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Seenotrettung im Mittelmeer
Zaoralek: "Seenotrettung kann das Schlepper-Geschäft begünstigen"

Fotos: Schiffe suchen nach Überlebenden im Mittelmeer
Fotos: Schiffe suchen nach Überlebenden im Mittelmeer FOTO: dpa, dc lb
Luxemburg/Rom. Die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer setzen die EU unter Druck. Deutschland will nun eine Stärkung der europäischen Seenotrettung unterstützen - auch wenn dies weitere Migranten anziehen könnte. Der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek warnt davor den Schleppern ihre Arbeit zu erleichtern.

Die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer hat in der Europäischen Union eine hitzige Debatte über die Verantwortung der Mitgliedsstaaten entfacht. Während sich Länder wie Deutschland, Luxemburg und Frankreich am Montag klar für mehr Kapazitäten bei der Seenotrettung aussprachen, drücken andere auf die Bremse.

"Wenn wir den Schleppern ihre Arbeit erleichtern und von Bord gegangene Flüchtlinge entgegennehmen, wird daraus für sie ein noch besseres Geschäft", warnte der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek am Rande von Beratungen mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg. Der britische Ressortchef Philip Hammond forderte, vor allem den Kampf gegen Menschenhändler zu intensivieren.

Asselborn: Mehr Schiffe und mehr Helfer

Der italienischen Küstenwache zufolge war ein Fischerboot mit Hunderten Flüchtlingen an Bord in der Nacht zum Sonntag etwa 70 Seemeilen (130 Kilometer) vor der libyschen Küste gekentert. 24 Leichen wurden demnach geborgen, 28 Menschen gerettet. Die Suche nach Vermissten an der Unglücksstelle südlich der italienischen Insel Lampedusa dauert an. Befürchtet werden bis zu 950 Tote. Am Montag gerieten drei weitere Schiffe mit mindestens 400 Menschen an Bord im Mittelmeer in Seenot.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sagte, man werde es in wenigen Wochen oder Monaten nicht schaffen, die Schleuserbanden in Libyen zu neutralisieren. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen auf diesem Weg hier rüber geschleust werden." Es brauche mehr Schiffe und mehr Helfer.

Verbesserung der Seenotrettung

Mitglieder der Bundesregierung deuteten Unterstützung für diese Vorschläge an. Es brauche "gemeinsame Anstrengungen zur Verbesserung der Seenotrettung", aber eine Lösung der Probleme sei nur möglich, wenn die Fluchtgründe an der Wurzel bekämpft würden, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte, dabei müsse gleichzeitig gegen Menschenhändler vorgegangen werden. Die Außen- und Innenminister der EU berieten am Montagnachmittag über die Flüchtlingsdramen.

Ob es wie vom italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi gefordert einen EU-Sondergipfel geben wird, war zunächst unklar. Unterdessen schwand im Mittelmeer die Hoffnung, weitere Vermisste der Katastrophe vom Wochenende zu finden. "Momentan gibt es nur 24 Leichen, aber nach den schrecklichen Erzählungen (von Überlebenden) scheint es, dass Menschen im Boot eingesperrt waren", sagte Renzi dem Radiosender RTL 102,5. Es sei sehr schwer zu ermitteln, was genau passiert sei.

Ein Überlebender aus Bangladesch hatte der Staatsanwaltschaft in Sizilien gesagt, viele Menschen seien im Laderaum des Schiffes eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", sagte er laut italienischer Medien. Die Hintergründe waren unklar. Die bislang geborgenen Opfer wurden am Montag nach Malta gebracht. Die Leichen sollen obduziert und dann auf dem Inselstaat bestattet werden.

Die Überlebenden sollen nach Italien gebracht werden. In dem Land kommen derzeit Tausende Migranten vor allem aus Ländern Afrikas südlich der Sahara und aus Syrien an. Viele Boote starten in Libyen, das vom Bürgerkrieg zerrissen ist. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft im italienischen Palermo warten in dem Land bis zu eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Europa. Im Mittelmeer gerieten am Montag drei weitere Schiffe mit Flüchtlingen in Seenot. Italien und Malta hätten nach Hilferufen Rettungseinsätze eingeleitet, sagte Renzi nach einem Treffen mit Maltas Premierminister Joseph Muscat.

Das italienische Rettungsprogramm für Flüchtlinge "Mare Nostrum" war vergangenes Jahr ausgelaufen. Es wurde durch die EU-Grenzschutzmission "Triton" abgelöst. Menschenrechtler und Hilfsorganisationen sehen darin aber mehr eine Abschreckungsmaßnahme als ein Rettungsprogramm für Menschen in Not. Rom pocht auf mehr Hilfe aus Europa, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen.

(dpa)
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