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Euro-Drama
Die Hoffnungen der griechischen Jugend

Fotos: Griechenland-Krise trifft Rentner besonders hart
Fotos: Griechenland-Krise trifft Rentner besonders hart FOTO: dpa, hpl axs
Athen. Kein Tag vergeht in Athen, an dem es nicht ums Geld geht. Vor allem die Jugendlichen im Land sind zwiegespalten: gehen oder bleiben? Von Franziska Hein

Gelassenheit gehört nicht zu den klassischen Tugenden, die Aristoteles in der Nikomachischen Ethik gelehrt hat. Nach dem, was dieser Tage in Athen passiert, würde ihr ein Platz unter den Kardinaltugenden gebühren. Kein Tag vergeht in Athen, an dem es nicht ums Geld geht: das Geld der Deutschen, das Geld der Griechen, das Geld des kleinen Mannes, Steuern, Pensionen und Kredite. Für die meisten Griechen ist das aber kein Grund zur Aufregung.

Im Gegenteil: Kurz bevor die Sonne hinter den Hügeln Athens verschwindet, schwärmen die jungen Griechen aus. Sie füllen die leeren Stühle vor den Tavernen und Cafés, die am Tag noch in der prallen Sonne standen. Es gibt Ouzo, Gyros und kleine Teller mit Tintenfischringen und Zaziki. Dass alle hier nur 60 Euro pro Tag abheben können, scheint keinen zu stören. Die Menschen gehen trotzdem aus und haben Spaß. Aber die Krise ist das beherrschende Thema an den Tischen auf der Terrasse der Panorama-Bar im Herzen der Altstadt nahe der U-Bahnstation Monastiraki. Hier sitzt auch Vicky mit ihrem Freund Manos. Beide sind 23 Jahre alt.

Vicky hat in England Journalismus studiert, seit einem Jahr lebt sie in Athen. Sie will als Modejournalistin arbeiten. Aber das sei im Augenblick schwierig, sagt sie. Die griechische "Vogue" erscheint schon seit Jahren nicht mehr. Wo die Krise ist, gibt es keinen Platz für teure Mode - so scheint es. Die junge Journalistin ist in Kassel geboren. Dort hat sie, bis sie sechs Jahre alt war, mit ihren Eltern gelebt. Als sie eingeschult werden sollte, sind ihre Eltern mit ihr zurück nach Griechenland gegangen. Die Familie kommt aus der Stadt Heraklion auf der Insel Kreta. Dort hat Vicky auch ihren Freund kennengelernt. Manos studiert Ingenieurwesen in Chalkida, einer kleinen Stadt etwa eine Stunde von Athen entfernt. Nächstes Jahr macht er seinen Abschluss. Wenn er dann keinen Job findet, will er nach Deutschland oder in die Schweiz auswandern.

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Vickys Eltern sind vor zwei Jahren zum zweiten Mal nach Deutschland zurückgekehrt, sie flohen vor der Krise. Jetzt leben sie in Leverkusen und arbeiten im Restaurant von Vickys Patentante. Die 23-Jährige spricht sehr gut Deutsch. Sie hat eine Vorliebe für Kleidung im Stil der 30er Jahre, trägt gern roten Lippenstift und ist verrückt nach dem Bilderdienst Instagram. Als ihr Cocktail serviert wird, postet sie sofort ein Selfie.

Vicky und Manos haben nicht an der Volksabstimmung am vergangenen Sonntag teilgenommen - die beiden waren in Deutschland. Aber sie hätten auch mit Nein gestimmt - so wie die Mehrheit der Griechen. Vicky findet, dass es besser ist, aus dem Euro auszutreten und das Land neu aufzubauen. Die deutsche Regierung wolle Griechenland im Euro halten, weil sie Angst vor weiteren Austritten etwa von Spanien und Portugal habe, sagt ihr Freund. "So kann es nicht weitergehen. Es sind die Leute, die leiden", erklärt Vicky.

Im Januar, bei der Parlamentswahl, hat sie nicht gewählt. Dazu hätte sie von Athen nach Heraklion reisen müssen, wo ihr Wahlbezirk liegt. Aber sie unterstützt Alexis Tsipras jetzt. "Ich bin nicht links, aber Tsipras versucht wirklich zu tun, was das Beste für das Volk ist." Sie kann auch verstehen, dass die deutsche Regierung auf Reformen dringt, um die Erwartungen des eigenen Volkes zu erfüllen.

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"Das Einzige, was mir ein bisschen Angst macht, ist, wenn uns das Bargeld ausgeht", sagt sie. Doch für diesen Fall hat sie Vorkehrungen getroffen: Ihr Portemonnaie ist voller Scheine. Sie hat ein deutsches Konto bei der Sparkasse, damit die Eltern ihr einfacher Geld überweisen können. Ihre Miete zahlen sie auch. Auch Manos' Eltern geben ihrem Sohn Geld fürs Leben. Seine Familie führt ein Hotel auf Kreta.

Während die einen Cocktail trinken, findet keine 500 Meter weiter auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament eine Kundgebung gegen die Tsipras-Regierung statt. Überall halten die Menschen die griechische und die europäische Flagge in die Höhe. Es gibt Stände mit gekühltem Wasser, Nüssen oder gebratenen Maiskolben. Die Generatoren rauchen, es riecht nach Diesel. Ein Mann verkauft Trillerpfeifen. Es sind an die 2000 Menschen, die zur Demonstration gekommen sind. Die Fahrkartenautomaten haben kein Wechselgeld mehr, deswegen ist der Nahverkehr umsonst.

Die Veranstaltung ist einem Volksfest ähnlicher als einer politischen Demonstration. Die Oppositionspartei Nea Dimokratia hat die Versammlung organisiert. Eleanna und ihre Mutter Katerina haben über Facebook davon erfahren. "Ich gehe sonst nie zu Demonstrationen", erzählt Eleanna. Die 20-Jährige studiert Alte Geschichte, Philosophie und Politik. Anders als Vicky ist sie davon überzeugt, dass es besser ist, wenn Griechenland im Euro bleibt: "Viele junge Menschen wissen nicht, was es bedeutet, wenn wir zur Drachme zurückkehren." Sie meint, dass viele in ihrem Alter mit Nein gestimmt hätten, weil sie unabhängig von den anderen europäischen Regierungen sein wollten.

Sie respektiert, dass die Mehrheit der Griechen anderer Meinung ist: "Ich denke nur für mich und versuche, niemanden von meiner Meinung zu überzeugen." Ihre Mutter nickt. Eigentlich möchte Eleanna nächstes Jahr ein Austausch-Semester in England machen. Doch derzeit ist sie sich unsicher, ob es dazu kommen wird.

Vicky und Manos überlegen, Athen zu verlassen. In den nächsten Tagen nehmen sie eine Fähre nach Heraklion. Auf den Inseln und auf dem Land sei die Lage besser als in Athen, meint Vicky. Einen Monat wollen sie auf Kreta bleiben. "Und dann mal sehen, wie es weitergeht."

Quelle: RP
 
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