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Larnaka
Entführung aus Liebeskummer?

Larnaka. Eine Geiselnahme im ägyptischen Luftraum endet glimpflich - auf Zypern. Das Motiv des Täters waren offensichtlich in erster Linie privat. Für das Vertrauen in die Sicherheit des Urlaubslands Ägypten ist der Vorfall allerdings verheerend. Von Benno Schwinghammer und Takis Tsafos

"Mit dem Schrecken davongekommen" - so beschreibt es ein Mitarbeiter des zyprischen Verkehrsministeriums. Da ist auf der Mittelmeerinsel die Entführung eines Egyptair-Flugzeugs gerade ohne Tote oder Verletzte zu Ende gegangen. In den Stunden zuvor hat sich in Larnaka allerdings ein Nervenkrieg abgespielt, der Erinnerungen wachwerden ließ: Auch die 1977 entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" war dort gelandet, bevor die Entführer sie in den Nahen Osten weiterfliegen ließen.

An Bord der Egyptair-Maschine befinden sich gestern beim Start in der nordäygptischen Metropole Alexandria mindestens 55 Passagiere, darunter 26 Ausländer, und sieben Besatzungsmitglieder. Das Ziel, Kairo, ist etwa 30 Flugminuten entfernt. Doch nach dem Start droht ein Mann an Bord plötzlich mit der Zündung eines Sprengstoffgürtels. Statt nach Kairo zwingt er die Piloten, nach Larnaka zu fliegen. Später stellt sich heraus, dass es nur eine Attrappe war. Diesen Verdacht hegen die zyprischen Behörden von Anfang an; der Mann wirkt labil. "Wir wollten aber auf Nummer sicher gehen", sagt Außenminister Ioannis Kassoulides, "und behandelten den Fall, als hätte der Entführer eine echte Bombe gehabt."

Auch Amerikaner, Briten, Holländer und weitere Europäer befinden sich in der Maschine, außerdem, so berichten es Medien, zwei orthodoxe Bischöfe aus Südafrika. Doch Befürchtungen, ein Terrorist könnte ein Blutbad anrichten, bewahrheiten sich nicht. Nach Verhandlungen mit dem Mann, den das ägyptische Staatsfernsehen als Seif al Din M. identifiziert, kommt nach und nach ein Großteil der Geiseln frei. Die letzten laufen am frühen Nachmittag aus dem weiß-blauen Airbus die Flugzeugtreppe hinunter auf das Rollfeld. Ein Insasse hangelt sich aus dem Cockpitfenster zu Boden. Am Ende verlässt der Entführer selbst die Maschine - und lässt sich widerstandslos festnehmen.

"Die Entführung hatte keinen terroristischen Hintergrund", stellt Zyperns Präsident Nikos Anastasiades noch vor Ende der Geiselnahme fest. Das Motiv: anscheinend eine Frau. Wie das Staatsfernsehen berichtet, hat der Täter nicht nur eine Sprengstoffgürtel-Attrappe dabei, sondern auch einen Brief. An seine Ex-Frau, die in Larnaka leben soll. Außerdem soll er sich negativ über die ägyptische Regierung geäußert und die Freilassung weiblicher Gefangener aus ägyptischen Gefängnissen verlangt haben.

Bekannt ist über den Täter wenig. Dem ägyptischen Staatsfernsehen zufolge soll er in Kairo leben und einen Essenslieferdienst besitzen. Bis 1994 soll der heute 59-Jährige auf Zypern gelebt haben. Er war mit einer Zyprerin verheiratet, mit der er fünf Kinder gehabt haben soll. Eines davon sei bei einem Unfall gestorben, berichten zyprische Medien. Dann sei die Scheidung gekommen.

Bilder von Überwachungskameras in Alexandria sollen den Täter beim Sicherheitscheck zeigen - eine Kontrolle, die offenbar versagte. Seit Ende Oktober 2015 ein russischer Ferienflieger vom ägyptischen Badeort Scharm el Scheich kommend durch einen Bombenanschlag abstürzte und alle 224 Insassen starben, stehen die laxen Sicherheitsmaßnahmen an ägyptischen Flughäfen in der Kritik. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekannte sich damals zu der Tat.

Ein abermaliger Terroranschlag ist den Insassen und nicht zuletzt der ägyptischen Regierung gestern erspart geblieben. Trotzdem bleibt die Frage offen, wie ein wohl verwirrter Mann eine Bombenattrappe an Bord eines Flugzeuges schmuggeln konnte. Nach dem Anschlag im Oktober hatten viele Reisende über mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen in Ägypten berichtet. Experten sprachen davon, dass es ein Leichtes sei, unerlaubte Gegenstände an Bord zu schmuggeln. Die Regierung unternahm große Anstrengungen und beauftragte ausländische Experten damit, die Sicherheitsstandards an den Airports zu verbessern. Dem Vertrauen in das Urlaubsland Ägypten dürfte die Entführung jedenfalls einen weiteren Schlag versetzt haben.

(dpa)
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