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Bangui
Entwicklungshelfer werden zur Zielscheibe

Bangui. Menschen in Not zu helfen, wird immer gefährlicher. Die Zentralafrikanische Republik ist derzeit eines der riskantesten Einsatzgebiete. Von Philipp Hedemann

Georg Dörken hat nur Sekunden Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, die über Leben und Tod entscheidet. Soll der Fahrer Gas geben? Soll er anhalten? Dörken ruft: "Stopp!" Die beiden Geländewagen der Welthungerhilfe kommen neben zwei blutüberströmten Männern zum Stehen. Der eine hat den anderen mit seinem Motorrad erfasst, als er gerade über die Straße gehen wollte. Mittlerweile hat sich eine schreiende und weinende Menschenmenge um die beiden Schwerverletzten gebildet. Eine Notrufnummer gibt es in der Zentralafrikanischen Republik nicht, außerhalb der Hauptstadt Bangui nur wenige Krankenwagen. Dörken weiß das. Er ist seit knapp zwei Jahren Landesdirektor der Welthungerhilfe in der Zentralafrikanischen Republik. Vorsichtig lässt er die beiden stöhnenden Männer einladen. Dann gibt der Fahrer Gas.

"Wären wir vorbeigefahren, wären sie auf der Straße verblutet. Sterben sie auf dem Weg zum Krankenhaus in unseren Autos, machen die Angehörigen uns möglicherweise für ihren Tod verantwortlich. Das kann für meine Mitarbeiter und mich gefährlich werden. Aber ich kann sie doch nicht einfach liegenlassen", sagt Dörken. Eine halbe Stunde später erreichen die Welthungerhilfe-Autos ein Krankenhaus in Bangui. Die Verletzten leben.

Georg Dörken ist es gewohnt, in gefährlichen Situationen schnell zu entscheiden. Seit 22 Jahren arbeitet er in Kriegs- und Krisengebieten in Afrika. "Ich bin kein Adrenalinjunkie, aber wer sich für die humanitäre Hilfe entscheidet, muss bereit sein, gewisse Risiken auf sich zu nehmen", sagt der Welthungerhilfe-Mann. Er weiß, wovon er spricht. Er wurde schon von Kindersoldaten bedroht, von Rebellen beschossen und wäre beinahe auf eine Panzermine gefahren. Mehrfach wurde das Büro der Welthungerhilfe in Bangui angegriffen, Kollegen wurden von schwerbewaffneten Banditen überfallen, Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen sogar getötet.

Dörken hat gelernt, mit dieser Gefahr klarzukommen. Während des Genozids in Ruanda lebte er mit seiner Frau Barbara, seiner Tochter Djènéba und seinem Sohn Malik im Ostkongo. Um die Schreie der Sterbenden aus dem unmittelbar angrenzenden Ruanda nicht zu hören, mussten die Dörkens damals manchmal ihre Stereoanlage ganz aufdrehen. Im See trieben Leichen, Verwesungsgestank lag in der Luft.

Nachdem sie im Ostkongo zwei Tage unter Artilleriebeschuss ausgeharrt hatten, gelang es Dörken, seine Familie ausfliegen zu lassen. Er selbst blieb zunächst in Bukavu, verließ die umkämpfte Stadt erst mit der letzten Maschine, bevor sie erobert wurde. Viermal musste er bislang für seine Mitarbeiter und sich Evakuierungen organisieren. "Normalerweise retten die ausländischen Mitarbeiter nur ihren eigenen Arsch und lassen die einheimischen Kollegen zurück. Ich habe das selbst miterlebt und kam mir vor wie der letzte Dreck", erzählt Dörken. Bei seiner vorerst letzten Evakuierung sorgte er deshalb dafür, dass auch alle lokalen Mitarbeiter und ihre Familien in Sicherheit gebracht wurden. Denn meist sind es lokale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die im Einsatz verletzt oder getötet werden. Alleine im Jahr 2014 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor) wurden nach Angaben der britischen Forschungs- und Beratungsgruppe Humanitarian Outcomes 120 Entwicklungshelfer getötet, 88 verletzt und 121 entführt. Insgesamt gab es in 27 Ländern 190 größere Zwischenfälle, von denen 329 Helfer betroffen waren. Die meisten tödlichen Zwischenfälle gab es in Afghanistan, Syrien, im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik und in Pakistan.

130 Millionen Menschen sind derzeit nach Angaben der Vereinten Nationen weltweit auf humanitäre Hilfe angewiesen. So viele wie nie zuvor. Entsprechend viele Helfer sind im Einsatz. Viele von ihnen arbeiten in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan. Dort ereignete sich am 3. Oktober 2015 einer der schwerwiegendsten Vorfälle der letzten Jahre. Nachts bombardierte ein Flugzeug der US-Luftwaffe ein "Ärzte ohne Grenzen"-Krankenhaus in Kundus. Bei dem Angriff starben 30 Menschen, darunter 13 Angestellte der Hilfsorganisation. Die US-Armee räumte später ein, dass Einsatzregeln nicht eingehalten wurden, mehrere US-Soldaten wurden suspendiert. "Das Bombardement war eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts", sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von "Ärzte ohne Grenzen Deutschland".

Welthungerhilfe-Mann Georg Dörken hätte kein Leben in Bürgerkriegsländern führen müssen, hätte Jobs in weniger gefährlichen Ländern oder in der Welthungerhilfe-Zentrale in Bonn annehmen können. Er entschied sich dagegen. "Ich bin Überzeugungstäter und Gerechtigkeitsfanatiker. Es mag naiv klingen, aber ich möchte mit meiner Arbeit helfen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen", erzählt der 63-Jährige. Dabei muss der Idealist auch immer wieder Rückschläge hinnehmen. Dörken: "Wenn man in Kriegs- und Krisengebieten arbeitet, muss man damit rechnen, dass das, was man aufgebaut hat, auch wieder zerstört werden kann. Aber das kann doch kein Argument dafür sein, dass wir Menschen in schwierigen Situationen alleine lassen."

Quelle: RP
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