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Brexit-Votum in Großbritannien
Boston – die Stadt der Europahasser

Brexit-Votum: Boston – die Stadt der Europahasser
Eine typische Straße in der Innenstadt von Boston an der Ostküste Englands. Nirgendwo sonst ist der Anteil der Brexit-Befürworter so hoch. FOTO: Henning Rasche
Boston. In keiner anderen Gemeinde stimmten so viele Briten für den Austritt wie in Boston an der Ostküste. Warum gerade hier? Von Henning Rasche

Hunderte Flaschen Wodka warten auf Käufer. Sie sind akkurat aufgereiht, nach Marken und Herkunftsland sortiert. Vor dem riesigen Regal wirkt Ali, der kleine Herr mit dem freundlichen Lächeln, ein wenig verloren. Eine Kundin aus Polen kauft lieber eine Minitüte Chips als eine Riesenflasche Schnaps. "Nicht schlimm", sagt Ali, der Tapfere.

Nicht schlimm. Das würde Ali Sarkawt auch gerne über das eine große Thema sagen, das über seiner Stadt hängt wie ein Fallbeil, das auf den Auslöser wartet. Aber Ali weiß, dass es schlimm wird, sehr schlimm sogar. "Es ist eine furchtbare Sache", sagt er. Bis zur letzten Sekunde hatte er gehofft, bei Freunden und Verwandten für das aus seiner Sicht einzig Richtige geworben. Aber Ali hat verloren. Und mit ihm eine ganze Stadt, die es jetzt gar nicht recht wahrhaben will.

So sieht er es – und steht damit in Boston ziemlich allein. Ali Sarkawt ist Inhaber des "European Market 2" in Boston. Zu 99 Prozent kommt alles, was er verkauft, aus der EU. Frischkäse aus Deutschland, Bier aus Polen, Wurst aus Rumänien. Aus dem größten Binnenmarkt der Welt also, den das Vereinigte Königreich nach der knappen Entscheidung für den Brexit so gern verlassen möchte.

75,6 Prozent der Einwohner kreuzten "Leave" an

In keiner anderen Stadt stimmten so viele Menschen für den Austritt aus der EU wie in Alis Boston. 75,6 Prozent der Einwohner kreuzten "Leave" an; drei von vier Bürgern in der übersichtlichen Hafenstadt an Englands Ostküste wollen der EU den Rücken kehren. Die Wahlbeteiligung in Boston lag bei über 77 Prozent. Jonathan Noble, europaskeptischer Ukip-Stadtrat in Boston, bedankte sich am Samstag sogar mit einem riesigen Banner auf dem Marktplatz für das Votum. "Ukip Boston thanks the people", stand darauf.

Warum also Boston? Auf den verregneten Straßen, in Geschäften und Cafés bekennt sich kaum jemand als Europafeind. Ein älterer Herr mit sehr englischem Scheitel und Akzent sagt: "Niemand mag Besserwisser. Die EU ist ein Verein von Besserwissern." Woher wolle jemand in Brüssel wissen, was gut für Boston sei, fragt er, bevor er sich wegdreht. Die Leute auf den Straßen schauen grimmig, wenn man sie auf das Referendum anspricht. Sie wollen nichts mehr davon wissen.

Kann es daran liegen, dass so viele Bostoner auf Jobsuche sind? In der Bezirksverwaltung aber betont ein Mitarbeiter, dass die Mär von hoher Arbeitslosigkeit in Boston nicht stimme. "Wir liegen unter dem UK-Durchschnitt", sagt er. Und auch der hohe Anteil an Migranten, darunter viele Polen, könne nicht belegt werden. Einst kamen sie nach Boston, um im Hafen zu arbeiten. Doch seit der Umschlag dort zurückgeht, konkurrieren sie mit den Einheimischen um Jobs. "In der EU herrscht Reisefreiheit, niemand zählt die Leute aus Polen", sagt der Mann in der Verwaltung.

"Die meisten Migranten werden nicht bleiben können"

Nirmala arbeitet in dem kleinen "Oxfam"-Geschäft der Stadt, in dem Dinge für gute Zwecke weiterverkauft werden. Auch sie hat wie Ali für "Remain", also für die EU, gestimmt. Aber sie sagt: "Die ganzen Polen hier sind der Grund für das Wahlergebnis. Boston will sie endlich loswerden." Sie zerstörten das Gefüge der Stadt, heißt es. Wahrscheinlicher ist, dass der Exodus der Migranten infolge des Brexits die Stadt zerstört.

So sieht es jedenfalls Lettlands Botschafter Zee Barbaks, der in Boston lebt. Er sagt: "Boston sollte sich auf einen großen Wandel vorbereiten in den nächsten Jahren – mit leeren Geschäften. Die meisten Migranten werden nicht bleiben können. Das wird die lokale Wirtschaft schwer schädigen." Viele kleine Geschäfte und Imbisse werden von Menschen geführt, die ihre Wurzeln im EU-Ausland haben. Kommt es zum Austritt aus der EU, brauchen sie wohl ein Visum. Oder sie müssen gehen.

Wer nach Boston kommt, der stößt schnell auf den "historischen Markt". Dort gibt es neben Kleidung und Regenschirmen Gemüse aus Spanien, Wurst und Schinken aus Italien und Käse aus Frankreich. Andrew Leeson verkauft hier feine europäische Spezialitäten. "Ich glaube nicht nur, dass das alles teurer wird, ich weiß es. Das spüre ich jetzt schon", sagt der grauhaarige Brite. "Ich bin Landwirt und Europäer. Die EU zu verlassen, ist ökonomischer Schwachsinn." Trotzdem hätten etliche seiner Kunden für den Austritt gestimmt.

Zurück im "European Market 2" von Ali Sarkawt. Leise sagt er: "Ich werde meinen Laden schließen müssen. Zu mir kommen nur Europäer als Kunden." Zum Abschied schenkt er seinem deutschen Gast eine Cola. Aus Polen.

Quelle: RP
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