| 16.00 Uhr

Gipfel am Montag
Neue Griechen-Hilfen: Haltung statt Hadern

Porträt: Alexis Tsipras - selbsternannter Retter Griechenlands
Porträt: Alexis Tsipras - selbsternannter Retter Griechenlands FOTO: dpa, sp ase tba
Meinung | Düsseldorf. Beim Griechenland-Gipfel am Montag wird auf Spitzenebene über Reformen, Milliardenkredite und letztlich den Verbleib Griechenlands in der Eurozone debattiert. Auf den ersten Blick schiene der Grexit allen zu helfen. Doch es geht um nichts Geringeres als den Fortbestand des geeinten Europa. Von Michael Bröcker

Ein Euro ohne Griechenland ist eine Win-Win-Situation. In der Wirtschaftstheorie zumindest. Der Reformdruck in der Rest-Gemeinschaft wäre nachhaltig erzwungen und die Mitglieder zugleich ihren finanziellen Klotz am Bein los. Das überschuldete Staatsgebilde Griechenland könnte durch die Abwertung seiner neuen Währung und die daraus entstehenden Chancen wirtschaftlich neu durchstarten. Also worüber noch diskutieren?

Wer den Ökonomen beiseite und den Europäer zu Wort kommen lässt, muss indes zu einem anderen Schluss kommen: No Grexit! Die Finanzmisere eines kleinen Euro-Lands darf nicht das politische Jahrhundertprojekt Europäische Integration infizieren. Welches Bild entsteht, wenn Europa bei der ersten Krise ein Mitglied aus dem Euro drängt? Zu risikoreich, dass Anleger sodann die Schuldenlast Spaniens, Portugals und Italiens erneut ins Visier nehmen. Und: Ein Grexit wäre Aufwind für die nationalistischen Tendenzen von London bis Budapest. Seht her, in Europa gilt die Solidarität nur bis zum nächsten Bankautomaten. Die EU müsste ihre Verträge umschreiben. Europäische Segregation.

Dazu darf es nicht kommen. Auch wenn der Wiederaufbau Griechenlands Deutschland mehr kosten wird als die 80 Milliarden Euro, für die es derzeit haftet (die sind so oder so weg). Auch wenn es zum dritten, wer weiß, zum vierten Hilfspaket kommt. Entscheidend ist, dass Griechenlands Gläubiger nur mit der Zustimmung der gewählten griechischen Regierung einen langfristigen Rettungsplan entwerfen können. Auch an dieser Stelle ist immer wieder gefordert worden, dass Athens Politiker unverschämt agieren und die Troika hart verhandeln müsse.

Es gibt keine langfristige Gesundung der Staatsfinanzen, wenn Athen nicht strukturell spart und die Korruption, dieses Krebsübel der Gesellschaft, bekämpft. Neulich erzählte eine griechische Mutter, dass Ärzte in einer städtischen Klinik vor der Entbindung nach dem "Fakelaki", den Umschlag mit dem Bargeld, gefragt hätten. Diese Reformen bleiben notwendig. 

Der Fortbestand des "geeinten Europa" steht auf dem Spiel

Die Frage ist nur, ob die Euro-Staaten ihrem Mitglied bei der Staatswerdung helfen, oder ob sie Griechenland sich selbst überlassen. Am Montagabend geht es um mehr als die Summe der Reformmaßnahmen. Es geht um den Fortbestand des "geeinten Europa" (Kurt Tucholsky). 

Angela Merkel spricht gerne von der "Hader-Phase", wenn sie über ihre – mitunter langwierige  - Entscheidungsfindung bei heiklen Fragen spricht. Bei Griechenland sind längst alle Argumente ausgetauscht. Jetzt geht es um Haltung. Vielleicht auch ein wenig Ideologie, ja Naivität. Aber Pragmatismus hat Europa genug. 

 
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