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Ein Brite erklärt
Warum ich doch für den Brexit bin

Ein Brite erklärt: Warum ich doch für den Brexit bin
Drin bleiben oder die EU verlassen? Darüber entscheiden die Briten nun im Referendum. FOTO: afp
Meinung | Berlin. Adrian Holle ist 19 Jahre alt und Brite. Er beschreibt sich selbst als "Traum-Wähler des Anti-Brexit-Lagers". Dennoch wird der Londoner für den Brexit stimmen. Warum, erklärt er hier. Von Adrian Holle

Ich bin der Traum-Wähler des Anti-Brexit-Lagers. Ich bin der Sohn eines deutschen Einwanderers und einer Amerikanerin. Ich lebe in London, der Hauptstadt von Großbritannien. Nur ungefähr acht Prozent der Einwohner Londons kommen aus der EU. Diese Bevölkerungsgruppe bildet einen sicheren Stützpunkt für das Anti-Brexit-Lager. 

Ich bin 19 Jahre alt und war bis vor ein paar Wochen auf einer internationalen Schule. Jung, ausgebildet, international und Londoner –  ich bin wohl genau das Gegenteil des typischen Brexit-Wählers, der meist als ausländerfeindlicher, ungebildeter und unkultivierter "Little Engländer" dargestellt wird. Mein ganzer Freundeskreis hat die Entscheidung leicht getroffen: "Wir werden nie gehen, es gibt nicht genügend Idioten", sagt einer meiner Freunde.

Vater ein Beispiel gelungener EU-Einwanderung

Bis vor ein paar Tagen war ich auch im Pro-EU-Lager, auch wenn ich nicht von der EU begeistert bin. Aber immerhin – als Europäer war ich überzeugt, dass Großbritannien in der EU bleiben muss: Wir sollten nicht nur auf uns schauen und aus einem Projekt aussteigen, das uns so viele Vorteile gegeben hat. 

Die EU und der freie Markt haben für die Wirtschaft in meinem Land vielen Menschen Erfolg gebracht. Mein Vater, der seit 20 Jahren in Großbritannien lebt, ist ein Beispiel gelungener EU-Einwanderung. Es gibt auch andere wichtige Aspekte positiver Effekte der Europäischen Union. So sind der Einsatz der EU für wichtige Bereiche wie Naturschutz und gegen den Klimawandel gute Gründe, drin zu bleiben.

Ich glaube auch immer noch, dass die Zukunft für Großbritannien eine Zukunft sein muss, in der wir mit der EU zusammenarbeiten: Wir dürfen nicht, und werden uns nicht auf unsere Insel in die Isolierung zurückziehen.

Die EU – eine ineffiziente und undemokratische Organisation

Aber als ich tiefer in das Thema eingestiegen bin, wurde mir klar: Wir können uns nicht ewig an eine Organisation binden, die so ineffizient und undemokratisch ist und so viele Schwächen und Probleme hat wie die EU. Im Falle eines Brexits wird es sicherlich einen kurzfristigen und vielleicht auch einen längeren Schock in der britischen Wirtschaft geben. Aber die Argumentation, die das Anti-Brexit-Lager anführt, wonach wir in eine unausweichliche, permanente Negativspirale kommen und dass die EU uns als größter Handelspartner nicht mehr entgegenkommt, ist Blödsinn. Ich glaube, dass eine vorübergehende wirtschaftliche Abschwächung es wert ist, wenn wir dafür langfristig stärker und unabhängig von der EU sind.

Die EU-Gesetze werden von der Europäischen Kommission gemacht, ein nicht gewähltes Gremium. Das EU-Parlament kann die von der Kommission formulierten Richtlinien nicht ändern oder umschreiben. Weil die EU-Gesetze so schemenhaft geschrieben sind, ist es viel einfacher für multinationale Großunternehmen und ihre Lobbyisten, Einfluss zu nehmen.

Wäre es nicht besser, wenn das britische Parlament, von Briten gewählt, über unsere Gesetze entscheiden kann? Und auch unsere Handelsabkommen mit China, Indien, den USA und anderen Ländern selbst gestalten kann? Großbritannien und Rumänien haben völlig unterschiedliche Volkswirtschaften: Wieso sollen sie dann dasselbe Handelsabkommen haben?

Wirtschaftskrise als einiziges Brexit-Gegenargument

Es gibt noch andere wichtige Gründe, aus der EU auszusteigen: Die 12,9 Milliarden Euro, die wir jährlich an die EU bezahlen müssen und über die wir dann keine Kontrolle mehr haben. Die schädlichen Auswirkungen der EU-Vorschriften und der Bürokratie für Kleinunternehmen. Die verlorene Kontrolle über unsere Grenzen und die Tatsache, dass wir nicht einmal verurteilte Kriminelle abschieben können. Die mögliche Überbevölkerung unserer Insel wegen der 330.000 jährlichen Einwanderer und die Belastung für Schulen und Hochschulen.

Das einzige Gegenargument des EU-Lagers ist eine mögliche Wirtschaftskrise. Während der ganzen Wahlkampagne wurde nie über irgendwelche positiven Seiten der EU gesprochen, sondern nur darüber, was passieren könnte, wenn wir aussteigen würden. Es ging immer nur um einen Börsencrash und ein neues Referendum für die schottische Unabhängigkeit. Es ging um den Zusammenbruch Europas und um einen neuen Weltkrieg.

Warum ist das EU-Lager so negativ? Nach langer Zeit des Nachdenkens kam ich zu dem Ergebnis, dass ich für den Brexit stimme, weil es nicht einfach ist, außer dem Binnenmarkt viel Gutes über die EU zu finden. Und deshalb hoffe ich – obwohl ich zugebe, dass beide Seiten gute Argumente haben –, dass nach dem Referendum die Sonne auf ein neues unabhängiges Großbritannien scheint – mit einer Zukunft nicht nur in Europa, sondern auch in der Welt.

Mehr rund um das Thema Brexit lesen Sie in unserem Dossier.

Unser Reporter Vassili Golod ist in London und begleitet das Referendum der Briten. Er tickert live Fotos, Videos und Eindrücke auf Snapchat. Schauen Sie mehrmals am Tag rein, und Sie sehen direkt die neuen Snaps. Die Geschichte ist wie üblich 24 Stunden abrufbar. So folgen Sie uns auf Snapchat:  Klicken Sie auf diesen Link oder scannen Sie einfach diesen Code mit der App:

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