Verzögerungen liegen teils an organisatorischen Schwierigkeiten. Mancherorts sind aber auch Proteste der Bevölkerung der Grund.

Das eigentliche Dilemma für Griechenland und die EU insgesamt bleibt aber die Sicherung der Außengrenzen. Da tue Griechenland nicht genug, lautet ein häufig gemachter Vorwurf. Migrationsminister Mouzalas wehrt sich gegen diese Kritik. Die Landgrenze zur Türkei im Norden sei "hervorragend gesichert", sagte Mouzalas. Schon 2012 errichtete Griechenland an einem neuralgischen Abschnitt der Grenze einen drei Meter hohen Metallzaun. "Dort kommt fast niemand mehr durch", sagt Mouzalas.

Anders sieht es in der Ägäis aus. Inseln wie Lesbos, Chios oder Kos liegen so dicht vor der türkischen Küste, dass hier die türkischen Hoheitsgewässer unmittelbar an die griechischen grenzen. "Wir sind der Korridor", erklärt er. "Die Tür zu diesem Korridor ist in der Türkei - nur dort kann das Problem gelöst werden."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Athen: Endstation Griechenland


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.