Bemühungen um Entschärfung der Kaschmir-Krise: EU-Außenkommissar verhandelt in Neu Delhi
zuletzt aktualisiert: 24.05.2002 - 17:30Neu Delhi/London/Berlin (rpo). EU-Außenkommissar Chris Patten hat am Freitag Vermittlungsversuche in der Kaschmirkrise gestaret. Nach Gesprächen mit der pakistanischen Führung sprach Patten in Neu Delhi mit Außenminister Jaswant Singh und Sicherheitsberater Brajesh Mishra über die Lage.
US-Außenminister Colin Powell telefonierte am Vortag während der Europareise mit Präsident George W. Bush zwei Mal mit Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf und wollte auch mit indischen Regierungsvertretern sprechen.
Wegen der Krise haben Deutschland und seine EU-Partner unterdessen die Sicherheitsmaßnahmen für ihre diplomatischen Vertretungen in Pakistan verschärft, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin mitteilte. Familienmitglieder deutscher Botschaftsangehöriger sei die Möglichkeit zur Ausreise gegeben worden. Ein Abzug des Botschaftspersonals sei aber bislang nicht geplant. Großbritannien hatte bereits am Mittwoch abgekündigt, wegen Terrordrohungen zwei Drittel seiner Diplomaten aus Pakistan samt Familien umgehend abzuziehen.
Das britische Militär bereitet sich nach einem Bericht der Londoner "Times" vom Freitag auf die Konsequenzen einer möglichen nuklearen Konfrontation zwischen Indien und Pakistan vor. Premierminister Tony Blair habe die Lage vor dem Kabinett am Vortag als "äußerst schwerwiegend" eingeschätzt. Das Militär sei angewiesen worden, einen Notfallplan für die Evakuierung britischer Staatsbürger aus Indien und Pakistan vorzubereiten, schrieb die Zeitung. Patten sagte in einem BBC-Interview, das Verhältnis zwischen der beiden Nachbarländern stehe "auf Messers Schneide". Indien wirft Pakistan vor, mit Hilfe von Terroristen einen Stellvertreterkrieg im indischen Teil Kaschmirs zu führen. Pakistan hat bisher lediglich von einer moralischen Unterstützung gesprochen, die Separatisten in ihrem gerechten Kampf in Kaschmir gegeben werde.
Musharraf bezeichnete die Lage am Freitag in einem Interview mit der BBC als "ernst". Er hoffe, dass es nicht zu einem Krieg kommen und sich auf beiden Seiten der "gesunde Menschenverstand" durchsetzen werde. Alle Bemühungen von außen um Frieden zwischen den verfeindeten Nachbarn werde er unterstützen. Einen einseitigen Truppenrückzug von der Trennungslinie in Kaschmir lehnte Musharraf ab. Indien hat dort etwa 750 000 und Pakistan 250 000 Soldaten zusammengezogen.
Ungeachtet der Spannungen hat der indische Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee am Freitag einen Urlaub angetreten. Nach einem dreitägigen Kaschmir-Besuch reiste er in den Erholungsort Manali in den Bergen des nordindischen Bundesstaates Himachal Pradesh. Allerdings werde es nur ein "Arbeitsurlaub" sein, und der Regierungschef werde schon am Mittwoch kommender Woche in Delhi zurückerwartet, verlautete von amtlicher Seite. Der Fernsehsender Star News meldete, Vajpayee habe vor der Abreise an US-Präsident George Bush geschrieben, dass Indiens Geduld zu Ende gehe.
US-Außenamtssprecher Philip Reeker machte keine Angaben über das Ergebnis der Gespräche von Powell mit Musharraf, wiederholte aber den Appell zur Zurückhaltung. Die USA hätten Verständnis für Indiens Empörung über andauernde terroristische Übergriffe. Militärische Aktionen seien indessen nicht die Antwort, sagte Reeker. Eine Militäraktion würde nur noch größere Probleme schaffen. Wichtig sei jetzt, dass das Eindringen radikaler Pakistaner nach Kaschmir ende.
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