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Brexit
Was würde Churchill tun?

Brexit: Was würde Winston Churchill tun?
Beide Seiten instrumentalisieren Winston Churchill, den legendären Premierminister während des Zweiten Weltkriegs, für ihre Zwecke. Wer das politische Vermächtnis richtig deutet, kann nur zu dem Schluss kommen: Churchill, hier 1950 mit seinem Pudel Rufus auf seinem Anwesen in Kent, wäre gegen den Brexit. FOTO: Getty Images
Düsseldorf. Gegner und Anhänger des Brexit berufen sich auf den großen britischen Staatsmann. Und beide haben gute Argumente dafür. Von Matthias Beermann

Die EU verlassen oder doch lieber nicht? In der hitzigen Debatte über das Für und Wider eines Brexit bieten beide Lager denselben Kronzeugen auf: Winston Churchill, den britischen Superhelden. Wie würde der legendäre Kriegspremier am Donnerstag abstimmen? Natürlich für den Austritt, tönt der Brexit-Protagonist Boris Johnson, der unlängst verkündete, die EU verfolge ein ähnliches Projekt wie Adolf Hitler, wenn auch ohne Waffen, nämlich die Schaffung eines europäischen Superstaats. Blödsinn, sagt Brexit-Gegner David Cameron. Churchill sei immer dagegen gewesen, Großbritannien zu isolieren.

Weil man Churchill ja nun nicht mehr fragen kann, werden seine Äußerungen zu Europa seziert, zitiert, interpretiert. Eine ganz besondere Rolle spielt dabei eine bemerkenswerte Rede, die der große Brite im Januar 1946 in der Schweiz gehalten hat. In der Schweiz wird er als Staatsmann gefeiert, der durch seine Unbeugsamkeit Europa vom Joch der Nazis befreit hat. Die Universität Zürich lädt ihn ein, eine Rede zu halten.

Plädoyer für eine Versöhnung des vom Krieg verwüsteten Europas

Wie sich Blogs und Webseiten vor dem Referendum positionieren FOTO: http://politicalweb.co.uk/ Grafik: Ferl

"Ich möchte über die Tragödie Europas sprechen", beginnt er. Und dann folgt ein ungeheuer eindringliches Plädoyer für eine Versöhnung des vom Krieg verwüsteten Europa. Als "ersten Schritt zum Wiederaufbau der europäischen Völkerfamilie" fordert Churchill eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland, den beiden dominierenden kontinentaleuropäischen Mächten, deren Rivalität in zwei Weltkriege geführt hat. Aber der Brite geht noch einen Schritt weiter und skizziert eine ganz neue Ordnung: "Wir müssen eine Art Vereinigter Staaten von Europa errichten." Es ist dieser visionäre Satz, mit dem die Brexit-Gegner ihre schwersten Geschütze munitionieren. Sie erinnern daran, dass der Jahrhundertpolitiker schon 1940 eine politische Union zwischen Frankreich und Großbritannien vorgeschlagen hatte und dass er später vor dem Europarat für die Schaffung einer europäischen Armee warb. "Mein Großvater hat Europa immer geliebt", beteuert sein Enkel Nicholas Soames, ein pro-europäischer Konservativer, der gegen den Brexit trommelt.

Aber Churchill ist nicht nur Visionär, sondern vor allem auch ein Realpolitiker, der im 19. Jahrhundert groß wurde. Ein befriedeter, prosperierender Kontinent, das liegt für ihn auf der Hand, wäre auch für die britischen Insulaner das Allerbeste. Dort, auf der andere Seite des Kanals, soll das Vereinte Europa heranwachsen und gedeihen, zum gegenseitigen Vorteil. Mit wohlwollender Billigung Großbritanniens, aber mehr wohl auch nicht.

Was deutsche Chefs über den Brexit sagen FOTO: Endermann, Andreas

Churchill wollte die Briten in der Rolle des Außenstehenden

Wie auch? In London hätte man die Vorstellung, Mitglied in diesem europäischen Club der Nationen zu werden, 1946 sicherlich für völlig abwegig gehalten. Man sah sich weiter an der Spitze eines sicherlich schon bröckelnden, aber immer noch mächtigen Empire. Indien war noch nicht unabhängig, das britische Weltreich erstreckte sich noch über alle fünf Kontinente. Dass sich dieses gewaltige Gebilde dem neuen Europa anschließen könnte, das wäre damals, nur wenige Monate nach dem Ende des Krieges, niemandem in den Sinn gekommen.

Darauf verweisen auch die Brexit-Befürworter. Boris Johnson, der in seiner Zeit als Bürgermeister von London die Zeit fand, eine Churchill-Biografie zu verfassen, verwandte viel Tinte darauf, die Zürich-Rede des Premiers als europäischen Mythos zu entlarven. Zwar habe Churchill eine Einigung Europas unterstützt, aber für die Briten habe er immer nur die Rolle des Außenstehenden gewollt. Britannien müsse auf die offene See hinaus schauen, sich nach Amerika orientieren, in die angelsächsische Welt.

So ist Churchills berühmte Zürich-Rede ambivalent. Sie gab der Europa-Idee enormen Schub, zeigt aber zugleich auch ein ganz besonderes britisches Selbstverständnis. Dieses gleichzeitige dazugehören wollen und doch irgendwie anders sein, das das Verhältnis zum "Kontinent" seit jeher prägt. Und man darf ziemlich sicher annehmen, dass der britische Premier sich zwar ein schlagkräftiges Europa wünschte, das seinen Rang in der Welt behaupten kann, aber dass er dabei zugleich an ein nationalstaatliches Europa dachte, ein "Europa der Vaterländer", wie es Charles de Gaulle, der andere große europäische Staatsmann später einmal nannte.

Unmöglich zu sagen, was Churchill über die gegenwärtige EU denken würde. Wäre sie für ihn die einzige Möglichkeit, in der globalisierten Welt zu bestehen? Oder aber ein bürokratsicher Superstaat, der Europas Nationen bedroht? Aber man darf vermuten, dass er sich einen britischen EU-Austritt zweimal überlegen würde. Churchill ist in seinem langen Politikerleben, auch aufgrund schmerzhafter Niederlagen, zu einem knochentrockenen Realisten geworden. Und als solcher würde er wohl sehen, dass sein Land innerhalb der EU seine Interessen besser durchsetzen kann als außerhalb. Churchill würde gegen den Brexit stimmen. Nicht als glühender Pro-Europäer. Sondern als britischer Patriot.

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