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Hans-Werner Sinn im Interview
"Der Grexit käme Deutschland nicht teurer"

Hintergrund: Deutsche Top-Ökonomen
Hintergrund: Deutsche Top-Ökonomen FOTO: dapd, Lennart Preiss
Berlin. Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, spricht im Interview über die Möglichkeit eines Grexit. Von Birgit Marschall

Warum geben Sie einem Grexit den Vorzug vor weiteren Rettungsprogrammen für Griechenland?

Sinn Neue Hilfskredite können den Konkurs verschleppen, aber keine neuen Arbeitsplätze schaffen. In Griechenland sind mehr als 50 Prozent der jungen Leute, die nicht in der Schule sind, arbeitslos.

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Wie würde der Grexit ablaufen?

Sinn An einem Wochenende, wahrscheinlich verlängert um ein paar Bankfeiertage, würden alle Lohn-, Liefer-, Kredit- und Mietkontrakte umgestellt von Euro auf Drachme. Das Euro-Zeichen wird durchgestrichen und durch ein Drachme-Zeichen ersetzt. Sie wird dann sofort abwerten. Dadurch wird die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft sehr schnell wieder hergestellt. Importwaren werden zu teuer, deshalb gehen die Inländer wieder zu ihren eigenen Herstellern, die billigere Waren anbieten. Dadurch hat die heimische Wirtschaft wieder zu tun, es werden in den Unternehmen neue Leute eingestellt. Außerdem kehrt das Fluchtkapital zurück, weil Immobilien billig geworden sind, und finanziert einen Bauboom. Es wird aber ein, zwei Jahre dauern, bis Wachstum einsetzt.

Wer ist Hans-Werner Sinn? FOTO: dpa, Tobias Hase

Wann muss Griechenland Kapitalverkehrskontrollen verhängen?

Sinn Die bräuchte man nur, wenn man Griechenland im Euro halten wollte. Sobald die Europäische Zentralbank den Griechen verbietet, immer mehr Ela-Notkredite in Anspruch zu nehmen, wird Griechenland Kapitalverkehrskontrollen einführen müssen. Die können sie dann sofort wieder aufheben, wenn sie die Drachme eingeführt haben.

Porträt: Alexis Tsipras - selbsternannter Retter Griechenlands FOTO: dpa, sp ase tba

Was kostet uns der Grexit?

Sinn Der Grexit käme Deutschland nicht teurer, eher billiger als das weitere Durchwursteln. Der Konkurs von Griechenland kostet uns im Maximum 87 Milliarden Euro, egal ob er im Euro oder außerhalb passiert. Bleibt Griechenland im Euro, wird diese Summe immer größer. Tritt es aus, so kann es auf eigenen Beinen stehen, und braucht nicht immer wieder neue Kredite.

Aber nach dem Grexit müssten wir Griechenland doch weiterhin helfen.

Sinn Ja, sicher, aber gleichzeitig würden neue Jobs entstehen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass der Aufschwung ein bis zwei Jahre nach der Währungsabwertung beginnt. Klar, die ersten beiden Jahre werden hart, aber dann geht es wieder aufwärts, wenn man nicht allzu viel falsch macht.

Braucht die Euro-Zone eine Insolvenzordnung für Staaten?

Sinn Ja! Es ist ein großer Fehler, dass der Maastricht-Vertrag keine Staaten-Insolvenzordnung enthält. Denn der Vertrag sagt ja klar, dass ein von der Pleite bedrohtes Land nicht von den Steuerzahlern der anderen Länder freigekauft werden darf. Die privaten Anleger statt der Steuerzahler sollen bei einer Pleite haften. Aber daran halten wir uns nicht. Damit ist die ganze Sache in ein falsches Fahrwasser geraten.

Ein Grexit wäre wirklich verkraftbar?

Sinn Ja. Der Verbleib Griechenlands im Euro würde zu Domino-Effekten führen, weil dann andere Länder auch durchfinanziert werden wollen. Die Euro-Zone geriete dadurch vollends auf die falsche Bahn. In Zukunft würde es immer wieder von Neuem ein jahrelanges Gefeilsche um Rettungsmittel anderer Länder geben, wenn ein Mitglied in Schwierigkeiten gerät. Das würde dann sehr teuer für uns alle, und vor allem wäre der Dauerstreit um das Geld programmiert. Dabei würde die europäische Idee großen Schaden nehmen.

Birgit Marschall stellte die Fragen.

Quelle: RP
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