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Politik und Mythologie
Alexis Tsipras gibt den zornigen Achill

Griechenland und Mythologie: Alexis Tsipras gibt den zornigen Achill
Wer ist hier wer? Ein Blick in die Mythologie. FOTO: dpa, yk jak cs fpt
Athen. Politiker und Ökonomen sind angesichts der Kapriolen der griechischen Regierung ratlos. Mit Hilfe der griechischen Mythologie lassen sich die Denkmuster von Tsipras & Co. besser erklären. Athens Regierungschef gibt sich als zorniger, jugendlicher Held. Unser Autor Marc Halbach sprach mit dem Offenbacher Kulturphilosophen Professor Martin Gessmann über Analogien aus der Antike. Von Marc Halbach

Warum verstehen wir die Griechen nicht mehr? Was machen wir falsch?

Gessmann Vielleicht gibt es eine Antwort, die im Grunde viel zu einfach klingt, jedoch vieles auf einmal erklärt. Wir kennen das Phänomen von manch anderen Regierungswechseln. Sobald der neue Amtsinhaber in seine neue Residenz eingezogen ist, agiert er wie seine Vorgänger auch. Der Ort prägt offenbar den Menschen und die Politik. Und noch mehr scheint der Ort vorzugeben, welches das Ideal ist, dem man nachstreben muss. So kann ein französischer Präsident versprechen, alles anders machen zu wollen als sein Vorgänger, vor allem viel bescheidener zu sein, und dennoch übernimmt er wie selbstverständlich die Wohnung in einer Seitenstraße des Elysée-Palastes für die neue Maitresse. Irgendetwas vom Stile Ludwig XIV. bleibt auch noch an jedem Sozialisten hängen. In Rom etwas vom alten Rom der Senatoren und so weiter.

Die Frage wäre dann, was bleibt an Tsipras und Varoufakis hängen, was sind die Leitbilder, die sie prägen, vielleicht ohne es wirklich zu bemerken? Woran denken der Regierungschef und sein Finanzminister, wenn sie auf dem Wege ins Parlament noch einmal einen Blick auf die Akropolis werfen?

Porträt: Varoufakis – Medienexperte und Ex-Finanzminister FOTO: dpa, el ase

Gessmann In Griechenland muss man ein Held sein, wenn man in die Geschichte eingehen will. Und was ein Held ist, das hat Homer ein für allemal gültig festgelegt. Im Grunde gibt es nur zwei Typen: den zornigen und jugendlichen Achill, und den schon gesetzten, aber listigen Odysseus. Klarerweise muss in der Verteilung der Rollen Alexis Tsipras den Achill geben, schon wegen seiner Jungenhaftigkeit und seinem inzwischen allbekannten Temperament. Manche haben sich gewundert, wie Tsipras am Freitagmittag noch in Brüssel der coole Verhandlungspartner sein wollte und abends, zurück in Athen, dann das griechische Volk zu einer Kampfabstimmung aufrufen konnte: "zornig aber entschlossen", wie nicht nur die Presse einigermaßen verdutzt feststellen musste. Homer will aber einen zornigen Helden. Erst durch ihn wird der Krieg vor Troja zu etwas Außergewöhnlichem, Sagenhaften, und am Ende sogar zum weltgeschichtlichen Drama.

Wie ist aber zu erklären, dass Tsipras in den Augen vieler Kommentatoren momentan eine absoluten Crashkurs fährt? "Wer zuerst bremst, verliert", war zu lesen. Vielen erschien das Vorgehen Athens hochriskant, und was das politische Schicksal Tsipras' angeht, geradezu selbstmörderisch.

Gessmann Man darf in dem Zusammenhang nicht vergessen, dass Achill seinen Heldenstatus in gewissem Sinne erkauft, und zwar um keinen kleinen Preis: er muss als Held sterben, und zwar als jugendlicher Held. Den Ruhm gibt es also nur, wenn man bereit ist, nach heldenhafter Tat auch gleich wieder aus dem Geschehen auszuscheiden.

Und was ist mit Gianis Varoufakis? Muss er in dem Stück jetzt den Odysseus geben?

Porträt: Alexis Tsipras - selbsternannter Retter Griechenlands FOTO: dpa, sp ase tba

Gessmann In der Tat, das muss so sein. Ein Beobachter der Verhandlungsrunde am vergangenen Freitag gab folgendes zu Protokoll: als der griechische Finanzminister die Runde verließ, nachdem die Gespräche geplatzt waren, sei es doch verstörend gewesen zu sehen, dass Varoufakis keineswegs zerknirscht wirkte, sondern für alle gut sichtbar lächelte. Das kann eben nur, wer mit seinem Griechisch noch nicht am Ende ist und davon ausgeht, dass der Abzug doch nur ein vorübergehender war. Wer also daran glaubt, mit einem strategisch genialen Plan und einer ausgeklügelten List dennoch die Festung einzunehmen, von der man sich gerade gut sichtbar und wie es scheinen soll, für immer, entfernt hat. Varoufakis hat auch zuvor nie einen Hehl daraus gemacht, dass er eine gewisse List in der Verhandlung für angemessen hält und manches pro forma gegebene Versprechen als Trojaner in der Runde der Geldgeber zurücklässt, damit er weiter wirken kann. Mögen sich die Tore der Geldgeber öffnen in dem Augenblick, in dem man mit einer Wiederkehr der Griechen schon nicht mehr rechnet.

Das ist natürlich selbst eine listige Interpretation.  Wieviel ist da aber wirklich dran?

Gessmann Wie wenig weit entfernt Varoufakis von einem mythischen und sagenhaften Denken tatsächlich ist, das zeigt nicht zuletzt der Titel seines Erfolgsbuches "The Global Minotaur". Auch Verwerfungen im modernen Wirtschaftssystem werden zuletzt noch im Zusammenhang einer Bezwingung mythischer Monster gedeutet.

Und wie endet die Geschichte? Mit einem Helden, der nach der kommenden Volksabstimmung abgewählt wird, und einem Finanzkonzept, das durch die Hintertür weiterer Nachverhandlungen kommt und zuletzt doch erfolgreich sein wird?

Gessmann Das hängt natürlich auch davon ab, wie gut die Geldgeber noch ihren Homer kennen. Vielleicht hat der neue Kampf um Troja aber auch eben erst begonnen.

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