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Aylan
Die Rekonstruktion einer gescheiterten Flucht

Aylan Kurdi: Die Rekonstruktion einer gescheiterten Flucht
In diese Särge werden die ertrunkenen Syrer gelegt. FOTO: ap
Istanbul. Wer war der dreijährige Aylan, der leblos an einem Strand in der Türkei gefunden wurde? Sein Vater Abdullah berichtet von der gescheiterten Flucht seiner Familie. Unter Tränen appelliert er an Europa: "Lasst dies das letzte Mal sein!" Von Thomas Seibert

Als die Mitglieder der türkischen Gendarmerie am Mittwoch an den Strand von Akyarlar in der Nähe des Badeortes Bodrum kamen, stockte ihnen der Atem. "Alle dachten sofort an die eigenen Kinder", berichtete ein Unteroffizier später der Zeitung "Hürriyet". Am Strand lag die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi. Der Offizier hob den Jungen auf, "so, wie wir unsere eigenen Kinder in den Arm nehmen".

Das Foto des kleinen Aylan aus Syrien, der bei der Überfahrt nach Griechenland ertrunken war, ging unterdessen um die Welt. Aylans Geschichte macht deutlich, wie aussichtslos die Lage der Flüchtlinge ist, welche Gefahren sie auf sich nehmen - und wie rücksichtslos die Schlepper vorgehen.

Abdullah Kurdi ist der Vater des kleinen Aylan. Er verlor auf der Flucht auch seinen zweiten Sohn und seine Frau. FOTO: ap

Die Familie Kurdi war von Schleppern in dem kleinen türkischen Dorf Akyarlar auf ein Schlauchboot gesetzt worden, das sie zur nahen griechischen Insel Kos bringen sollte. Türkische Medien zitierten Überlebende der Reise mit der Aussage, die Schleuser hätten 17 Menschen in das Boot gequetscht, in dem nur Raum für zehn Insassen war. Der britische "Guardian" berichtete, insgesamt seien sogar 23 Flüchtlinge an Bord gewesen. Um Platz zu sparen, nahmen die Schlepper den Flüchtlingen die Schwimmwesten ab - möglicherweise war das das Todesurteil für den kleinen Aylan. Das völlig überladene Boot kenterte, der kleine Junge, sein Bruder, seine Mutter und andere Bootsinsassen ertranken. Das jüngste Opfer war ein neun Monate altes Baby.

Vater Abdullah Kurdi war mit seiner Familie aus der umkämpften nordsyrischen Stadt Kobane geflohen. Die Kurdis hofften auf ein besseres Leben in Europa, nachdem ein Asylgesuch in Kanada abgewiesen wurde. Verwandte hatten sich in Kanada für die Kurdis eingesetzt, doch bürokratischer Streit zwischen den türkischen und kanadischen Behörden machten alle Hoffnungen zunichte. Deshalb entschied sich die Familie für die Schlepper und für die gefährliche Überfahrt nach Griechenland, die teurer war, als Flugtickets nach Kanada. Nun will Andullah Kurdi die Leichen seiner Söhne und seiner Frau zurück nach Kobane bringen und dort beisetzen.

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Nachdem er seine Angehörigen in der Leichenhalle von Bodrum identifiziert hatte, brach er weinend zusammen. Vor Journalisten sagte er, die ganze Welt solle sehen, was mit ihnen auf ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien passiert sei. Diese Aufmerksamkeit müsse dazu führen, dass andere vor demselben Schicksal bewahrt würden. "Lasst dies das letzte Mal sein."

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist der Tod des kleinen Aylan ein weiteres Beispiel für die gewissenlose Haltung der Europäer in der Flüchtlingsfrage. Während die Türkei fast zwei Millionen Syrer, mehr als 200 000 Iraker und 100 000 Afghanen aufgenommen habe, stritten die Europäer über Verteilungsschlüssel und Unterbringung. Das Mittelmeer werde so zu einem Friedhof, sagte Erdogan.

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Die türkische Polizei habe derweil vier aus Syrien stammende Schleuser in Bodrum gefasst, meldete die Nachrichtenagentur Dogan. Die vier Festgenommenen würden verdächtigt, für den Tod der zwölf Menschen verantwortlich zu sein. Sie sollten gestern noch vor Gericht erscheinen. Bei den mutmaßlichen Schleusern handelt es sich den Angaben zufolge um vier Syrer im Alter zwischen 30 und 41 Jahren. Die türkischen Behörden verstärkten vorübergehend die Sicherheitsvorkehrungen an der Küste bei Bodrum.

In der internationalen Medienlandschaft sowie in den sozialen Netzwerken löste das Foto des kleinen Aylan Bestürzung aus: "Ein Foto, um die Welt zum Schweigen zu bringen", kommentierte die italienische Zeitung "La Repubblica". Oder: "Der Untergang Europas", schrieb etwa die spanische Zeitung "El Periodico" in ihrer Onlineausgabe. Beim Kurznachrichtendienst Twitter wurden die Bilder unter dem Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik (türkisch für "Die fortgespülte Menschlichkeit") verbreitet. "Er hatte einen Namen: Aylan Kurdi", schrieb Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls und rief Europa zum Handeln auf - ebenso Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke): "Unsere Kinder werden uns irgendwann fragen, was wir in diesen Tagen unternommen haben. Wenn wir unser Handeln in der Flüchtlingspolitik jetzt nicht konsequent von der Menschlichkeit leiten lassen, werden wir sie verlieren. Wir alle tragen Verantwortung."

Quelle: RP
 
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