20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist erstmals ein Osteuropäer Präsident des EU-Parlaments geworden. Der frühere polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek wurde am 14. Juli 2009 in Straßburg mit breiter Mehrheit gewählt.
Der ehemalige Aktivist der polnischen Gewerkschafts- und Demokratiebewegung Solidarnosc will sich für ein starkes EU-Parlament einsetzen. "Ich kann Ihnen versichern: Die parlamentarische Demokratie weiß man erst richtig zu schätzen, wenn man ihren Verlust erlebt hat", schrieb Buzek im Frühjahr in einem Artikel für das "Parliament Magazine".
Zur Durchsetzung der Demokratie in Polen hat Buzek maßgeblich beigetragen. 1980 gründete der Naturwissenschaftler am Institut für Chemische Technologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Gleiwitz eine Gruppe der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. 1981 leitete er den historischen Kongress der Gewerkschaft in Danzig, nach der Verhängung des Kriegsrechts und dem Verbot von Solidarnosc organisierte der Professor unter dem Decknamen "Karol" konspirative Treffen im Untergrund.
Mitte der 80er Jahre zwang ein persönlicher Schicksalsschlag Buzek, diese Arbeit aufzugeben: Seine Tochter Agata erkrankte an Kinderlähmung. Um sie zu retten, ging die Familie für zwei Jahre nach Deutschland. Agata Buzek wurde geheilt, sie ist heute eine bekannte Schauspielerin und war mehrfach auch schon im deutschen Fernsehen zu sehen.
In die polnische Politik kehrte Jerzy Buzek erst Mitte der 90er Jahre zurück. Ehemalige Solidarnosc-Aktivisten gründeten damals eine Partei, die Wahlaktion Solidarnosc (AWS). Nach ihrem Wahlsieg im September 1997 wurde Buzek Ministerpräsident. Größter Erfolg seiner Regierung war der Beitritt Polens zur NATO im März 1999. Buzek setzte überdies wichtige Reformen durch: In seiner Regierungszeit wurde eine neue Verfassung verabschiedet, Gesundheits- und Rentensystem wurden modernisiert. Bei der Bevölkerung stießen die Reformen aber auf wenig Gegenliebe, nach vier Jahren Amtszeit wurde die Regierung im Herbst 2001 abgewählt.
Ins Europaparlament zog Buzek 2004 ein, wenige Wochen nach dem EU-Beitritt seines Landes. Bei der jüngsten Europawahl im Juni erzielte er von allen 50 polnischen Abgeordneten das beste Wahlergebnis. Der 69-Jährige gehört der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk an.
Buzek hat gute Chancen, seinen Traum von einem wahrhaft einflussreichen Parlament wahr zu machen: Falls der EU-Reformvertrag von Lissabon nach dem zweiten Referendum in Irland im Oktober doch noch in Kraft tritt, würden die Mitbestimmungsrechte des Parlaments deutlich gestärkt.