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Flüchtlinge auf Kos
Zwischenstation Sehnsucht

Fotos: So leben die Flüchtlinge auf Kos
Fotos: So leben die Flüchtlinge auf Kos FOTO: Leslie Brook
Kos. Auf der griechischen Insel Kos begegnen sich Touristen und Flüchtlinge, die in Zelten darauf warten, weiter reisen zu dürfen. Ein Besuch in der "Zwischenstation Sehnsucht". Von Leslie Brook

Nordwind. Die Wellen schlagen hoch gegen den Pier. Für Kos bedeutet der Sturm eine ruhige Nacht und einen ruhigen Morgen. Nur eine Stunde brauchen die Ruderboote von Bodrum in der Türkei bis zur nahegelegenen griechischen Insel. Die meisten wagen die Überfahrt zwischen drei und fünf Uhr morgens. Sie folgen den Lichtern der Promenade auf der anderen Seite des Mittelmeers. Doch bei solch heftigem Wind ist vielen die Überfahrt zu heikel. Zu groß ist das Risiko, auf See zu kentern. Nie anzukommen in der EU.

Mahdi hat es geschafft. Seine Frau, seine zwei Söhne, seine Schwester, sein Schwager und seine beiden Neffen sind sicher an Land gegangen. Vor einer Woche kamen sie in einem Motorboot in Kos-Stadt an. Für die kurze Überfahrt hat Mahdi umgerechnet 210 Euro bezahlt - Pauschalurlauber kostet eine Woche im Vier-Sterne-Hotel mit Halbpension 600 Euro. Mahdis Familie hat alles zurückgelassen in ihrer Heimat Afghanistan. Seitdem warten sie auf ihre Papiere, die ihnen die legale Weiterfahrt ermöglichen. "Wir haben viel riskiert", sagt Mahdi, der gebrochen Englisch spricht - das ist vielmehr als die meisten Flüchtlinge können, die nur ihre Muttersprache beherrschen.

Flüchtlinge lassen sich auf Fähre in Kos registrieren FOTO: ap

Die Fotos in der Bilderstrecke zeigen, wie die Flüchtlinge auf Kos leben.

Keinen Tag länger wollte der 25-Jährige in dem Land bleiben, er floh über den Iran. Seit mehreren Wochen ist die Familie auf der Flucht. Nun sitzt Mahdi mit seinen beiden Söhnen Matin (6) und Mobin (3) auf einer Decke unter den Arkaden. Die Kinder versuchen, etwas zu schlafen. Als Kissen haben sie eine orangefarbene Schwimmweste unter den Kopf gelegt. Bei der Überfahrt hatten die Kinder die lebensrettenden Westen an. Mahdi selbst besitzt nur ein einziges T-Shirt, "aus Bodrum", sagt er.

Unter den Flüchtlingen gibt es große Unterschiede. In den Zelten, die aussehen wie Strandmuscheln, nur dass sie nicht zum Vergnügen aufgebaut wurden, sondern Familien ein spärliches Zuhause auf Zeit bieten, leben die besonders armen Flüchtlinge. In Hotels mieten sich neben ganz normalen Touristen reichere syrische Familien ein. Sie alle machen keinen Hehl daraus, dass Kos für sie nur eine Zwischenstation ist. Die Flüchtlinge warten darauf, mit ihren neuen Papieren mit einem Boot nach Athen gefahren zu werden. Die Überfahrt kostet 50 Euro ohne Kabine, 70 mit. Wer es sich nicht leisten kann, muss nach Angaben des Bürgermeisters von Kos nur einen Euro bezahlen. In Athen beginnt dann die Weiterreise Richtung Nordeuropa.

Flüchtlingselend auf Kos FOTO: ap

Offiziell müssen die registrierten Flüchtlinge für mindestens drei Monate in Griechenland bleiben, und warten, bis sie von Athen aus weiter verteilt werden. "Aber das machen die wenigsten", sagt Yannis, der aus Athen stammt und seit 20 Jahren auf Kos lebt. "Sie wollen einfach schnell weiter nach Deutschland, Schweden oder Dänemark - notfalls auch illegal." Deshalb fahren viele von ihnen nach der Ankunft in Athen auf eigene Faust weiter - Hauptsache nicht wieder warten.

Waltraud und Peter aus Köln haben sich innerhalb kurzer Zeit für einen weiteren Urlaub auf Kos entschieden, zuletzt waren sie im Juni da, jetzt bleiben sie wieder für zwei Wochen. Sie sehen das mit den Flüchtlingen pragmatisch: "Es bringt ja auch nichts, wenn jetzt alle Touristen der Insel fernbleiben", sagt die 70-jährige Waltraud. "Kein Urlauber sollte sich durch diese Menschen gestört fühlen. Die sind alle friedlich. Außerhalb des Hafens in der Hauptstadt der Insel bekommt man von den Flüchtlingen gar nichts mit", sagt die 70-Jährige. Und sie hat recht. Kaum hat man Kos-Stadt verlassen, liegt auch die bizarre Szenerie, die einem traurigen Festival gleicht, rasch hinter einem.

In Kos-Stadt (17.000 Einwohner) leben zurzeit rund 3000 Flüchtlinge. Entlang der Promenade, wo die meisten der Zelte stehen, geht das touristische Leben beinahe normal weiter. Die Straßencafés sind etwas leerer als üblich, aber es gibt sie, die verliebten Pärchen, die Hand in Hand am Strand entlang schlendern, die Familien, die eine Radtour unternehmen, ja sogar die Freunde, die mit Quads durch das Örtchen heizen. Doch für die beiden Schwedinnen Gunila (65) und Agneta (60) ist es kein Urlaub wie jeder andere. Zwar genießen die beiden Freundinnen ihren abendlichen Drink in einem der Straßencafés, doch ruht ihr Blick auf den vielen Flüchtlingsfamilien nur wenige Meter von ihnen entfernt. "Uns tun diese Menschen sehr leid", sagt Gunila aus Malmö. "Uns geht es so gut, doch sie haben nicht viel." Die Freundinnen haben einige Wasserflaschen vorbeigebracht. "Wir wollen etwas tun, und nicht einfach wegschauen", sagt Agneta.

Auch Natalie will helfen. Die junge Niederländerin (20) ist mit Übergepäck nach Kos geflogen. In den Taschen befindet sich Kleidung, vor allem für Kinder. "Uns wurde alles gespendet", erklärt die Utrechterin. Die Kleidung haben sie und ihre Kollegen von der Non-Profit-Organisation "Stichting hulpactie bootvluchtingen" in einem kleinen weißen Mietwagen verstaut. Sobald sie die Türen öffnen, drängen sich dutzende Flüchtlinge um das Auto. Jeder bekommt ein Teil. Eine blaue Badehose für einen etwa achtjährigen Jungen, ein gelbes T-Shirt, das mit einer Palme bedruckt ist, für ein sechsjähriges Mädchen. Das Mädchen drückt sich eng an Natalie und lächelt über das ganze Gesicht. Natalie hält ihr die ausgestreckte Hand entgegen, das Mädchen schlägt mit ganzer Kraft ein.

Fotos: Flüchtlingsdrama auf griechischer Ferieninsel FOTO: ap

Es ist 18.50 Uhr. Plötzlich kommt Bewegung in die sonst so still vor und in den Zelten sitzenden Menschen. Alles drängt gen Hafen. Dort läuft gerade eine Fähre ein. Touristen stehen mit ihren Autos in der Schlange. Mit maximal einer Plastiktüte bepackt stehen Hunderte Flüchtlinge vor dem Fußgängereingang. Drei Einsatzkräfte der Küstenwache sichern den Ort. "Es ist jeden Abend so", sagt einer der Männer, "es geht nur eine Fähre am Tag, manchmal sind es zwei." Aber an Bord kommt man nur mit Ticket und Ausweis. Er ruft in die Menschenmenge: "Wer kein Ticket hat, bitte wieder gehen." Die meisten gehorchen, doch ein paar versuchen es trotzdem. "Go!" ruft er noch mal. Nur ein paar lässt er passieren, sie haben gültige Papiere.

Der Bürgermeister von Kos, Giorgos Kiritsis, empfängt seine Gäste im Yachtclub, die Segelboote glänzen in der Sonne. Wenn er über Kos spricht, dann lobt er zuerst die tolle Landschaft, die lange Kulturgeschichte des Landes, den hippokratischen Eid, der hier einst geschlossen wurde. Erst dann kommt er auf die derzeitige Lage zu sprechen. Es sei für die Flüchtlinge leicht, hierher zu kommen. Kos sei ein Schlupfloch. "Aber niemand kommt, um zu bleiben."

Die örtlichen Politiker fühlten sich schlecht, dass sie nicht mehr bieten könnten, aber die Mittel seien ausgeschöpft. "Wir können nicht mehr tun. Die Flüchtlinge sind kein griechisches, sondern ein europäisches Problem", sagt der 58-Jährige. Bald werde es in vielen Ländern Probleme geben. "Wenn es nicht zu einer Lösung kommt, wenn es keine Hilfen gibt, dann wird diese Flut an Flüchtlingen nicht zu stoppen sein", betont er. "Kos versucht mit allen Mitteln und Möglichkeiten, den Menschen zu helfen, aber bei dieser Masse kommen einige zu kurz. Der Druck ist sehr hoch." Von der Regierung in Athen fühlt sich Kiritsis alleingelassen. Auf seine Beschwerden habe man dort nicht reagiert.

Fünf Euro würde jeder Flüchtling pro Tag benötigen. Eigentlich. Stattdessen bekommen die Flüchtlinge gar nichts, kein Geld, keine Nahrung, kein Wasser. "Es gibt keine Mittel, die wir verteilen könnten"; erklärt Kiritsis. Anders als in Deutschland sei in Griechenland alles zentral gesteuert, die Kommune selbst habe keine Rücklagen. Viele Bürger aber würden freiwillig helfen, sie geben Essen aus oder zapfen Wasser ab. Selbst die Armen helfen.

Und dann ist da noch das "Captain Elias". Das Hotel, das zuletzt 2003 in Betrieb war, ist zum Synonym der Schande geworden. Im Erdgeschoss schlafen Pakistani auf schmutzigen Matratzen, die Schwarzafrikaner haben ihre notdürftigen Lager aus Pappe und Palmwedeln rund um den ausgetrockneten Pool errichtet. Nur zwei Frauen leben in dem Camp, das die griechische Regierung, nach der Insolvenz des Besitzers von der Bank übernahm, um dort 200 bis 300 Flüchtlinge unterzubringen, während diese bis zu einem Monat auf ihre Registrierung warten.

Zwischenzeitlich lebten dort bis zu 1000 Menschen. Krätze und andere Hautkrankheiten breiten sich aus, viele Flüchtlinge sind geschwächt, sie stöhnen im Halbschlaf, berichten von Zahnschmerzen. Ahmet Ali und seine vier Freunde leben seit 15 Tagen in dem menschenunwürdigen Lager, sie teilen sich eine fleckige Doppelmatratze. Allein haben sich die jungen Männer, die angeben zwischen 18 und 22 Jahre alt zu sein, durchgeschlagen. Ihre Familien haben sie zurückgelassen. Warum sie aus Pakistan geflüchtet sind? "Electric problems, money problems, no future", sagt Ahmet Ali. Sein Freund murmelt etwas von "Taliban".

Morgen wird Mahdi mit seiner Frau Mohadese und den Kindern an der Schranke am Hafen stehen. "Wir haben unsere Tickets erhalten", sagt Mahdi und deutet mit der Hand auf den Schatz unter seinem T-Shirt. Nur ganz kurz, damit es niemand sonst sieht. Und wie geht es dann weiter? "Deutschland oder Österreich", antwortet er. Verwandte habe er dort keine. Aber ihn trägt die Zuversicht, dass sie dort willkommen sind. "Wir hoffen auf ein neues, besseres Leben."

Quelle: RP
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