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Analyse zur Flüchtlingskrise
Die Balkanisierung Europas

Polizei stoppt Flüchtlinge an slowenischer Grenze
Polizei stoppt Flüchtlinge an slowenischer Grenze FOTO: ap
Düsseldorf. Die Flüchtlingskrise bringt ein Muster des 19. Jahrhunderts zurück: die Balkankrise. Damals ging es um Krieg und Frieden. Heute geht es um das Fundament unserer politischen Kultur. Und um politischen Anstand. Von Frank Vollmer

Asien, so hat der österreichische Staatskanzler und gebürtige Koblenzer Clemens von Metternich einmal gesagt, beginne im dritten Wiener Bezirk. Die Gegend im Südosten der Habsburger-Hauptstadt war in den 1820er Jahren, als Metternich seinen Ausspruch tat, vor allem von Einwanderern vom Balkan besiedelt. Nun war Metternich keineswegs Feind von allem, was aus dem Osten kam - der russische Zar Alexander I. war einer seiner wichtigsten Partner bei der konservativen Neuordnung Europas nach Napoleons Sturz. Aber Südosteuropa, eben der tendenziell unkontrollierbare Balkan, war Metternich ein Gräuel.

Heute, knapp 200 Jahre später, würde der rheinische Österreicher angesichts der Flüchtlingskrise vermutlich von einem Schockzustand in den nächsten fallen. Heute beginnt Asien längst nicht mehr in Wien, sondern in Salzburg, München, Köln und Brüssel - überall, wo der massenhafte Zustrom der Verzweifelten, die sich aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan über den Balkan zu uns quälen, die gewohnte Tagesordnung zur Makulatur gemacht hat.

Überladene Züge: Flüchtlinge auf dem Weg nach Zagreb FOTO: dpa, ab jak

Im beginnenden 21. Jahrhundert ist ein politisches Muster des 19. aktueller denn je: die Balkankrise. Der Balkan ist nicht mehr der hinterste Winkel Europas, deren landschaftliche Reize man im Winnetou-Film bewunderte, den Umtriebige aus dem Urlaub kannten, dem man ansonsten aber nur in Form von Djuvec-Reis und Cevapcici im gleichnamigen Restaurant näherkam. 2015 ist der Balkan wieder Mittelpunkt der europäischen Politik.

Das war schon einmal so - vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1918 laborierte Europa an der Frage, wie die Lage auf dem Balkan in den Griff zu bekommen sei. Das todkranke Osmanische Reich hinterließ zwischen Adria, Schwarzem Meer und Ägäis ein Machtvakuum, das die großen europäischen Mächte zu füllen versuchten. Die Krisen kamen deshalb so regelmäßig wie Sommergewitter; teilweise gingen sie mit regionalen Kriegen einher. Dieses zynische imperialistische Spiel hätte noch lange, auch nach den Schüssen von Sarajewo, weitergehen können, wenn nicht vor allem Deutschland 1914 den Kopf verloren hätte. Ergebnis waren ein Weltkrieg, Millionen Tote und der Untergang der alten Ordnung. Zwischen 1941 und 1945 wurde die Region dann Schauplatz des Rassenwahns - Vernichtungslager gab es auch auf dem Balkan.

Eskalation an ungarisch-serbischer Grenze FOTO: afp, AN/tlr

Ein halbes Jahrhundert verschwand anschließend diese komplizierte Ecke Europas hinter dem Eisernen Vorhang, wobei ihr kompliziertester Teil, nämlich der Westbalkan, schon 1918 ins Kunstgebilde Jugoslawien gepresst worden war. Dessen blutiger Zerfall ab 1991 war die erste der drei großen Balkankrisen, die Europa seither vor existenzielle Fragen gestellt haben - zum Beispiel die, ob Gewalt notfalls mit Gewalt zu beantworten sei. Ja, sagte die Bundesrepublik: Im Kosovo absolvierte die Bundeswehr 1999 ihren ersten Kampfeinsatz. Krise Nummer zwei ist die einstweilen abgewendete Implosion des Euro, deren Anfang und Höhepunkt in Griechenland liegt. Auch sie ist nicht nur geografisch ein Balkan-Produkt: Das randständige Hellas hat auch wirtschaftlich und politisch nie den Anschluss an Mitteleuropa geschafft.

Krise Nummer drei schließlich, der seit August nochmals dramatisch gewachsene Flüchtlingsstrom, besitzt die größte Sprengkraft. Das Problem sind nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, die Zahlen. Es ist mindestens so sehr das Drama der Odyssee entlang abgeriegelter Grenzen auf der Suche nach Korridoren Richtung Norden - und das Gefeilsche in europäischen Tagungsräumen, wer wie viele dieser Elenden aufnimmt. Was wir derzeit auf dem Balkan und in Brüssel erleben, legt die Axt direkt an die Wurzel der europäischen Idee. Beim Euro war es "nur" die bislang letzte Integrationsstufe, die infrage stand, das komfortable Dachgeschoss des Hauses Europa. Der Flüchtlingsstrom aber schwemmt den europäischen Zusammenhalt davon, das Bekenntnis zur Freizügigkeit als Grundlage unseres Wohlstands und auch die Bereitschaft zur Erkenntnis, dass selbst der Stärkste nicht jede Last allein tragen kann. Ohne dieses Fundament ist Europa nur noch Ruine.

Ungarn macht die Grenzen dicht FOTO: dpa, fkai sh

Die Krise zeigt uns Europas Grenzen auf - im doppelten Sinn. "Europa", das geografische Gebilde, endet derzeit an der nächstbesten Demarkationslinie. "Europa", das politische Subjekt, versagt, weil es sich nicht einmal im Grundsatz einigen kann, wie mit dem Andrang umzugehen ist, geschweige denn Konsens erzielt hätte, wie diese Massen zu verteilen wären. "Europa", das Freiheitsversprechen, wird in diesen Wochen nur von der Zivilgesellschaft gerettet, die sich wie selbstverständlich um die vielen Tausend Neuankömmlinge kümmert und damit beweist, dass europäischer Geist sich nicht in Gipfelerklärungen erschöpft.

"Balkanisierung" kennen wir als Synonym für Kleinstaaterei und territoriale Zerfaserung. Bezogen auf Europa im Jahr 2015, bedeutet Balkanisierung auch den Verfall des politischen Anstands. Die Flüchtlingskrise mit ihrem vorläufigen Höhepunkt auf dem Balkan hat die EU balkanisiert. Sie hat offengelegt, wie zersplittert die reichen Staaten des Westens sind, selbst wenn es um humanitäre Nothilfe geht.

Der Balkan ist wieder (immer noch?), was er im 19. Jahrhundert war: geografisch zweifellos Teil Europas, politisch erst teilweise, eine Art Zwischenwelt, Vorfeld, Pufferzone. Nicht zuletzt deswegen suchen auch so viele Kosovaren und Albaner ihr materielles Glück in Deutschland. Nirgends zeigt sich so klar wie auf dem Balkan, wie unfertig Europa ist, wie viel Bauarbeit noch ansteht, damit dieses Haus eine Zukunft hat, ohne dass sich seine Bürger für die Bauherren schämen müssen. Die Aufgabe besteht sicher nicht darin, wie Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán erst Anfang dieser Woche im ungarischen Parlament erklärte, dass "alle einen Zaun bauen müssten". Gerade das ist nicht die europäische Lösung.

Quelle: RP
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