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Vor dem Referendum in Großbritannien
Mit Liebesbriefen und Katzen gegen den Brexit

Operation Croissant: Kreativer Kampf gegen den Brexit
Operation Croissant: Kreativer Kampf gegen den Brexit FOTO: afp, LN
London. Liebesbriefe, Bratwürste, Haustiere und emotionale Appelle – gegen den Brexit setzen die Wahlkämpfer auf ganz verschiedene Methoden. Einen Tag vor dem Referendum buhlen beide Lager um jede Stimme.

Unter dem Namen "Opération Croissant" haben in London am Mittwoch junge Franzosen und auch Briten für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union geworben. Einen Tag vor dem Referendum der Briten über einen EU-Austritt reiste die Gruppe von Paris nach London und verteilte am Bahnhof King's Cross handschriftliche, auf Englisch verfasste Postkarten von Pariser Bürgern.

"Was würden Sie machen ohne den französischen Kuss?, hieß es auf einer der Karten. "Bleibt bei uns." Eine Verfasserin namens Margot setzte auf Komplimente: Sie sei "verliebt" in die "exzentrische" Musik, den Humor und das Bier der Briten, schrieb sie.

Eigentlich wollte die "Opération Croissant" zusammen mit den 500 Postkarten frisch gebackene Croissants verschenken, doch die britische Polizei unterband das: Wegen Korruptionsgefahr ist das Verschenken von Lebensmitteln im Zuge der Referendums-Kampagnen verboten. 

Deutsche setzten ein Zeichen mit Würstchen

Das war bei einer Aktion junger Deutscher vor einer Woche noch anders: Junge Unternehmer hatten deutsche Bratwürstchen gegen den Brexit auf dem Trafalgar Square verteilt. So wolle man den Briten symbolisch zeigen, was sie bei einem Brexit verlieren könnten, erklärte der Verband "Die Jungen Unternehmer". 

Am Donnerstag werden die Urnen von acht bis 23 Uhr geöffnet sein. Schon vorher steht fest: Ein Brexit - also der Ausstieg des Königreichs aus der EU - würde die Gemeinschaft in die vermutlich schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen.

EU-Politiker fürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln dürfte. Zugleich könnte ein Brexit das politische Schicksal des britischen Premierministers David Cameron besiegeln.

Im Internet mobilisieren derweil Brexit-Gegner ihre Tiere gegen den Austritt aus der EU. Unter Hashtags wie #CatsAgainstBrexit und #Mutts4Remain posten Tierbesitzer Fotos von ihren Vierbeinern, die zeigen sollen, dass diese alles andere als begeistert sind von der Möglichkeit eines Ausscheidens aus der EU.

Twitter-Aktion Katzen und Hunde gegen den Brexit

"Niemand weiß, was geschehen wird", sagte Cameron mit Blick auf den Wahlausgang. Dennoch bereue er es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe. Er betonte, der Zugang zum gemeinsamen europäischen Markt mit 500 Millionen Einwohnern sei entscheidend für die britische Wirtschaft und damit für den Wohlstand der Briten. Der Premierminister bekräftigte außerdem, dass er in jedem Fall im Amt bleiben wolle. Insider in London bezweifeln jedoch, dass ihm das gelingen wird - vor allem, wenn die Briten für einen EU-Austritt votieren sollten.

Umfragen gehen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Der Durchschnitt von acht Umfragen seit dem 15. Juni ergibt einen hauchdünnen Vorsprung von 45:44 Prozent für das Pro-EU-Lager. Allerdings seien zehn Prozent der Befragten noch unentschieden, hieß es. Noch vor mehr als einer Woche lag das Brexit-Lager vorn - seit dem Mord an der Labour-Abgeordneten und Pro-EU-Politikerin Jo Cox holte das Drinbleiben-Lager aber wieder auf. Allerdings: Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Umfragen völlig falsch gelegen.

"Boris, Du solltest dich schämen"

Der Austritts-Wortführer Boris Johnson bezeichnete den Wahltag als "Unabhängigkeits-Tag", an dem die Briten ihre staatliche Souveränität wiedergewinnen könnten. Cameron konterte: "Die Idee, dass unser Land nicht unabhängig ist, ist Unsinn. Diese ganze (Brexit)-Debatte beweist unsere Unabhängigkeit."

Für die Verfechter des EU-Verbleibs wie den Londoner Bürgermeister Safik Kahn ist Johnson, der Hüne mit der blonden Strubbelmähne, jemand, der aus persönlichen Motiven die Zukunft der Insel aufs Spiel setzt und dafür das Land spaltet. Johnson belüge die Leute und jage ihnen mit der Warnung vor einer Einwanderungswelle Angst ein, sagte Khan am Dienstagabend bei einer Fernsehdebatte mit Johnson im Wembley-Stadion. "Das ist Panikmache, Boris, und Du solltest Dich dafür schämen."

Wirtschaftsverbände und Banken plädieren für Verbleib

Zahlreiche Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten im Falle eines Brexits vor weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen gewarnt - ebenso zahlreiche EU-Politiker sowie US-Präsident Barack Obama.

Auch britische Wirtschaftsverbände und Banken plädierten für Drinbleiben: Finanzminister George Osborne, der wie Premierminister Cameron für einen Verbleib in der EU wirbt, warnte die Briten am Mittwoch sehr konkret von den wirtschaftlichen Folgen eines Brexits. Ein Austritt aus der EU werde ein Loch von 30 Milliarden Pfund (umgerechnet 37,9 Milliarden Euro) in den Staatshaushalt reißen, sagte Osborne. Trotz höherer Steuern müssten Schulen, Krankenhäuser und das Militär dann mit Kürzungen rechnen. Das Austrittslager tat dies als Panikmache ab.

(tak/rent/afp)
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