| 16.52 Uhr

Warum die EU-Kommission den Verbrauch eindämmen will
Der Kampf gegen die Plastiktüte

Brüssel. Milliardenfach werden sie in der EU genutzt, und genau das stößt der EU-Kommission auf. Sie will gegen den massiven Gebrauch von Plastiktüten vorgehen. Am Montag wurden die entsprechenden Pläne vorgestellt. Doch was ist eigentlich das Problem an den Tüten? Und wie viele werden überhaupt in den Ländern benutzt? Wir beantworten die wichtigsten Fragen. Von A. Ingenrieth und D. Schülbe

Schnell noch nach dem Feierabend in den Supermarkt, aber die Einkaufstasche liegt daheim. Also greift man an der Kasse zur Plastiktüte. Und der Gemüsehändler um die Ecke packt die Tomaten ebenfalls in eine dünne Plastiktüte. Das kennt wohl jeder von uns. Doch genau diesem Problem möchte die EU-Kommission nun Herr werden. "Jedes Jahr landen mehr als acht Milliarden Plastiktüten in Europa als Müll. Das verursacht enorme Umweltschäden", sagte EU-Umweltkommissar Janez Potocnik am Montag.

Was genau hat die EU-Kommission vor?

Die 28 Mitgliedsstaaten sollen die Plastiktüten mit Steuern belegen oder sogar ganz verbieten können. Damit will Brüssel insbesondere den Gebrauch von durchsichtigen, leichten Tüten (wie eben beim Gemüsehändler oder die kleinen an der Drogeriekasse) reduzieren. Bislang hieß es nach einer EU-Richtlinie, dass die Staaten dies nicht könnten. Den Artikel will die Kommission nun streichen. Allerdings müssen die EU-Staaten und auch das Europaparlament dem noch zustimmen.

Verbannt Brüssel also nicht die Plastiktüte?

Nein. Die EU gibt den Hauptstädten nur die rechtliche Möglichkeit, Plastiktüten zu verbannen. Denn bisher ist dies durch Artikel 18 der Verpackungs-Richtlinie verboten. Brüssel erlaubt es nun. Alternativ empfiehlt die EU Steuern oder Gebühren, um den Verbrauch zu drosseln. Als Vorbild gilt Irland. Dublin hat mit einer Plastiktüten-Abgabe von derzeit 22 Cent seinen Verbrauch in zehn Jahren um 95 Prozent gesenkt - von 328 auf 21 Tüten pro Kopf.

Sind alle Plastiktüten betroffen?

Nein. Reduziert werden sollen nur dünne Tüten mit weniger als 0,05 Millimetern Dicke, wie sie zum Beispiel fürs Einpacken von Obst und Gemüse verwendet werden. Die robusteren, oft kostenpflichtigen Tüten, die nicht gleich weggeworfen werden, sind nicht im Visier der Behörde.

Wie können die Länder den Vorschlag der EU-Kommission umsetzen?

Über ein Verbot oder entsprechende Abgaben. Das Bundesumweltamt etwa schlägt vor, eine Bezahlpflicht auch in Kaufhäusern, Elektro- oder Bekleidungsgeschäften einzuführen. Auch gibt es den Vorschlag, ein europaweites Ziel zur Reduzierung von Plastiktüten einzuführen, wie etwa beim Treibhausgas-Ausstoß.

Wir zahlen doch schon für viele Plastiktüten. Ist das nicht überall der Fall?

Hierzulande wird in Supermärkten die Plastiktüte schon seit den 70er Jahren nur gegen einen Tütengroschen (oft zehn Cent) angeboten. In Irland, das gern als Vorbild in dieser Hinsicht genommen wird, sind es sogar 22 Cent pro Tüte. Das habe auch den Verbrauch enorm gesenkt, heißt es. Aber es gibt immer noch viele Länder, in denen die Plastiktüten kostenlos abgegeben werden. Und auch hierzulande werden gerade die umstrittenen dünnen Tüten noch kostenlos angeboten.

Wirkt denn eine Steuer überhaupt?

Ja. Knapp 200 Plastiktüten benutzt jeder Europäer laut EU-Kommission pro Jahr. Um die 90 Prozent davon sind leichte Einwegtüten wie die für den Obsteinkauf: In Dänemark, wo Einwegtüten besteuert werden, ist der Verbrauch pro Einwohner auf vier pro Jahr gesunken - in Ländern wie Polen, Ungarn, der Slowakei oder Portugal sind es 466 Tüten, die nur einmal verwendet werden. Die Deutschen nutzen im Jahr durchschnittlich 71 Tüten pro Person – 64 davon sind Einwegbeutel.
 

Wie viele Plastiktüten werden in Europa denn verbraucht?

Nach Schätzungen der EU-Kommission lagen 2010 fast 100 Milliarden tüten in den Supermärkten und Geschäften für die Kunden bereit. Auf jeden EU-Bürger kommen pro Jahr im Schnitt 198 Plastiktüten. Die Iren greifen am wenigstens zu diesen – im Schnitt zu 20 Stück, darunter 18 Einwegtüten. In Deutschland sind es durchschnittlich 71 Tüten, davon 64 Einwegtüten. Am meisten werden die Plastiktaschen in Osteuropa und Portugal verwendet. In Portugal sind es mehr als 500, in Bulgarien 421.

Was ist das Problematische an den Plastiktüten?

Pro Jahr landen laut BUND rund zehn Millionen Tonnen Müll in die Weltmeere – etwa über Flüsse. Drei Viertel davon sind Plastik. Das Material ist langlebig, laut Experten hält es bis zu 450 Jahre. Vögel und Meeressäuger verheddern sich etwa in dem Müll oder fressen den Kunststoff, weil sie ihn für Nahrung halten. Eine Folge sind Verletzungen, an denen die Tiere sterben können. Solche Plastikpartikel wurden in den Mägen von Seevögeln, Schildkröten oder Walen gefunden.

Die EU-Kommission schätzt, dass 94 Prozent aller Vögel in der Nordsee Plastik in sich aufgenommen haben. Laut des UN-Umweltprtogramms treiben rund 13.000 Plastikpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche. Zudem wird gewarnt, dass die Partikel über die Nahrungskette auch in den menschlichen Körper gelangen könnten – inklusive aller darin enthaltener Mittel wie etwa Weichmacher.

Werden die Plastiktüten nicht überall richtig entsorgt?

Nein. Das Problem sind vor allem Länder ohne eine vernünftige Abfall- und Kreislaufwirtschaft mit riesigen Mülldeponien. Die kleinen dünnen Tüten etwa werden selten wiederbenutzt und wehen oft davon, wodurch sie leicht in die Natur gelangen können. Deutschland steht da mit seinen hohen Recyclingstandards gut da.

Wie wird der Vorschlag der EU-Kommission aufgenommen?

Die Umweltschutzorganisation NABU begrüßte die Kommissionspläne. Im Einklang damit sei eine "Steuer auf alle Einweg-Tragetaschen" angebracht, teilte der Verband in Berlin mit. Neben dem Entsorgungsproblem werde für die Tüten auch unnötig Erdöl als Rohstoff verbraucht. Skeptisch äußerte sich hingegen der Industriepolitiker Herbert Reul (CDU) aus dem Europaparlament. "Was haben wir davon, wenn wenige Länder drakonische Maßnahmen ergreifen und andere, wenn überhaupt, nur auf dem Papier tätig werden?", erklärte Reul. Der Vorschlag der Kommission gebe keine sinnvolle Orientierung für die Verringerung der Tütenzahl, urteilte Reul.

mit Agenturmaterial

(das)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Warum die EU-Kommission den Verbrauch eindämmen will: Der Kampf gegen die Plastiktüte


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.