Überhöhte Rechnungen für Billig-Prothesen: Erste Haftbefehle im Zahnersatz-Skandal beantragt
zuletzt aktualisiert: 21.11.2002 - 16:37Wuppertal/Mülheim/Ruhr (rpo). Der Skandal um falsch abgerechneten Zahnersatz geht in die nächste Runde. Gegen die Inhaber der Mülheimer Firma, die für die falschen Berechnungen verantwortlich ist, wurde Haftbefehl beantragt.
Den drei Männern werde bandenmäßiger Betrug vorgeworfen, sagte ein Sprecher der Wuppertaler Staatsanwaltschaft am Donnerstag. Sie sollen überhöhte Rechnungen für Billig-Prothesen aus Asien ausgestellt und die Differenz mit den Zahnärzten, von denen die Aufträge kamen, geteilt haben. Das Unternehmen bezeichnete die Vorwürfe als haltlos.
In einem der größten Betrugsskandale im deutschen Gesundheitswesen ist den Krankenkassen ein geschätzter Schaden in dreistelliger Millionenhöhe entstanden. Globudent soll Ärzten jahrelang billigen Zahnersatz verkauft haben. Kassen und Patienten seien aber hohe deutsche Preise berechnet worden. Die Manager und der Inhaber von Globudent waren am Mittwoch festgenommen und ihre Firma sowie 14 weitere Unternehmen durchsucht worden. In den Skandal könnten nach Angaben der AOK bundesweit 2000 Ärzte verstrickt sein, 40 davon in Bayern.
Die Bundeszahnärztekammer warf den Kassen vor, sie hätten Anteil an dem Skandal, weil sie billigere Produkte aus dem Ausland empfohlen hätten. Auch der Bundesverband der Zahntechniker-Innungen kritisierte die Kassen scharf und sagte, die "Motivation zum Abrechnungsbetrug" sei eine Folge von Preisdumping der Krankenkassen und der Duldung von Grauimporten.
Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Nordrhein und die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen (KZVN) verurteilten jede verdeckte Gewinnbeteiligung von Ärzten. "Es ist eine Grauzone von den Kassen aufgemacht worden, indem sie billigen Zahnersatz aus dem Ausland propagiert haben" sagte KZVN-Sprecher Julius Beischer. Eine Mitschuld an den kriminellen Machenschaften tragen die Kassen aus seiner Sicht aber nicht.
Die Krankenkassen wiesen jede Mitschuld an dem Skandal zurück. "Wir sind es unseren Versicherten schuldig, sie über eine wirtschaftliche Versorgung bei gleich guter Qualität zu informieren", sagte der Vorstandsvize der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), Eckhard Schupeta. Die DAK warf der Bundeszahnärztekammer vor, die Aufklärung des Betrugsskandals "in skandalöser Weise" zu verschleiern. Der Gesetzgeber müsse mehr Transparenz bei der Abrechnung zahnärztlicher Leistungen schaffen.
"Ich halte es für nicht so wahrscheinlich, dass der Zahnersatz aus China gesundheitsschädlich ist, aber man muss das prüfen", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Heiner Weber, in einem dpa-Gespräch. Seit einigen Jahren müsse der Hersteller Auskunft über das verwendete Material geben. "Das steht sogar auf der Rechnung des Zahntechnikers drauf", sagte er.
Der Verband Deutscher Angestellten Krankenkassen (Köln) bietet Zahnärzten nach eigenen Angaben seit Mitte der 90er Jahre an, preiswerten Zahnersatz über einen Importeur in Asien und Osteuropa zu beziehen. Voraussetzung sei zum einen die Erfüllung festgelegter Qualitätsstandards, sagte Verbandssprecher Martin Schneider. Außerdem seien die Ärzte verpflichtet, die Preisnachlässe von bis zu 40 Prozent an die Kassen und die Patienten weiterzugeben.
Die betrügerischen Mediziner müssen neben einer strafrechtlichen Verfolgung auch mit scharfen Sanktionen ihrer Interessenvertretung rechnen. Die Konsequenzen können von einer Geldstrafe bis zum Entzug der Berufserlaubnis reichen.
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