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Europa-Sternfahrt: Doris Heimanns Weg nach Straßburg (1)

zuletzt aktualisiert: 03.06.2009 - 12:47

(RP). Was bedeutet Europa den Europäern? Welche Sorgen, welche Hoffnungen haben sie? Drei Autoren unserer Redaktion haben den Kontinent erkundet - von den Außengrenzen bis zum Europa-Parlament in Straßburg. Doris Heimann ist von Narva nach Straßburg aufgebrochen.

In Narva an der estnisch-russischen Grenze blüht der Handel - die Schlangen am Übergang sind lang.  Foto: Heimann
In Narva an der estnisch-russischen Grenze blüht der Handel - die Schlangen am Übergang sind lang. Foto: Heimann

Die EU-Erweiterung nach Osten ist ein Wunder. Dieser Gedanke taucht auf, als ich im Flugzeug nach Tallinn sitze. Für eine Reise von Estland nach Frankreich hätte man vor 20 Jahren noch zwei Visa benötigt. Ein sowjetisches Touristenvisum - denn Estland, Lettland und Litauen waren damals Teil der Sowjetunion. Und ein Transitvisum für Polen. Das bekamen Bundesbürger damals erst, wenn das Sowjet-Visum bereits im Pass klebte. Die ganze Beantragungs-Prozedur dauerte sechs bis acht Wochen – für meinen Studienaufenthalt in Leningrad 1990 habe ich es selbst mitgemacht. Nun ist dieser faule Zauber verschwunden. EU-Bürger können von Estland bis nach Portugal reisen – ohne eine einzige Passkontrolle. Und das allein ist schon ein enormer Verdienst der EU.

In Narva an der estnisch-russischen Grenze blüht der Handel - die Schlangen am Übergang sind lang. Foto: Heimann

In Narva allerdings treffe ich viele Menschen, die das anders sehen. Sie würden einiges dafür geben, wenn sie das Rad der Geschichte zurückdrehen könnten. Narva liegt ganz im Osten Estlands, an der Grenze zu Russland. Die meisten Bewohner der Provinzstadt gehören zu Estlands russischer Minderheit. Die Sowjetunion hat sie hier angesiedelt – als Arbeiter in den Kraftwerken und Ölschiefer-Bergwerken im estnischen Nordosten.

Die Russen verdienten gut, fühlten sich kulturell und wirtschaftlich überlegen. Bis die baltischen Länder 1991 ihre Loslösung vom Sowjetreich verkündeten. In den neuen souveränen Staaten fühlen sich die Russen als Bürger zweiter Klasse. Um die estnische oder lettische Staatsbürgerschaft zu bekommen, müssen sie erst einen Sprachtest absolvieren. Die Arbeitslosigkeit in den alten Industriegebieten ist hoch. Und den Regierungen in Tallinn und Riga sind die sozialen Probleme der russisch-sprachigen Bevölkerung ziemlich egal.

Foto: Heimann

"Die EU hilft hier mit Geldern für neue Straßen, sonst merken wir von ihr nichts", sagt Anna Stelter (36). Ihren Job in einer Textilfabrik hat sie verloren. Jetzt steht sie morgens um halb zehn in der Schlange am Grenzübergang nach Russland. Drüben, in Iwangorod, sind die Zigaretten und der Wodka billiger. Doch mehr als eine Stange Zigaretten und eine Flasche "Wässerchen" darf man nicht rüberbringen. Deshalb überquert Anna Stelter die Grenze jeden Tag. Ein Zwischenhändler in Narva gibt ihr umgerechnet sechs Euro für die Ware aus Russland. Das reicht gerade für den täglichen Einkauf. Eine Perspektive sieht Anna Stelter für sich kaum.

"Hier in Narva gibt es keine Arbeit, und in Tallinn nehmen sie nur Esten", sagt sie. Diese Ansicht hört man in Narva immer wieder. Und die Klage, dass es nicht genügend Kurse gebe, wo man Estnisch lernen könne. So sind die Menschen in Narva nie richtig in ihrem Land angekommen. Die meisten von ihnen orientieren sich nach Russland, gucken russisches Fernsehen, hören russische Sender. Und sind überzeugt, dass sich das politische System im demokratischen Estland von dem im autoritären Nachbarland kaum unterscheidet. Anna Stelter etwa will gar nicht zu den Europawahlen gehen – mit einem schlagenden Argument: "Keiner von meinen Bekannten in Russland hat Medwedew gewählt, aber trotzdem ist der Präsident geworden!"

Nach Russland umzuziehen wäre für Anna Stelter aber auch keine Alternative. "Die Löhne dort betragen gerade ein Drittel davon, was man in Estland bekommt", erzählt sie. Außerdem seien die Lebensmittel in Russland teuer, die Qualität aber miserabel. "Besonders die Milchprodukte sind in Estland viel besser." Übrigens ist auch das ein Ergebnis des EU-Beitritts – auch wenn es Anna Stelter sicher nicht bewusst ist.


 
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