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Not, Armut, Hunger
Griechenland versinkt im Elend

Die Armen von Athen
Die Armen von Athen FOTO: dpa, Orestis Panagiotou
Düsseldorf. Noch ist Griechenland nicht pleite. Dennoch ist die Krise keine abstrakte Größe mehr. Wer durch die Straßen der Hauptstadt Athen läuft, begegnet der nackten Not. Bettler, verwahrloste Geschäfte, Obdachlose, anarchistische Parolen. Die Temperaturen sind unter den Gefrierpunkt gesunken. Die große Depression, hier ist sie bereits greifbar. Von Philipp Stempel

Es stürmt in diesen Tagen nahe der Ägäis. Im sonst so sonnigen Griechenland schneit und friert es. Die Witterung passt zur Stimmung im Land. So hitzig der Protest in den vergangenen Monaten auch ausfiel – in der breiten Bevölkerung macht sich Resignation breit. Die ungewohnte Kälte trifft das Land hart. Fünf Tote hat es gegeben. Nicht nur eine Folge des strengen Winters, sondern auch des Siechtums, in dem sich das Land befindet. Immer mehr Menschen landen auf der Straße.

Die Not ist schon längst nicht mehr auf einige wenige Ausgestoßene beschränkt. Sie hat die breiten Schichten erreicht. Jeder fünfte Grieche lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Zahlen der Statistiker variieren. Bei manchen haben 250.000 Menschen im vergangenen Jahr ihre Arbeit verloren, bei anderen sind es gar 320.000. Jeden Monat werden es 20.000 mehr. Bald liegt auch hier die Quote bei 20 Prozent.

Im Teufelskreis

Vor allem die jungen Leute sind betroffen. Eigentlich sollten sie die Zukunft des Landes sein. Doch wie soll das gehen, wenn sie keine Arbeit haben? Fast jeder Zweite findet keinen Job. Insgesamt haben seit Beginn der Krise fast 900.000 Menschen ihren Job verloren. Hunderttausenden Angestellten und Pensionären wurde das Einkommen gekürzt.

Griechenland steckt in einem Teufelskreis. Die Arbeitslosigkeit ist unmittelbare Folge des wirtschaftlichen Niedergangs. Schon fünf Jahre in Folge dauert die Rezession. Sie trifft die Familien in einer Kettenreaktion: Unternehmenspleite, Jobverlust, Arbeitslosigkeit. Und es geht noch tiefer. Denn Sozialhilfe oder Hartz IV kennt der griechische Staat nicht.

Ein "Alptraum"

Ein Jahr lang hilft nach dem Verlust der Arbeitsplatzes der Staat, dann muss die Familie das aufgefangen. Doch bei vielen sind die Ersparnisse bald aufgebraucht. Die Zahl der Obdachlosen soll in den vergangenen zwei Jahren um ein Viertel gestiegen sein. Die Schlangen an den Suppenküchen werden länger.

An drastischen Warnungen besteht in der griechischen Polit-Rhetorik traditionell kein Mangel. So warnte etwa die griechisch-orthodoxe Kirche vor "unkontrollierbaren Zuständen". Die Zahl der Obdachlosen und der hungernden Menschen nehme die Dimensionen eines "Alptraums" an.

Schüler kippen entkräftet um

Doch wie ernst die Lage ist, macht eine Verordnung des Bildungsministeriums viel deutlicher. Weil immer häufiger Kinder im Unterricht entkräftet in Ohnmacht fielen, lässt das Ministerium nun Lebensmittelcoupons verteilen. Von dieser Woche an sollten an 18 Schulen in neun Arbeitervierteln kostenlos Gutscheine für Milch, Früchte und Kekse verteilt werden.

Allem Anschein nach hat tatsächlich der Hunger Einzug gehalten. Einem Bericht der Wiener Zeitung zufolge pilgern inzwischen regelmäßig 250.000 Menschen zu den Ausgabestellen der Suppenküchen. Selbst 200 Fälle von unterernährten Babys sollen inzwischen gemeldet worden sein. Bei Einbrüchen gehe es immer häufiger darum, Nahrungsmittel zu erbeuten. Über Nacht sollen sogar ganze Obstplantagen abgeerntet worden sein.

Arm und Reich spalten das Land

Fraglos, das Land liegt am Boden. Neue Sparmaßnahmen gleichen aus dieser Perspektive dem Versuch, einem nackten Mann in die Tasche zu greifen. Auch deswegen tun sich die griechischen Parteipolitiker so schwer, die Daumenschrauben weiter anzuziehen. Nicht nur, weil sie den Zorn des Volkes bei den bevorstehenden Parlamentswahlen fürchten.

Was Reformen zusätzlich erschwert, ist die Spaltung des Landes. Denn so sehr die neuen Armen unter den Sparzwängen leiden, so sehr haben sich die Reichen bereits davon abgekoppelt. Die Reichen schaffen ihr Geld ins Ausland, kaufen in Berlin und Paris Grundstücke oder verlegen ihre Firmensitze nach London.

Noch mehr sparen

Vor diesem Hintergrund versuchen die Euro-Retter das schier Unmögliche: Griechenland soll vor der Pleite bewahrt werden, auf die es so zielstrebig zusteuert. Gehälter sollen abermals um 20 Prozent gekürzt werden, auch das 13. und 14. Monatsgehalt soll wegfallen. Zudem ist geplant, in den kommenden drei Jahren 150.000 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen. Steuern und Gebühren hat die Regierung bereits erhöht, die daraus resultierenden Einnahmen blieben jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.

Es scheint, als gebe keiner mehr einen Cent auf das hoch verschuldete Land. Griechenlands Verbindlichkeiten dürften in diesem Jahr voraussichtlich das Doppelte der gesamten griechischen Güterproduktion erreichen.

(pst/csi/pst)
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