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Ankara
Erdogans Großmacht-Illusion

Ankara. Der türkische Präsident fürchtet Russlands Einfluss in Syrien. Von Thomas Seibert

Häufig wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wegen seines autokratischen Stils mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin verglichen. Nun steht der von seinen Anhängern als "Meister" verehrte Erdogan im Konflikt mit Putin wegen des abgeschossenen russischen Jets vor einer schweren Prüfung. Auf dem Spiel stehen nicht nur die türkisch-russischen Beziehungen, russische Gaslieferungen und die türkischen Pläne für eine Pufferzone in Syrien. Erdogan kämpft um seine Vision einer "neuen Türkei".

Schon vor dem Zwischenfall vom Dienstag hatte sich Ankara mehrfach vergeblich über russische Luftangriffe in einem Teil Nordsyriens beschwert, in dem die mit der Türkei verbündeten Turkmenen leben. Für Putin zählen die Turkmenen zu den Gegnern seines Verbündeten, des syrischen Präsidenten Baschar al Assad. Für die Türkei sind die Turkmenen wichtige Partner im syrischen Bürgerkrieg. Die russischen Angriffe stoppen konnten die Türken nicht.

Der Streit mit Russland kompliziert auch die bisherige Syrien-Politik Ankaras. So dürfte sich die geplante Einrichtung einer militärisch gesicherten Pufferzone in Nordsyrien, ein wichtiges Ziel Erdogans, mit dem Abschuss des russischen Flugzeugs erledigt haben. Putin beschuldigte die Türkei darüber hinaus, islamistische Extremisten in Syrien zu unterstützen. Die Türkei sei sein "großer Staat" und lasse sich von niemandem reinreden, schrieb Erdogan-Berater Yigit Bulut nach dem Abschuss des russischen Jets trotzig in der Zeitung "Star". Erdogan selbst sagte, die Türkei empfinde das Gebiet zwischen Balkan, Kaukasus und Nordafrika als direkte Interessenssphäre. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Es gibt nicht viel, was Erdogan gegen die russische Rolle in Syrien ausrichten kann.

Erdogans These von der Türkei als eigenständiger Ordnungsmacht in Nahost gerät damit ins Wanken. Der 61-Jährige pendelt zwischen versöhnlichen Tönen und harten Worten. Am Tag nach dem Abschuss des russischen Jets beschwor Erdogan "Frieden, Dialog und Diplomatie" als Leitmotive im Umgang mit Russland. Gleichzeitig demonstrierte er vor seinen Anhängern Standfestigkeit. Ob sich Moskau davon beeindrucken lässt, ist fraglich. Putin weiß, wie er Erdogan schaden kann. Möglicherweise werde Russland nun die syrischen Kurden unterstützen, die von Ankara misstrauisch beobachtet werden, schreibt die türkische Journalistin Asli Aydintasbas.

Quelle: RP
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