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Europa und die Treffen seiner Staatschefs
Das ist doch der Gipfel!

Griechenland und Europa: Das ist doch der Gipfel!
Wenn zwei unter sich etwas absprechen wie einst Sarkozy und Merkel am Strand von Deauville, gleicht das einem Rückfall in die politische Steinzeit Europas. FOTO: AFP
Brüssel. In der Euro-Krise jagt ein Spitzentreffen das nächste. Gipfel sind seit alters her das Mittel der Wahl zur Problemlösung, früher auch inklusive Mord und Totschlag. Inzwischen gipfelt Europa nach Art der Griechen: zivilisiert und leicht chaotisch. Von Frank Vollmer

Es hört nie auf. Gerade erst haben sich die Staats- und Regierungschefs der 19 Staaten der Euro-Zone aus Brüssel wieder zu Hause blicken lassen, da geht das Ganze von vorn los. An diesem Donnerstag und Freitag treffen sich Vertreter aller 28 EU-Staaten in der belgischen Hauptstadt; erwartet wird nicht weniger als eine Lösung der griechischen Finanzmisere. Sonst nämlich läuft das Hilfsprogramm der Geldgeber aus, und Hellas wäre pleite.

Gipfel sind seit alters her das Mittel der Wahl, um Krisen aller Art zu lösen – wie auch sonst? Denn nur beim Gipfel kommen definitionsgemäß die Allerobersten zusammen, die mit Entscheidungsgewalt. Ein Treffen der Euro-Finanzminister ist deshalb gar kein richtiger Gipfel, sondern eben nur ein Treffen. Gipfel, das heißt: Bundeskanzlerin, Premierminister, Staatspräsidenten, Ministerpräsidenten. Und wenn's dramatisch wird, gibt es Sonder- und Krisen-, gar "Dauergipfel", wie es eine Nachrichtenagentur dieser Tage formulierte.

In allen großen europäischen Sprachen, von Großbritannien bis Polen, ist der Gipfel übrigens ein Teekesselchen: eine Bergspitze, aber auch eine wichtige politische Zusammenkunft. Aber nur das Deutsche kennt in der gleichen Metapher den Stoßseufzer, der bei manchem Euro-Treffen gefallen sein dürfte: Das ist der Gipfel!

Griechenland: Die wichtigsten Personen am Verhandlungstisch FOTO: dpa, soe kno

Dabei lebte das Gipfeltreffen die längste Zeit aus der Zweierkonstellation, auch wenn das nicht unbedingt Intimität voraussetzt – schon zu einem der frühesten überlieferten Gipfeltreffen beispielsweise brachte die Königin von Saba laut Altem Testament ein "sehr großes Gefolge" mit zu König Salomo. Am Ende aber kam es stets auf die Begegnung der beiden hohen Herren (es waren immer Herren) an, so wie bei Napoleon und Zar Alexander von Russland, die sich 1807 auf einem Floß in der Mitte der Memel trafen und dort unter vier Augen ohne ihr Gefolge verhandelt haben sollen. Die Großveranstaltung des Wiener Kongresses nach Napoleons Sturz war da eher eine Ausnahme.

Im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts bedeutete "Gipfel" dann: Treffen des US-Präsidenten mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef. Die Fotos von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow vor einem weiß leuchtenden isländischen Holzhaus 1986 sind die Embleme dieser scheinbaren Gipfeleinsamkeit.

Juni 2015: Bilder vom EU-Gipfel FOTO: ap, VM

Natürlich waren auch damals schon Delegationen dabei, Dolmetscher, Helfer, Minister, Adlaten aller Art – Kern des Ganzen war aber immer das Vieraugengespräch. Das ist in Europa anders. Euro-, erst recht EU-Gipfel sind Riesenveranstaltungen mit Hunderten Teilnehmern ohne echtes Zentrum. Die wichtigsten Berater werden sinnigerweise Sherpas genannt, nach den Trägern im Himalaya. Zwar konzentriert sich auch hier das Geschehen auf vier, fünf Zentralgestalten, und manchmal nimmt der eine den anderen ins Gebet, aber ein entscheidendes Gipfel-Paar gibt es nicht mehr. Gipfeltreffen sind politische Großkongresse. Wenn sich doch mal zwei außer der Reihe verabreden wie Angela Merkel und Nicolas Sarkozy 2010 am Strand von Deauville, verstört das den Rest der europäischen Familie sofort nachhaltig.

Mord und Totschlag gibt es auf Gipfeltreffen glücklicherweise auch nicht mehr. Früher konnten sich die Teilnehmer ihres Lebens nicht unbedingt sicher sein – 1419 wurde der burgundische Herzog Johann Ohnefurcht in Montereau bei Paris erstochen, und zwar während einer Unterredung mit dem französischen Kronprinzen Karl. Heute wird höchstens noch ein bisschen rumgeschrien. Natürlich eher von den Männern; Sarkozy war zum Beispiel ein Kandidat, bei dem es auch mal lauter geworden sein soll.

Hintergrund: Worterklärungen zur griechischen Schuldenkrise

Zivilisierung, zugleich eine Art gebändigtes Chaos in großer Runde – das sind fast griechische Verhältnisse. Denn in der Sagenwelt der alten Hellenen gab es so etwas wie ein immerwährendes Gipfeltreffen im buchstäblichen Sinn: Auf dem Dach Griechenlands, dem Olymp, wohnten die Götter. Zwölf Mitglieder zählte die gebirgige Wohngemeinschaft, und auch hier gab es eine Art Austeritäts-Lady, die auf die Einhaltung der Regeln pochte. Hera, Schwester und Gattin des Zeus, hatte alle Hände voll mit den Eskapaden ihres Gatten zu tun und scheute dabei auch einen kräftigen Streit nicht. Die Göttergemeinschaft auf dem Olymp hatte mit erheblichen Abstimmungsproblemen zu kämpfen, funktionierte aber alles in allem leidlich. Wer dabei nicht an die EU denkt, der ist selbst schuld.

Zu Zeiten der Karolinger und Ottonen, vor rund 1000 Jahren also, dominierte die Vorstellung, die persönliche Anwesenheit der Regierenden sei der beste Garant für einen guten Ausgang. Wer sich den Reiseplan der Bundeskanzlerin ansieht, die im Februar, auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise, in einer Woche mehr als 23.000 Kilometer zurücklegte, dem wird klar, dass das Mittelalter noch gar nicht so lange vorbei ist. Ein Gipfeltreffen der Herrscher, so dachte man sich damals, Hunderte Jahre vor der europäischen Währungsunion, diene dazu, Irritationen auszuräumen, die auf unteren Ebenen entstanden waren – unter anderem durch ineffiziente Verwaltung.

Manche Dinge ändern sich nie.

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