| 15.17 Uhr

Großbritanniens neuer Außenminister
Diese sieben Dinge muss Boris Johnson noch lernen

Boris Johnson: Diese 7 Dinge muss Großbritanniens Außenminister lernen
Boris Johnson hat noch einige Lektionen vor sich. FOTO: afp
Berlin. Großbritanniens neue Premierministerin Theresa May hat den Brexit-Wortführer Boris Johnson zu ihrem Außenminister ernannt. Bisher fiel der frühere Bürgermeister Londons vor allem durch Beleidigungen ausländischer Politiker auf. Er muss jetzt schnell einiges lernen. Von Jan Drebes

  1. Diplomatie
    Ein Außenminister des ehrwürdigen Vereinigten Königreichs ohne jegliches diplomatisches Geschick? Das klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte. Ähnliche Fälle gab es nur, als FDP-Mann Dirk Niebel das Entwicklungsministerium übernehmen musste, obwohl er es im Wahlkampf noch abschaffen wollte. Weil nun aber Boris Johnson wirklich Außenminister ist, benötigt er zuerst eine gehörige Portion Einsicht. Einsicht, dass er in seinem neuen Job (und England als Nation) nur dann erfolgreich sein kann, wenn er sich auf die geltenden diplomatischen Gepflogenheiten einlässt. Die internationale Politik hat ihre eigenen Spielregeln, Protokolle, ihre eigene Sprache. Es mag vielleicht unterhaltsam sein, einen begabten Rollenspieler wie Boris Johnson auf internationalem Parkett zu beobachten. Für eine neue Ein-Mann-Gala, wie zuletzt durch den früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis eindrucksvoll präsentiert, ist die Lage aber zu ernst. Schließlich besteht die Gefahr, dass Johnson mit seinem bisher sehr losen Mundwerk in so schwierigen Krisenzeiten wie heute zusätzliches Öl ins Feuer gießen könnte. Immerhin geht es neben dem sich abzeichnenden Brexit vor allem um die größte Migrationswelle seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, um gleich mehrere Bürgerkriege und einen zunehmend aufgeladenen Konflikt zwischen den USA, Russland und China.
  2. Gepflegte Umgangsformen
    Boris Johnson ist intelligent, er beherrscht die französische Sprache, er weiß genau, was die Leute von ihm hören wollen. Das mag für ihn sprechen. Doch der Mann mit dem zotteligen, mitunter clownhaften Äußeren übernimmt mit dem Außenamt nun auch die schwierige Aufgabe, Gesprächskanäle zu anderen Staaten offenzuhalten, die ihm als Brexit-Vorkämpfer und Freund derber Sprache wohl nur aus reiner Notwendigkeit gewährt werden. Konkret: Johnson bezeichnete die US-amerikanische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton während ihrer ersten Bewerbung 2007 als "sadistische Krankenschwester in einer Nervenklinik", US-Präsident Barack Obama als "zum Teil kenianischen Präsidenten" und dessen Amtsvorgänger George W. Bush als "schielenden, texanischen Kriegstreiber, der sich nicht artikulieren kann". Chinesische Regierungsmitglieder dürften nicht allzu viel von Johnson halten, seit er 2005 den globalen Einfluss chinesischer Kultur mit "praktisch null" diskreditierte und den Chinesen fälschlicherweise vorhielt, es gebe keinen Nobelpreisträger aus ihrem Land (zu dem Zeitpunkt gab es einen im Fach Physik, mittlerweile auch für Medizin, Literatur sowie den Friedensnobelpreis). Besonders gerne drosch Johnson aber verbal auf die EU ein, warf ihr noch im Mai vor, wie Hitler zu versuchen, einen gemeinsamen Staat ohne demokratische Legitimation zu errichten. "Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben es versucht, und es endete auf tragische Weise", sagte Johnson. Bleibt er bei diesem Stil der Umgangsformen, dürfte er international isoliert bleiben.
  3. Respekt (vor der EU beispielsweise)
    Es ist kein Geheimnis, dass Boris Johnson keinerlei Respekt vor der EU und ihren mitunter bürokratischen Institutionen hat. Aber als Außenminister muss er nun für Regierungschefin Theresa May (die den Brexit nie wollte) mit Brüssel ein enges Verhältnis eingehen. Sie lässt den Mann, der das Votum aus eigener Profilierungssucht vorantrieb, nicht aus der Verantwortung. Der frühere Brüssel-Korrespondent und Bürgermeister Londons muss die Konsequenzen jetzt mittragen. Johnson kennt die Abläufe der EU bisher vor allem aus der Außenperspektive, jetzt muss er tiefer in die Vertragswerke eintauchen, als die meisten vor ihm. Schließlich ist ein Brexit extrem kompliziert umzusetzen – und auch wenn es mit David Davis einen eigenen Brexit-Minister gibt: Johnson bleibt neben May die wichtigste Figur in dem Prozess. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Johnson währenddessen an Respekt gegenüber diesem wichtigen Friedensprojekt so vieler Staaten gewinnt. Allerdings wäre damit noch längst nicht gesagt, dass sich Johnson auch von der EU bekehren ließe.
  4. Dass die Schotten wirklich eigenständig sind
    Ein Vereinigtes Königreich gibt es seit der Brexit-Entscheidung de facto nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass künftig die EU-Außengrenze quer über die Insel laufen wird, sollte sich Schottland mit einem zweiten Referendum zur Unabhängigkeit vom Königreich durchsetzen. Boris Johnson will das jedoch nicht wahrhaben, obwohl er bei den Schotten mit einer völlig anderen Haltung zum Brexit als der seinen hätte rechnen müssen (mehr dazu unter Punkt 7 "vom Ende her denken"). Jetzt liegt es an Schottlands Erster Ministerin Nicola Sturgeon, ihm das notfalls mit der Brechstange beizubringen. Schließlich ist klar: Die Schotten wollen in der EU bleiben.
  5. Anerkennung der neuen Hierarchien seiner Partei
    Die wohl schmerzlichste Erfahrung für Johnson war, dass ihm sein angeblich bester Freund und Brexit-Mitstreiter Michael Gove eiskalt das Messer in den Rücken rammte, und Johnson im Rennen um das Amt des Premierministers abservierte. Johnson sei aufgrund seines Charakters nicht für Führungsaufgaben geeignet, ätzte Gove vor wenigen Wochen öffentlich. In der Partei gab es im Anschluss tektonische Machtverschiebungen, Theresa May ist jetzt die Nummer eins. Johnson kommt mit dem Amt des Außenministers aber noch recht gut davon. Allerdings besteht für seine Parteikollegen wenig Hoffnung, dass er die neue Hierarchie anstandslos akzeptieren und mittragen wird, schließlich kommentierte er schon vor zehn Jahren ein Postengeschacher seiner Torys mit "Orgien von Kannibalismus und Häuptlingstötungen wie in Papua-Neuguinea".
  6. Eine Frau als seinen Boss zu akzeptieren
    Ist Boris Johnson ein Chauvinist? Überliefert ist lediglich, dass er zu Uni-Zeiten ein "notorischer Fremdgeher" gewesen sei (Süddeutsche Zeitung Magazin), zu dieser Zeit seine erste Frau Allegra kennenlernte und sie ein Jahr später heiratete. Den Ehering verlor er eine Stunde nach der Zeremonie. Und irgendwann bat er Allegra um eine schnelle Scheidung, weil er mit seiner Geliebten Marina ein Kind erwartete. Die beiden heirateten und bekamen noch drei weitere Kinder. Macht ihn das automatisch zu jemandem, der sich schwer tun wird, unter der Führung einer Frau zu arbeiten? Wohl kaum. Und gleichzeitig ist Großbritannien mit der Queen und einst Premierministerin Margaret Thatcher ja geübt darin, Frauen an der Spitze der Nation zu haben. Ein solches Duo wie May (kühle Machtpolitikerin) und Johnson (emotionaler Haudrauf) hat es aber bisher noch nicht gegeben.
  7. Und last but not least: Sein Handeln vom Ende her zu denken
    Für Boris Johnson ist das die vielleicht schwierigste Disziplin, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bis zur Flüchtlingskrise meisterhaft beherrschte. Er machte sich für einen Brexit stark, der ihm nach dem Machtverlust in London wieder Geltung verschaffte. Als es dann aber tatsächlich so kam, tauchte er schnell ab, wurde zum meistgehassten Mann in der weltoffenen Hauptstadt Englands. Johnson ist ein Impulspolitiker, als Außenminister aber gehört jedes seiner Worte auf die Goldwaage. Verhandlungen führt man, indem man das für sich beste Ergebnis bereits im Kopf hat und Kompromisse mit all ihren Folgen mitdenkt. Die Brexit-Kampagne und das Verhalten ihrer Wortführer ist exemplarisch dafür, wie kurzfristig Populismus funktioniert. Johnson machte dabei vor, wie wenig er vom Ende her denkt. Für die anstehenden, internationalen Gespräche mit britischer Beteiligung könnte das noch dramatische Folgen haben.

Mehr zum Brexit lesen Sie hier.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Boris Johnson: Diese 7 Dinge muss Großbritanniens Außenminister lernen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.