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Europa-Sternfahrt: Frank Vollmers Weg nach Straßburg (1)

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 03.06.2009 - 14:45

(RP). Was bedeutet Europa den Europäern? Welche Sorgen, welche Hoffnungen haben sie? Drei Autoren unserer Redaktion haben den Kontinent erkundet - von den Außengrenzen bis zum Europa-Parlament in Straßburg. Frank Vollmer ist von Catania nach Straßburg aufgebrochen.

Kilometer 0: Catania

Endlich zuhause! Oder doch nicht? Camilla Torcoli und Angela Porrello steigen aus dem Flugzeug. Knapp 2000 Kilometer Flug haben die Schwestern hinter sich, jetzt sind sie auf Sizilien angekommen, dort, wo ihre Familie ihre Wurzeln hat. Dennoch: "Ich bin aus Köln", sagt Angela Porrello. Seit zehn Jahren lebt sie dort; in den tiefen Süden Europas ist sie gekommen, um ihre Familie zu besuchen. Für ihre alte, nach italienischer Sitte ganz in Schwarz gekleidete Mutter aber, die mit Angela Porrello und Camilla Torcoli im Flugzeug nach Catania gereist ist und jetzt im Rollstuhl darauf wartet, dass ihre Töchter das Gepäck vom Band wuchten, ist Sizilien mehr: "Sie wollte die Heimat wiedersehen", sagt Angela Porrello und lächelt. Europa liegt irgendwo zwischen Köln und Catania.

Über dem Ätna, an dessen Fuß sich Catania ausbreitet, mit mehr als 300.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Siziliens, steht eine schmale Rauchwolke, wie fast immer. Der Gipfel des größten europäischen Vulkans ist schneebedeckt. Für die alten Griechen, die Catania vor 2700 Jahren gründeten, lag da oben der Eingang zur Unterwelt. Für die modernen Sizilianer ist die Unterwelt ein ganzes Stück näher. Sie hat auch einen anderen Namen: Mafia. Im Straßenbild von Catania ist die Erinnerung an dieses größte Problem des italienischen Südens großformatig präsent - in Form von Wahlplakaten des Partito Democratico, der großen Linkspartei Italiens. Für den PD tritt Rita Borsellino zur Europawahl an, die jüngere Schwester des 1992 von der Mafia ermordeten Richters Paolo Borsellino. "Finché c’è Rita c’è speranza", steht auf den Plakaten: "Solange Rita da ist, gibt es Hoffnung."

Kilometer 65: Autobahn Catania – Taormina

Morgens um halb neun, aber das Thermometer steht schon bei 25 Grad. Auf der Autobahn geht nichts mehr – Sperrung nach Unfall. Linkerhand liegt der Ätna im Morgenlicht, rechts glitzert das Ionische Meer. Auf dem Mittelstreifen wuchern die Oleanderbüsche wie Unkraut. Im Radio wird ein Rosenkranzgebet übertragen.

Kilometer 115: Autofähre Messina – Villa San Giovanni

Der europäische Fortschritt könnte Francesco Arena eines Tages seinen Arbeitsplatz kosten. Zumindest dann, wenn die italienische Regierung in Rom ernst macht mit einem der größten Verkehrsprojekte aller Zeiten: der Brücke über die Straße von Messina, zwischen dem italienischen Festland und Sizilien, die dann wohl auch mit Mitteln aus Brüssel gebaut würde. Francesco Arena ist Einweiser auf der "Iginia", einer der staatlichen Autofähren, die im Pendelverkehr über die etwa vier Kilometer breite Meerenge hin- und herdampfen. "Drei Monate im Jahr arbeite ich hier", sagt der Endzwanziger aus Sizilien, "den Rest der Zeit mache ich dies und das." Soll heißen: Feste Arbeit gibt es für Arena nicht, außer diesem Job auf dem Schiff. "Aber die Fähren wird es immer geben. Früher waren es zehn, heute immer noch zwei", sagt Arena. Und überhaupt: Schon so oft war der Baubeginn der Brücke versprochen, zuletzt mit großem Pomp von Silvio Berlusconi, schon so oft wurde er wieder verschoben.

"Möchtest du etwa auf Sizilien leben?" Die unvermittelte Frage ist mit einem eindeutigen Unterton gestellt – erwartet wird die entrüstete Antwort "Nein, natürlich nicht". Gestellt wird sie von einer Dame mit riesiger Sonnenbrille, ärmellosem Oberteil und sehr kurzen Hosen, die lässig an der Reling der "Iginia" lehnt. Ihren Namen nennt sie zwar nicht, wohl aber ihr Alter: 41 Jahre. Das freilich dürfte großzügig nach unten korrigiert sein. "Ballerina" sei sie früher gewesen, erzählt sie, in Bari, Apulien, am Absatz des italienischen Stiefels. Im Theater? Nein, nein, in privaten Clubs, davon gebe es eine ganze Reihe in Bari. Überhaupt Bari, dort sei es schön. Sizilien dagegen sei "sporca sporca", schrecklich schmutzig. Und erst die Straßen in Kalabrien, auf der anderen Seite der Meerenge! Eine Katastrophe! Die Dame regt sich richtig auf. Aber das sei immer schon so gewesen. Wo das ganze Geld bleibe, das für den Ausbau bestimmt sei, das wisse man nicht. Die Ballerina verzieht die Mundwinkel, breitet die Arme aus, aber bevor sie zu einer neuen Tirade über die sizilianischen Zustände ansetzen kann, hat die "Iginia" schon das Festland erreicht.

Kilometer 138: Autobahn Reggio Calabria – Salerno

Nach einer halben Stunde Fahrt ist klar, was die apulische Tänzerin mit ihrer Warnung vor den kalabresischen Straßenverhältnissen gemeint hat: Die so genannte Autobahn A 3 nach Salerno verdient ihren Namen nicht. Mehr als die Hälfte der ersten 200 Kilometer ist einspurig, halbmetergroße Schlaglöcher zwingen die Autofahrer ins Schritttempo, Spurwechsel in praktisch unbeleuchteten Tunneln machen die Fahrt zum Abenteuer. Dutzende Kilometer ist die Höchstgeschwindigkeit auf 40 km/h begrenzt. Wenn man sich Italien als Stiefel vorstellt, dann hat der große Zeh akute Durchblutungsstörungen, weil seine wichtigste Ader verstopft ist. Die Steilküste am Tyrrhenischen Meer ist durchlöchert von riesigen neuen Tunnelröhren, aber erkennbar gearbeitet wird nirgends. Griechisch ist die Vegetation – silbrig schimmernde Ölbäume –, griechisch sind die Namen der uralten Städte – Scilla, Tropea, Mileto. Die Straßenverhältnisse aber entsprechen schlimmsten italienischen Klischees. Kurze Ausbaustücke machen immer wieder Hoffnung, die dann umso schmerzlicher enttäuscht wird, wenn die nächste Marterstrecke beginnt. Brüssel, Mailand, selbst Rom oder Neapel scheinen unendlich weit entfernt. Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem Italien endlich ein Nationalstaat geworden war, kamen Bürger aus dem industrialisierten Norden in dieses rückständige Land – und prägten voller Häme den ungerechten Spruch, die italienische Nationalbewegung habe nicht Italien geeint, sondern Afrika geteilt.

Kilometer 298: Marina di Fuscaldo

Die Touristenorte am Tyrrhenischen Meer dämmern im Halbschlaf der Vorsaison. In zwei Monaten werden hier Zehntausende Römer und Neapolitaner ihren Sommerurlaub verbringen. Die Gegend macht einen eher familiären Eindruck – die Hotels und Pensionen sind nicht besonders herausgeputzt. Dass man auch mit deutschen Touristen rechnet, zeigt ein "Ristorante Sachsenhausen", das offenbar die hessische Gemütlichkeit des Frankfurter Stadtteils beschwört. Bald ist auch hier Europawahl. Zu sehen ist davon wenig: Zwar sind die betonierten Böschungen der Straße mit Wahlplakaten zugepflastert, fast alle aber weisen auf die Provinz- und Kommunalwahlen hin, die ebenfalls am 7. Juni gehalten werden. Die Lösung der politischen Probleme sucht man im Mezzogiorno, also südlich von Rom, eher in der Nachbarschaft als im fernen Brüssel. Gefälligkeiten und Familienhilfe sind seit Jahrhunderten probate Mittel dafür. Und die ganz großen Plakatflächen sind ohnehin dem Parapsychologen Nino Strano ("Nino Seltsam") vorbehalten, der seine Dienste feilbietet – per Telefon und im Internet.

Kilometer 459: Casal Velino

Europa sei in den Köpfen der Menschen hier kaum präsent, sagt Gino Fedullo. Der 41-Jährige ist Chef des Agriturismo "I Moresani" in dem Bergdorf Casal Velino, knapp 150 Kilometer südlich von Neapel. Vor zehn Jahren stand hier nur ein Stall. Heute besitzt Fedullo Dutzende Ziegen und Schweine, Esel und Kälber. Auf dem Bauernhof können sich Feriengäste in Apartments einmieten, Koch- und Malkurse belegen; im hauseigenen Restaurant kommt ausschließlich Selbstproduziertes auf den Teller und ins Glas. Dafür hat Fedullo zum Start vor zehn Jahren auch Hilfen der EU beantragt. Selbstständige aber, das habe er gelernt, könnten nicht auf die Bürokratie warten, bis die Gelder endlich da seien: "Bis nach Neapel kommt das Geld ziemlich schnell. Aber bis es dann hier bei uns ist, das dauert unendlich lange", sagt Fedullo: "Wenn man Geld braucht, ist ein Bankkredit einfach schneller und unbürokratischer." Dennoch, sagt der studierte Agrarökonom Fedullo, der "I Moresani" mit Frau, Schwiegereltern und Bruder führt, habe diese Art des EU-geförderten Tourismus durchaus segensreiche Auswirkungen gehabt. Die bergige Region des Cilento rund um Casal Velino ist wie der gesamte italienische Süden immer noch deutlich ärmer als der Norden Italiens. Weil aber vor allem Reisende aus Nordeuropa, allen voran die Deutschen, den sanften Tourismus immer mehr zu schätzen lernten, seien die Agriturismi ein Erfolgsmodell: "Das führt dazu, dass die jungen Leute nicht mehr alle nach Norden in die großen Städte abwandern. Immer mehr von ihnen bleiben hier. Früher starben die Bauernhöfe, heuten werden sie wiederbelebt."

Europaskeptiker ist Fedullo trotz seiner Kritik nicht. Im Gegenteil: "Wir müssten viel mehr Europa haben", sagt er – einen Bundesstaat zum Beispiel mit eigener Armee und einem Außenminister. "Dann wird Europa für die Menschen erst eine Realität. Ich hoffe, dass aus Europa die neuen USA werden."


 
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